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Kiefer/Schüttler verlieren Gold : Tränen nach dem Tennis-Drama

Schmerzhafte Niederlage Bild: REUTERS

Aus dem Traum war ein Albtraum geworden, und er wird für Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler lange nachwirken - eine Verarbeitung scheint ausgeschlossen.

          4 Min.

          Es sollte der Tag werden, an dem sich ihr Kindheitstraum erfüllen würde. Der Moment, an dem das Leben mehr für einen parat hält, als man je vermutet hatte, als man selber zu hoffen wagte. Und sie standen schon auf der letzten Treppenstufe, sie hatten schon den Fuß gehoben, um auf den Olymp zu steigen. Aber es wurde ein Albtraum.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Gesicht von Nicolas Kiefer war bleich, die Wangen ausgehöhlt, der Blick ging ins Leere, die Augen fanden keinen Halt. Der Olivenkranz, den die Medaillengewinner in Athen bei der Siegerehrung auf den Kopf gesetzt bekommen, erinnerte plötzlich fatal an eine Dornenkrone. Gegen drei Uhr am frühen Sonntag morgen, bei der vermutlich spätesten Siegerehrung in der Geschichte der Olympischen Spiele, sah man Kiefer an, daß er gerade das Schlimmste erlebt hatte, was ihm in seinem Sportlerleben passieren konnte. Aus dem Traum war ein Albtraum geworden, und er wird lange nachwirken - eine Verarbeitung scheint ausgeschlossen. "Das vergißt man sein ganzes Leben nicht", sagte Patrik Kühnen, der Teamchef der deutschen Tennisspieler, nach diesem Finale im Herrendoppel.

          Dann kamen die Tränen

          Das erste Interview mußte Kiefer abbrechen. "Das war die Chance, die kommt nur einmal im Leben", sagte er. Dann kamen die Tränen, die ersten von vielen in dieser Nacht und vielleicht nicht nur in dieser Nacht. Wenig später erschien Rainer Schüttler, genauso tief getroffen, aber etwas gefaßter. Menschen gehen unterschiedlich mit ihren Emotionen um. Schüttler sprach mit monotoner Stimme, sprach von der Leere, die er spüre, von der bitteren Enttäuschung. Sie hatten beim Stand von 6:2 vier Matchbälle im Tiebreak des vierten Satzes, vier Matchbälle hintereinander. Um 1.43 Uhr konnten sie das Gold schon riechen, stand der größte Moment in ihrer Karriere offenbar unmittelbar bevor. Das Ende des Spiels schien nah zu sein - aber statt dessen begann der Absturz. Sie vergaben alle vier Matchbälle, und 57 Minuten später lagen die Chilenen Fernando Gonzales und Nicolas Massu jubelnd übereinander. 6:2, 4:6, 3:6, 7:6 und 6:4 leuchtete es auf der Anzeigentafel. Nackte Zahlen, dahinter verbarg sich ein sportliches Drama auf der einen Seite, ein bewegender Moment auf der anderen Seite. Es war die erste Goldmedaille für Chile in der Geschichte der Olympischen Spiele überhaupt.

          Erschöpft aber glücklich, die Chilenen Nicolas Massu (r.) and Fernando Gonzalez

          Chilenen kämpfen bis zum letzten Punkt

          Spieler, Trainer und Zuschauer hatten nicht nur eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Im letzten Satz waren sie durchgerüttelt worden wie im Schleudergang einer auf Hochtouren laufenden Waschmaschine. Spät hatte die Partie begonnen, erst um 22.57 Uhr Ortszeit, weil Gonzales schon vorher bewiesen hatte, was Kühnen nachher sagen sollte. Chilenen kämpfen bis zum letzten Punkt, sie verschenken keinen Zähler. Um Bronze im Herreneinzel hatte Gonzales mit dem Amerikaner Taylor Dent jäh gerungen, beim Stand von 5:3 im letzten Satz einen Matchball vergeben. Dieser letzte Durchgang dauerte alleine knapp über zwei Stunden, und nach einer Spielzeit von 3:25 Stunden hatte Gonzales mit dem 6:4, 2:6 und 16:14 die Bronzemedaille gewonnen.

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