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Kanu-Olympiasieger Brendel : „Wir sind heute alle für Stefan gepaddelt“

Olympiasieger Sebastian Brendel Bild: Reuters

Sebastian Brendel wird Olympiasieger im Canadier-Einer, Franziska Weber und Tina Dietze werden Zweite – doch der Tod von Trainer Stefan Henze wirft einen Schatten auf den Jubel.

          3 Min.

          Sebastian Brendel war gerade auf der Suche nach seinen Schuhen, als Thomas Konietzko ihm in die Arme fiel. „Basti, Du bist mein Held“, sagte der Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV). „Das kann man gar nicht in Worte fassen“, sagte Konietzko zu Brendel. Wer genau hinhörte, konnte noch die Steine hören, die Konietzko von den Schultern purzelten. Sebastian Brendel, Sieger der ersten Entscheidung der Rennkanuten auf der Lagoa Rodrigo de Freitas, Sebastian Brendel Olympiasieger im Canadier-Einer, wie vor vier Jahren in London.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Einen Tag, nachdem der deutsche Sport den Tod von Stefan Henze verkünden musste, des im Taxi verunglückten Assistenztrainers der Slalomkanuten, ging es für die Rennkanuten in Rio um die Medaillen. Und wenn es für Rennkanuten um Medaillen geht bei Olympia, dann geht es immer auch um mehr: Um die Dominanz des deutschen Kanurennsports, um Deutschlands Medaillenausbeute bei den Spielen, ums große Ganze des Sports unter der Obhut des Deutschen Olympischen Sportbundes – Medaillenvorgaben, Bundesstützpunkte, Bundesmittel, Nachwuchsförderung. Der Druck, unter dem die deutschen Kanuten, regelmäßig drei Jahre und elf Monate ohne gesteigertes Interesse der Öffentlichkeit unterwegs, in Olympia-Rennen starten, ist nicht unerheblich.

          „Zwei, drei Caipirinhas“

          Und nun, nach dem Unglück, das Stefan Henze ereilt hatte, lag „ein Schatten über diesen Spielen“ für den DKV, wie Konietzko sagte. Rennkanuten und Slalom-Kanuten sind zwei separate Teams, Konietzko glaubte nicht, dass es persönlichen Kontakt gab, aber der Schatten sei so groß, dass „der nicht verschwinden wird.“ Man habe im kleinen Kreis „zwei, drei Caipirinhas“ auf Stefan Henze getrunken am Montagabend, sagte Konietzko. Aber? „Aber die Sportler haben professionell mit der Situation umgehen müssen. Sie müssen ihre Events fahren.“

          Also stieg Brendel um halb sechs aus seinem Bett im Athletendorf, beim Frühstück „ging nicht viel runter“, kam um sieben an der Lagune hinter dem Strand von Ipanema an und paddelte sich ein, bis ihm eine Stunde vor dem Rennen ein stechender Schmerz in die Lendenwirbel fuhr. Am Tag zuvor hatte noch ein starker tropischer Wind über Rio de Janeiro gelegen. Am Dienstag aber ging kaum ein Lüftchen über der Lagune Rodrigo de Freitas, es war heiß, die Sonne stach, schon morgens früh um neun. Ganz ruhig schien das Wasser da zu liegen. Aber das täuschte. „Das Wasser war recht schwabbelig, ungleichmäßig durch die Motorboote und die anderen Kanuten, weil wir hier keinen Einfahrkanal haben“, erzählte Brendel nach dem Rennen. „Und dann habe ich ein paar komische Schläge gehabt und es im Rücken gespürt. Das hatte ich noch nie vor einem Rennen. Warum ausgerechnet heute?“ Brendel legte sich auf die Liege des DKV-Physiotherapeuten Michael Faulstich. Der habe ihn mobilisiert, „weich geknetet“. Brendel konnte starten.

