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Juventus Turin : Del Piero und der Lichtschalter: Fernweh als Weg zum Glück

Del Piero - einer unter vielen und doch ganz besonders Bild: dpa/dpaweb

Alessandro del Piero ist der kreativste Spieler des italienischen Fußballs und der am besten bezahlte obendrein. Außerhalb des Platzes galt er lange als zurückhaltend - das änderte sich erst, als sein Vater starb.

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          Den Ball für das Finale hat sich Alessandro del Piero schon mal geschnappt: Für den Fototermin im Old Trafford von Manchester. Er lacht dabei über das ganze Gesicht und tätschelt Rui Costa vom AC Mailand den Kopf. Das Übliche eben vor einem Endspiel. Und da bei Juventus Mittelfeldspieler Pavel Nedved wegen einer Sperre fehlen wird, ruhen die Hoffnungen des Favoriten auf den Sieg sowie die Hoffnungen der internationalen Fußballfans auf spielerische Höhepunkte allein auf del Piero. Auch dazu sagt er nur, was Fußballstars sich in solchen Fällen angewöhnt haben zu sagen: "Juventus ist nicht nur eine Mannschaft von elf Spielern, wir haben einen Kader von Spielern des höchsten Niveaus. Ich hoffe, daß wir das zeigen können und auch ohne ihn gewinnen."

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Alessandro del Piero, der mit 28 Jahren vier italienische Meisterschaften, die Champions League und den Weltpokal mit Juventus gewonnen hat, mag diese Platitüden eigentlich nicht. Aber solche Antworten wie in Manchester führten mit den Jahren dazu, daß der kreativste Spieler, den der italienische Fußball zu bieten hat, immer wieder als zurückhaltend und verschlossener Mensch beschrieben wird. Und oftmals, so hat er selbst erkannt, "schwingt in diesen Urteilen etwas Negatives mit". Aber er könne nun mal nicht auf jede banale Frage stets mit Begeisterung antworten, sagt del Piero.

          Er wollte immer Fernfahrer werden - oder Fußballprofi

          Vor einigen Wochen, als das Halbfinale gegen Real Madrid und sein wunderschönes Tor beim 3:1 im Rückspiel noch ausstand, hat Alessandro del Piero Einblicke in die andere Seite seines von der Öffentlichkeit ansonsten weitgehend abgeschirmten Lebens gewährt. Der "Zeit" erzählte er von seinen Träumen und von dem langen und schwierigen Weg, der ihn dazu machte, was er heute ist: der mit rund fünf Millionen Euro netto am besten bezahlte Fußballprofi der Serie A, der dazu noch einmal ebensoviel Geld durch Werbeeinnahmen einstreicht. "Als Kind habe ich davon geträumt, Fernfahrer zu werden. Mich reizte die Idee, immer auf Achse zu sein", sagt del Piero. Denn Geld für Reisen in die Ferne war nicht da, für den Sohn eines Elektrikers und einer Mutter, die sich immer um die Kinder und den Haushalt kümmerte. Als Jugendlicher genoß er es, von seinem Vater mitsamt dem talentierten Bruder in einem kleinen Fiat von dem kleinen Dorf Conegliano im Veneto aus quer durch Norditalien zu den Spielen gekarrt zu werden. "Für mich war sehr schnell klar, daß als Alternative zum Fernfahrer nur eine Karriere als Profifußballer in Frage kommen konnte - als reisender Fußballprofi natürlich."

          Angekommen ist er bei Juventus Turin vor zehn Jahren über den FC Padua und seinen Heimatklub San Vendemiamo. Geblieben ist er bei allem Ruhm und Reichtum, was man einen bodenständigen Menschen nennt. Sein Vater habe nie mit ihm über seine Erfolge gesprochen, sagt del Piero, auch nicht als er seinen ersten Vertrag bei Juve unterschrieb. Er habe nicht gewollt, daß ihm der Erfolg zu Kopf steigt. "Das wäre das Schlimmste gewesen für ihn: einen Großkotz als Sohn zu haben."

          Del Piero änderte sein Leben, nachdem sein Vater starb

          Alessandro del Piero sagt, er habe angefangen, sein Leben zu ändern, nachdem sein Vater starb. Er versuche nun, sein Leben zu genießen. Er reiste in die Karibik und kaufte sich eine Wohnung, anstatt das Geld nur zu horten. Er sagt, mit dem Tod des Vaters seien auch seine banalen Probleme verschwunden. Freier sei er seitdem geworden - und viel offener gegenüber anderen Menschen. Zu Giovanni Agnelli zum Beispiel, dem Vater von Juventus Turin, der im Januar starb. Agnelli hatte die Angewohnheit, jeden Morgen um sieben bei del Piero anzurufen, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. "Er fragte immer: ,Del Piero, habe ich Sie geweckt?' Natürlich hatte er mich geweckt um diese Zeit. Ich aber antwortete ihm: ,Nein, avvocato, ich war gerade im Bad.' Irgendwann antwortete ich ihm: ,Ja, Sie haben mich geweckt.' Wie Agnelli reagierte? Er rief fortan um acht an."

          Auch als Star eines Teams, dessen Wert auf über 300 Millionen Euro veranschlagt wird, holt del Piero vor dem Finale lieber den Erinnerungsschatz der Vergangenheit hervor. Noch heute genießt er als Multimillionär auf dem Trainingsplatz den Geruch frisch geschnittenen Rasens, seinen Kindheitsgeruch von Glück und Freiheit. Und damals versuchte er noch, in der Garage den Lichtschalter mit dem Ball zu treffen. "Ein gezielter Schuß, und das Licht ist aus. Heute suche ich den Lichtschalter im gegnerischen Tor", sagt er. Alessandro del Piero wünscht sich, den Schalter auch im Finale zu finden: "Schuß, klick, und das Träumen beginnt."

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