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Kneipp-Baden : Vom eisigen Donaubad zur weltweiten Wellnessbewegung

  • -Aktualisiert am

Sebastian Kneipp wollte 1849 seine Tuberkulose heilen, tauchte ins eisige Wasser und entwickelte so eine Therapieform, die noch heute angewendet wird.

          Eigentlich wollte der kränkliche junge Theologiestudent im schwäbischen Dillingen im Winter 1849 nur seine Tuberkulose heilen: Heimlich stahl er sich deshalb mehrmals in der Woche aus dem Priesterseminar, um für sekundenlang ins eisige Wasser der Donau zu tauchen.

          Doch die heilende Wirkung dieser Radikal-Kur war so erfolgreich, dass Sebastian Kneipp im Laufe der Jahre eine ganze Therapieform entwickelte. Inzwischen unterziehen sich unzählige Menschen in aller Welt den Kneippkuren, um mit Wasser, Bewegung, gesunder Ernährung, Heilpflanzen und seelischer Harmonie vor allem Herz- und Kreislaufbeschwerden vorzubeugen oder sie zu lindern.

          „Sündiges Dorf“

          Am 17. Mai feiert Bad Wörishofen im Allgäu den 180. Geburtstag des Pfarrers, der dort von 1855 bis zu seinem Tod 1897 Beichtvater der Dominikanerinnen, Lehrer und später Ortspfarrer war. Anfangs schätzten die Einwohner seine Arbeit gar nicht. Sie waren entsetzt, wenn Patientinnen ihre langen Röcke hoben, um mit entblößten Knien im Dorfbach zu waten.

          Das Taulaufen über Wiesen erregte die Bauern, die über zertrampeltes Gras klagten, und die Zeitungen schrieben vom „sündigen Dorf“. Doch allmählich zahlten sich die Ideen des Wunderheilers, wie ihn viele seiner Zeitgenossen nannten, in barer Münze aus und die Gegner wurden leiser.

          Bad Wörrishofen profitierte von Kneipp

          Immer mehr Kurgäste und Ärzte besuchten Kneipp, um von ihm zu lernen. Hotels, Kurbetriebe und Gaststätten folgten. Heute ist Bad Wörishofen einer der zehn größten deutschen Kurorte mit mehr als 300 Kurbetrieben und rund einer Million Übernachtungen im Jahr. „Die Zielgruppe ist 50 und älter“, sagt Kurdirektor Alexander von Hohenegg. Auch aus dem Ausland reisen viele in die Stadt im Allgäu, allen voran Menschen aus Israel, Österreich und der Schweiz.

          Kneipp, der in äußerst bescheidenen Verhältnissen in Stephansried bei Ottobeuren als Sohn eines Webers aufwuchs, war mit dem Rummel damals nicht einverstanden: „Meine Absicht war es stets gewesen, den Weg der höchsten Einfachheit zu gehen“, schrieb er 1894. Vor allem kritisierte er die zahlreichen Häuserbauten in dem aufstrebenden Tourismusort. Er befürchtete, die Besitzer könnten aus den Kurgästen „alles auspressen“, um Geld für ruhigere Monate einzunehmen.

          „Alter Pfarrerskopf“

          „Wenn noch weitere Badeanstalten errichtet werden, werde ich keine besuchen und niemandem sie anraten.“ Unseriösen Geschäftemachern, die mit seinem Namen Geld verdienen wollten, schob er einen Riegel vor. Er erlaubte nur zwei Würzburger Apothekern, Produkte mit seinem Namen zu vermarkten und legte so den Grundstein für die Kneipp-Werke.

          Der Name taucht in Bad Wörishofen überall auf: Neben dem Museum gibt es unter anderem den Kneipp-Bund, den Kneippärztebund, eine Schule, einen Verlag und eine Akademie für Ärzte-Fortbildung. Doch Kneipps markantes Gesicht mit den buschigen Augenbrauen soll nach dem Willen der Kurverwaltung allmählich aus dem Stadtbild verschwinden. „Vor drei Jahren war er noch auf dem Gastgeberverzeichnis“, sagt Hohenegg. Heute sei er nur noch auf Briefmarken. „Ein alter Pfarrerkopf, damit kann heute keiner mehr was anfangen.“

          „Einfach und billig“

          Auch die Kneipp-Werke wollen das Image modernisieren. Mit „Kneippness“ wollen sie im Rahmen der Wellness-Welle verstärkt junge Menschen anziehen. Für den Vorsitzenden des Kneippärztebundes, Heinz Leuchtgens, haben die Ideen des Heil-Pfarrers immer noch Aktualität. „Der Mensch hat sich in 180 Jahren nicht verändert“, sagt der Mediziner. Gerade angesichts des Sparwillens im Gesundheitswesen hält er Kneipps Ideen für ideal. „Seine Methoden sind einfach und billig.“

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