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Jürgen Klopp : "Harry Potter" in Mainz

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Jürgen Klopp: Gestern Spieler heute Trainer Bild: dpa

"Spieler-Trainer" Jürgen Klopp zauberte beim FSV Mainz 05 ein Team der Namenlosen an die Spitze der zweiten Liga.

          In den Vip-Raum führt eine schmale Eisentreppe. Davor eine Tür wie für einen Heizungskeller. Von den maroden Holzbuden bröckelt der Lack, die morschen Fensterläden ein Fall für die Gebäudeversicherung. An den vor Schmutz ergrauten Containern mit dem leuchtend roten Hinweisschild "Geschäftsstelle" wackeln die Kunststoffrolläden im Wind direkt neben der Stadionwand.

          "Fußball spielen hinter der Haupttribüne verboten" steht auf einem Zettel von der Stadtverwaltung. Die Schaltzentrale des Mainzer Fußballs versprüht eingeklemmt zwischen Eislaufhalle und Universität im Herbst 2001 ihren ganz eigenen Charme. Und mitten drin er. Jürgen Klopp, der "Harry Potter" der zweiten Liga.

          Ein Mann, der sich hier wohl fühlt und Wunderdinge trotz vieler Widerstände vollbringt. Mit "Fußballern, die keiner haben wollte", stürmt er an die Tabellenspitze. Die Zeitungen schreiben, dass der Aufstieg in die Bundesliga droht. Das "Stadion am Bruchweg" ist nicht erstligatauglich meint der DFB. Jetzt hilft Landesvater Kurt Beck mit Geld für einen Ausbau.

          Die Zauberschüler aus Mainz

          Kaum einer würde besser in dies sympathische Durcheinander passen, in dem sie Jahre lang Trainer im Akkord entlassen haben, als Klopp. "Wenn einer Verständnis für Schwächen hat, dann ich", sagt er. "Ich hatte selber viele", sagt der Mann mit der Nickelbrille. "Harry Potter? Die Leute müssen sich irgendwie erklären, warum wir da oben sind", meint er und grinst. "Aber meine Co-Trainer sehen wirklich aus wie Ron und Hermine". Ron und Hermine sind die Schulfreunde vom kleinen Zauberschüler und liebenswerten Außenseiter Harry Potter.

          In Mainz kommt eine Mischung aus "fliegendem Klassenzimmer" und einer Prise Abenteuer aus Piratenfilmen dazu. "Von uns hatte keiner richtig Erfolg. Wir sind in die Saison gegangen und wollten was reißen". Und mitten drin er. Ein Trainer, als Übergangslösung gedacht, der sagt, einer seiner größten sportlichen Erfolge, sei "der Gewinn des Pfingstturniers des TuS Ergenzingen" gewesen. Ein Schwabe, 36 Jahre, 325 Zweitligaspiele für den 1. FSV Mainz 05.

          Ruf als Intellektueller

          "Es ist eine günstige Konstellation", sagt er. "In Mainz wollen alle, dass es funktioniert. Nach sieben Siegen ist die Mannschaft heiß wie Frittenfett auf den achten Erfolg". Mainz 05 steht auf den Kleinbussen, die in der Kaserne der Bereitschaftspolizei Rheinland-Pfalz parken. Klopp und seine Spieler trainieren hier, weil die Plätze am Bruchweg "im Eimer sind". 25 Minuten Fahrt durch die Stadt, die Sitze der Autos notdürftig mit Kreppband geklebt. Als Zweitligatrainer darf man nicht kleinlich sein. Klopp bleibt gelassen.

          Selbst der Mann von der Polizei, der für das Werksheft der Kaserne fotografiert, darf unbehelligt mitten im Training über den Platz latschen. Nichts bringt den Diplom-Sportwissenschaflter aus der Ruhe. Nicht sein Ruf als Intellektueller ("Es kommt schon vor, dass ich ein Buch lese"), nicht die Bundesliga ("Wir spinnen nicht was die Zukunft angeht") und nicht einmal vor seinem 12 Jahre alter Sohn Marc ("Ein super Typ"), wenn der ihm nach einem Auftritt im Fernsehen sagt, dass er viel zu viel Mist gelabert habe. "Ich lebe ein normales Leben", sagt er. "Das einzige, was fehlt, ist die Distanz zur Mannschaft".

          Kampf dem "Faktor Zufall"

          Es war ein eigenartiger Moment als er nach zwölf Jahren seinen Platz in der Kabine räumte und plötzlich Trainer war. "So komisch das klingt", sagt er. "Ich war auf nichts im Leben besser vorbereitet als auf das. Ich habe mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten als Trainer als ich sie in mich als Spieler hatte". Jetzt will er dem "Faktor Zufall" auf dem Fußballplatz aus dem Weg räumen.

          "Sieg und Niederlage müssen erklärbar sein", sagt er. "Man muss Spiele gewinnen, weil man eine Entwicklung durchgemacht hat", sagt er. "Keiner verliert ein Spiel, weil er irgendwo einen Zweikampf verloren hat". Darüber hat er auch schon mit Paul Breitner gestritten, der mit den jungen Trainern Klopp und Rangnick nichts anfangen konnte, die ihm zu wenig Respekt vor großen Namen zeigten. Nur eine Werbepause hat Breitner damals im Deutschen Sportfernsehen davor bewahrt, vor Publikum belehrt zu werden.

          "Ich bin noch an dem Punkt, wo ich immer noch der bin, der ich immer war. Das ist nicht immer gut. Aber wenn ich mich warm rede, dann geht es nicht um Ankommen, dann mache ich schon mal einen Seelenstrip", sagt Klopp. "Ich wollte immer nur eines, ich wollte dieses Spiel spielen und jetzt genießen wir es in Mainz gerade, dass wir das auf diesem Niveau können".

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