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Jahresrückblick : Die schönen Spiele von Salt Lake und ihr skandalöses Ende

  • -Aktualisiert am

Das deutsche Gesicht von Salt Lake City: Evi Sachenbacher Bild: dpa

Eine Woche lang waren es nahezu perfekte Winterspiele. Dann holten die Skandale und Krisen Salt Lake City ein. Der FAZ.NET-Jahresrückblick: Olympia 2002.

          3 Min.

          Mitten in der nächsten Wintersportsaison sind die Olympischen Winterspiele 2002 bereits ein Teil der Sporthistorie. Die Olympiasieger von Salt Lake City müssen schon wieder im Sportalltag um Weltcup-Punkte kämpfen. Was ist von den zwei olympischen Wochen im Februar geblieben? Die deutschen Langläufer - die Überraschung der Spiele - haben sich etabliert. Die Rodler dominieren. Die Krise der alpinen Ski-Rennfahrer geht weiter. Deutschland ist eine Wintersport-Nation.

          FAZ.NET bilanzierte die schönen Spiele und ihr skandalöses Ende im Februar:

          Als der smarte Organisationschef Mitt Romney nach einer Woche sagte, es könne nur noch schlechter werden, da meinte er das Wetter und den Verkehr. Doch seine Prognose traf auf die kompletten bis dahin so makellosen Winterspiele in Salt Lake City zu.

          Nach 17 olympischen Tagen hatte ein bis dahin in diesem Ausmaß ungekannter Skandal bei den Preisrichtern im Eiskunstlauf die Spiele erschüttert. Als eine Folge drohte die russische Mannschaftsführung einige Tage später damit, die restlichen Wettkämpfe und die Schlussfeier zu boykottieren.

          Der Kalte Krieg war für mehrere dramatische Stunden wieder in die Welt des Sportes eingezogen. Und zum Abschluss der Spiele erschütterte der größte Doping-Skandal in der Geschichte der Winterspiele um den dreifachen Olympiasieger Johann Mühlegg und die russischen Spitzenläuferinnen Larissa Lazutina und Olga Danilowa Salt Lake City.

          Angst vor Anschlägen blieb unbegründet

          Dabei hatte in der ersten Woche alles danach ausgesehen, als würden die Bilder der schneebedeckten Gipfel der wunderschönen Wasatch Mountains und der strahlenden Sieger die Erinnerung an die XIX. Winterspiele prägen. Die Befürchtungen, mit denen viele in die Mormonen-Hauptstadt am Großen Salzsee gereist waren, hatten sich schnell als unberechtigt bewiesen.

          Die Furcht vor einem Anschlag in dem kriegführenden Staat blieb glücklicherweise unbegründet. Tausende Soldaten und Sicherheitskräfte bewachten den Olympischen Frieden. Es geriet bald in Vergessenheit, dass die Olympischen Spiele nach den Terroranschlägen vom 11. September ernsthaft in Frage standen.

          „Brillante Spiele“ - „Hervorragende Spiele“

          Selbst die ständigen Kontrollen, die unzähligen Schritte durch die Metalldetektoren und die kilometerlangen Maschendrahtzäune konnten die von Sympathie geprägte Stimmung nicht trüben. In Sachen Freundlichkeit und Kompetenz haben die vielen Freiwilligen und Sicherheitsleute ohnehin einen Maßstab gesetzt. IOC-Präsident Jacques Rogge, der ja eigentlich keine Vergleiche mehr ziehen wollte, rühmte sie zu Recht als „best ever“. Das gilt wohl auch für das fehlerfreie Organisationskomitee.

          Doch am Montag der zweiten Woche wurden die schönen Spiele von Salt Lake City von mehreren Skandalen erschüttert. Auch wenn die offizielle IOC Sprachregelung „brillante Spiele“ (Vizepräsident Thomas Bach) oder „hervorragende Spiele“ (Rogge) in den Geschichtsbüchern sehen will.

          Top-Quoten dank Skategate

          An der harten Wende trägt das IOC eine Mitschuld. Die menschlich und vom Standpunkt des Fairplay nachvollziehbare Entscheidung, dem betrogenen Eiskunstlaufpaar Jamie Sale und David Pelletier eine zweite Goldmedaille zu verleihen, löste eine Protestwelle aus und war schließlich sogar eine der Ursachen für die kopflose russische Boykott-Drohung. Mit den Folgen ihrer Doppelgold-Entscheidung, die auch unter dem immensen Druck der amerikanischen Medien fiel, hatten die Funktionäre nicht gerechnet.

          Für das unschuldige russische Paar, das wegen einer erschreckenden Preisrichterabsprache trotz schwächerer Leistung als Olympiasieger benotet wurde, waren die Tage ein Spießrutenlauf. Beim amerikanischen Olympiasender NBC, dessen Quoten dank Skategate in die Höhe schnellten, liefen ständig Zeitlupen, die die kleinen Fehler von Elena Bereschnaja und Anton Sicharulidse beweisen sollten.

          Fall Mühlegg als Fortschritt im Anti-Doping-Kampf

          Eine Dauerdemütigung für die Russen. Als sich dann auch noch das Eishockey-Team benachteiligt fühlte, die Langlaufstaffel der Frauen wegen eines zu hohen Hämoglobinwertes von Larissa Lazutina nicht antreten durfte, kochten die Gemüter über. Rogge musste einen Brief an Staatspräsident Putin schreiben, damit die russische Delegation ihre völlig überzogene Drohung zurücknahm.

          Die zweite Krise war gerade überstanden, da traf die Nachricht vom gedopten Olympiasieger Johann Mühlegg ein. Larissa Lazutina und Olga Danilowa gesellten sich dazu. Die ersten Dopingfälle der Spiele, der größte Doping-Skandal seit Ben Johnson. „Wir haben einen Fortschritt im Kampf gegen Doping gemacht“, kommentierte Rogge. Das IOC reagierte schnell. Noch vor der Schlussfeier wurden die Athleten ausgeschlossen, die Goldmedaillen vom Wochenende aberkannt.

          Olympische Realität

          Der eigentliche Skandal ist allerdings, das Mühlegg zwei seiner drei Goldmedaillen behalten darf, er hatte sie vor dem positiven Test gewonnen. „Vom juristischen Standpunkt her kann man ihm die Medaillen nicht abnehmen. Vom moralischen Standpunkt ist er kein Olympiasieger“, sagte Rogge.

          Wenn Rogge und Bach die Skandale und Krisen von Salt Lake City einhellig als Episoden abtun, die den Gesamterfolg nicht beeinflussen konnten, ist das sicherlich zu sehr durch die IOC-Brille betrachtet. In der zweiten Woche hat die olympische Realität das IOC und die Spiele eingeholt.

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