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F.A.Z.-Interview : "Jedes Team hat Interesse an Jan Ullrich gehabt"

  • Aktualisiert am

Sportdirektor Bruyneel (r.) und sein Topfahrer Armstrong Bild: dpa

Im F.A.Z.-Gespräch bestätigte Johan Bruyneel, Sportdirektor des Radrennstalls U.S. Postal, das Interesse an Jan Ullrich und erklärt den Unterschied zwischen Lance Armstromg und der Konkurrenz.

          Der Belgier Johan Bruyneel, 38 Jahre alt, hat 1999 beim Team U.S. Postal Service als Sportdirektor begonnen und mit Lance Armstrong sofort eine Serie von vier Toursiegen erlebt. Bruyneel war zwölf Jahre lang Profi gewesen, die längste Zeit beim spanischen Team Once. Er gewann zwei Etappen der Tour de France, trug 1995 einen Tag lang das Gelbe Trikot des Spitzenreiters und siegte 1991 beim Frankfurter Rennen "Rund um den Henninger-Turm".

          Warum haben Sie Jan Ullrich nicht verpflichtet?

          Warum wir nicht Jan Ullrich verpflichtet haben?

          Ja. Es heißt, Sie hätten ihn verpflichten können.

          Leider nicht. Ich sage nicht, daß er uns nicht angeboten wurde. Aber wir waren nicht in der Lage, ihn zu verpflichten, finanziell. Ich glaube, jedes Team hatte im Winter mehr oder weniger Interesse an ihm und hat geprüft, wie die Möglichkeiten waren, ihn zu verpflichten. Wir waren eines davon.

          War es ein ernsthaftes Angebot? Wäre er für seinen größten Rivalen gefahren?

          Wir haben nie direkt miteinander gesprochen. Ich höre immer erst einmal zu, wenn ein guter Fahrer auf dem Markt ist, um zu sehen, welche Absicht dahintersteckt. Es war ernst. Aber wir sind nicht weitergekommen.

          Hat sein Manager ihn angeboten?

          Nein, das geschah durch jemand anders.

          Was sagt das über einen Fahrer aus, wenn er bereit ist, für seinen größten Rivalen zu fahren?

          Ullrich hat mir nie gesagt, daß er bereit sei, für seinen größten Rivalen zu fahren. Vielleicht war er mit diesem Angebot nie einverstanden.

          Wird Ullrich zurückkommen?

          Ich hoffe es. Der Radsport braucht große Champions wie ihn. Er ist ein Naturtalent, eines der größten, die ich je gesehen habe.

          Arbeiten Sie am fünften Toursieg von Armstrong, oder planen Sie bereits den sechsten?

          Wir bereiten uns auf die Tour 2003 vor, auf nichts anderes. Jede Tour de France ist anders. Wir versuchen, ein paar Dinge so gut wie möglich zu machen, und im Juli müssen wir abwarten, in welcher Form die anderen antreten.

          Telekom hat eine neue Mannschaft mit Cadel Evans, Paolo Savoldelli und Santiago Botero . . .

          . . . und Andreas Klöden.

          Betrachten Sie ihn auch als Konkurrenten für Armstrong?

          Keiner von ihnen ist vielleicht ein direkter Rivale, aber alle zusammen können es sein - wir haben Alexander Winokurov vergessen. Telekom hat ganz entschieden ein gutes, starkes Team. Sie haben eine Menge guter Fahrer, die zusammen großen Schaden anrichten können.

          Wollen Sie damit sagen, daß sie eher das Rennen zerstören als die Tour gewinnen können?

          Ich sage nicht, daß sie keinen Fahrer haben, der die Tour gewinnen könnte. Aber sie haben keinen Rivalen wie Ullrich oder Joseba Beloki. Sie können immer gefährlich sein, vom ersten bis zum letzten Tag, in der Ebene und in den Bergen.

          Das haben wir auch vom Team Once in den vergangenen Jahren gedacht . . .

          Once hat es versucht. Jeder kann angreifen, aber die Kunst ist, dranzubleiben. Manchmal kann eine Attacke die eigenen Mannschaftskameraden eliminieren. Auf dem höchsten Niveau ist der Unterschied ganz klein zwischen da sein und nicht da sein. Ein kleiner Antritt kann dein Team umbringen und dich selbst, besonders in den Bergen.

          Was macht Armstrong so anders als andere Radprofis?

          Er ist gar nicht so anders. Er ist sehr entschieden. Er ist im Kopf sehr stark. Je mehr Herausforderungen er erlebt, desto stärker wird er. Das Schlimmste für Lance wäre, in ein Rennen wie die Tour zu gehen und sicher zu sein, daß er es gewinnt. Er braucht Hindernisse, über die er sich hinwegsetzen muß.

          Glauben Sie, daß seine familiäre Situation, die Trennung von Frau und Kindern, auch diesen Effekt haben wird?

          So ist das ja nicht. Sie haben sich nicht getrennt. Sie kommunizieren miteinander und arbeiten dran. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich weiß es nicht. Ich glaube eher nicht; das ist etwas anderes.

          Starten Sie beim Circuit de la Sarthe, um das Comeback von Ullrich zu sehen?

          Wir wußten nicht, daß Ullrich dort fährt. Aber ich habe gehört, daß er in guter Form ist, mager und bereit fürs Rennen. Alle werden neugierig sein. Am neugierigsten wird Ullrich selbst sein.

          Ullrich hat einen belgischen Sportdirektor, Armstrong hat einen, Telekom hat einen, und das sind längst nicht alle. Warum ist das so?

          Ich glaube, wir haben eine Radsport-Kultur in Belgien. Wir sprechen verschiedene Sprachen, wir sind flexibel. Radsport ist harte Arbeit, aber vor allem ist es Leidenschaft.

          Was bedeutet die Flandern-Rundfahrt?

          Sie ist der schönste aller Klassiker, besonders für Zuschauer. Sie ist spektakulär, sie ist ein Feiertag in Flandern. Alle Leute sind auf der Straße.

          Wie fanden Sie sie als Fahrer?

          Ich bin sie nie gefahren. Im Ernst: In meinem ersten Jahr als Profi bin ich gestartet und habe nach zweihundert Kilometern entschieden, daß dies nicht meine Art von Rennen ist. Ich bin nie zurückgekommen. Paris-Roubaix bin ich kein einziges Mal gefahren.

          Die Fragen stellte Michael Reinsch.

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