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: K.o. nach den ersten Schlägen

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München. Besitzt Marcel Hacker eigentlich für jede Stimmung eine eigene Kappe? Am Samstag jedenfalls, nach seinem fünften und vorletzten Platz im WM-Finale von München, stülpte er ein genau zur Lage passendes Modell über seine rasierte ...

          3 Min.

          von EVI SIMEONI

          München. Besitzt Marcel Hacker eigentlich für jede Stimmung eine eigene Kappe? Am Samstag jedenfalls, nach seinem fünften und vorletzten Platz im WM-Finale von München, stülpte er ein genau zur Lage passendes Modell über seine rasierte Glatze: Ohren bedeckt und den gebogenen Schild so tief heruntergezogen, dass man seine Augen nicht mehr sah. Wie ein Boxer, der sein zerschlagenes Gesicht nicht den Blicken preisgeben will. Und tatsächlich hat der Ruderer in seinem Rennen harte Wirkungstreffer einstecken müssen. Schon nach den ersten Schlägen war er k.o. Doch er musste weiterrudern, eine lange Strecke. Erst nach 1500 zermürbenden Metern hinter der ganzen Meute her fand er seinen Rhythmus, doch da war es längst zu spät. Hacker konnte gerade noch um fünf Hundertstelsekunden den Schweden Lassi Karonen abhängen und musste froh sein, dass er nicht Letzter geworden war. Dann hing er erschöpft in seinem Boot, neben ihm trieben die großen, erfolgreichen Meister: Der Neuseeländer Mahe Drysdale, der in München bereits seinen dritten Weltmeistertitel holte. Der tschechische Weltcupsieger Ondrej Synek, der sich in den Vorläufen systematisch zurückgehalten hatte und aus dem Hinterhalt Silber holte. Und der norwegische Olympiasieger Olaf Tufte, der ganz gegen seine Gewohnheit einen Blitzstart hinlegte und trotz seiner Atemprobleme noch Dritter wurde.

          Und dann, während der geschlagene Hacker auf einem Steg kauerte, um pflichtschuldigst den deutschen Fernsehleuten seine Niederlage zu erklären, gab ihm Drysdale, der ihn um siebeneinhalb Sekunden distanziert hatte, den letzten Gong. "Ich hätte gedacht, dass Hacker bei seinem Heimrennen stärker wäre", sagte der Neuseeländer. Ja, da hat der alte und neue Weltmeister recht. Auch Hacker hätte gedacht, dass er in seinem "Swimmingpool", wie er sein Trainingsrevier in München-Oberschleißheim gerne nennt, eine bessere Plazierung erreichen könnte. Aber es ging nicht, trotz aller perfekten Vorrennen nicht. "Wenn du ins Rennen gehst und eventuell Gold gewinnen kannst, dann ist es Mist, wenn du nicht in Tritt kommst", erklärte Hacker mit genervtem Ton. Schwankend zwischen tiefer Zerknirschung und aggressiver Kampfpose versuchte er, sich durch ein Gestrüpp halbfertiger Erklärungen zu kämpfen. "Ich habe Scheiße gebaut", kam dann. "Und dafür muss ich geradestehen." Der dreißig Jahre alte Magdeburger, der für die Frankfurter Germania startet, hat schon glanzvolle Erfolge erlebt. Der Höhepunkt war der Weltmeistertitel 2002 in Sevilla mit Weltbestzeit. Bereits 2000 in Sydney überraschte er mit der olympischen Bronzemedaille, 2003 in Mailand und 2006 in Eton wurde er Weltmeisterschafts-Zweiter. Dazwischen allerdings liegen die krisenhaften Momente. Zum Beispiel bei der WM 2001 in Luzern, als er sich im Halbfinale kopflos verausgabte, den Finaleinzug verpasste und trotzdem bewusstlos vor Erschöpfung ins Wasser fiel. Oder 2004 bei Olympia in Athen, als er vor Kraft strotzend das Halbfinale in Angriff nahm, dann aber scheiterte und seinen ersten Platz im B-Finale wie einen Olympiasieg feierte. Auf dem Grat zwischen positiver Spannung und schädlicher Aufgekratztheit findet Hacker seine beste Leistung. Seine Entourage, allen voran Trainer Andreas Maul, befasst sich deshalb gemeinsam mit ihm mit allen Facetten der Rennvorbereitung. Am Samstag stimmte die Einstellung trotzdem nicht.

          "Ich habe keinen Druck auf dem Blatt gehabt", beschreibt Hacker sein Gefühl auf dem Wasser. "Der Kopf will, aber das Fleisch will nicht." Dabei habe er vor dem Rennen kein schlechtes Gefühl gehabt. Noch beim Einfahren habe es keinen Moment der Unsicherheit gegeben, bestätigt Maul. "Ich bin fest davon überzeugt, dass er das Zeug dazu hatte, mit den anderen mitzuhalten", betont der Trainer. Doch das macht die Demütigung eigentlich noch schlimmer. In diesem hochklassigen Feld der abgezockten Vollprofis überhaupt keine Rolle gespielt zu haben, in der Runde der großen Pokergesichter trotz glänzender Karten keinen Schrecken verbreiten zu können - das dürfte schlimmer sein als simple Schwäche. Doch schnell strafft sich Hacker wieder. "Ich habe nichts zu verlieren", sagt er. Und wer mehr von ihm erwarte, empfahl Hacker, der solle selbst einmal in einem Ruderboot die 2000-Meter-Strecke hinunterfahren. Und überhaupt: "Dass ich nur Fünfter geworden bin, macht keinen schlechteren Menschen aus mir." Im nächsten Jahr will er den nächsten Angriff auf eine Medaille starten. "Dann ist Olympia", sagt Hacker. "Neues Spiel, neues Glück."

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