          Nur Silber für Weber/Dietze – nach dem Titel in London ist das für die beiden eine kleine Enttäuschung
          Nur Silber für Weber/Dietze – nach dem Titel in London ist das für die beiden eine kleine Enttäuschung : Bild: AP

          Serghei Tarnovschi aus Moldawien ging nach dem Start zunächst in Führung, doch auf dem Tribünen feuerten die Zuschauer vor allem einen Mann an: Isaquias Queiroz dos Santos aus Ubaitaba im Bundesstaat Bahia im Nordosten des Landes. Seit ein paar Jahren ist der Brasilianer Brendels stärkster Konkurrent, er ist für seine starken Rennstarts bekannt. Es gab schon Rennen, in denen er zu Beginn zwei, drei Bootslängen zwischen sich und Brendel legte. Hier nun, in Rio, schrien die Menschen auf den Tribünen „Brasil, Brasil“, aber Queiroz dos Santos zog nicht mehr als eine halbe Bootslänge davon. Nach 500 Metern lag Sebastian Brendel schon knapp vorn, und auf der Videowand war deutlich zu sehen, dass der Deutsche das Rennen kontrollierte.

          Der Brasilianer, 22 Jahre alt, hatte die höhere Schlagfrequenz und lag doch zurück – und Brendel, 28, ist für seinen starken Endspurt bekannt. Seit 2014 hat der Mann aus Schwedt kein Rennen mehr verloren. „Irgendwann wird es soweit sein“, wird Brendel anschließend sagen. Irgendwann. Auf der Lagune unterhalb der Christusstatue nicht. Eine halbe Sekunde Vorsprung nach 750 Metern. Nach 900 Metern sieht Brendel „im Augenwinkel, dass es reichen wird.“ 1,6 Sekunden, mehr als eine Bootslänge im Ziel. Queiroz dos Santos wird Zweiter, Tarnovschi, Moldawien, Dritter.

          „Ein gutes Rennen. Ich habe immer Kontakt gehalten. Damit habe ich ihm ein bisschen den Zahn gezogen“, fällt Brendel als Erstes ein. Bei der Siegerehrung kommen ihm die Tränen. „Es war super emotional. Der Druck war auf meiner Seite, ich war der Favorit. Vier Jahre Vorbereitung und dann diese Nachricht gestern, das geht an keinem spurlos vorbei. Vielleicht sind wir alle heute ein bisschen für Stefan gepaddelt. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden.“ Am Dienstagnachmittag wollten die deutschen Kanuten an der Gedenkfeier zu Ehren Henzes im Olympischen Dorf teilnehmen.

          Weber/Dietze sind auch mit Silber zufrieden

          Brendel wird als Goldmedaillengewinner dabei sein, Franziska Weber und Tina Dietze, ebenfalls Olympiasiegerinnen von London, als Silbermedaillengewinnerinnen. Sie wurden im Kajak-Zweier von den Ungarinnen Gabriella Szabo und Danuta Kozak geschlagen, um 0,05 Sekunden. So ist das mit dem Anspruch im deutschen Kanurennsport: Eigentlich hatten alle auf Gold gesetzt, auch die beiden Kanutinnen selbst. Hinterher sagte Franziska Weber, sie sei „superglücklich mit Silber“, sie hätten sich nichts vorzuwerfen, seien ein „richtig gutes Rennen“ gefahren.

          Max Hoff, im Kajak-Einer nur auf Platz sieben im Ziel, weinte Tränen der Enttäuschung. Zwei Blätter hatten sich nach 200 Metern im Steuer verfangen, Hoff wurde abgehängt. Thomas Konietzko hatte vor den Spielen gesagt, in jeder Klasse, in der deutsche Boote im Finale stehen, würden sie eine Medaillenchance haben. So ist das mit den Erwartungen an die deutschen Kanuten – manchmal reichen ein paar Blätter, um sie zu enttäuschen. Konietzko wusste genau, warum ihn Brendels Sieg so erleichterte.

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