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IOC-Session : Rogges große Kür vor der Pflicht

  • Aktualisiert am

Gesprächsbereit: Jacques Rogge Bild: AP

IOC-Präsident Rogge fordert eine „Fortsetzung des furchtlosen Kampfes gegen Doping“. Ob er zumindest die Programmreform durchsetzt, ist völlig offen.

          2 Min.

          Bei der Eröffnung der 114. Vollversammlung im Palacio de Bellas Artes von Mexiko-Stadt hatte Jacques Rogge am Mittwochabend seinen großen Auftritt.

          In freier Sprache umriss der belgische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Spanisch, Französisch und Englisch scharf sein Programm der Erneuerung. Er forderte eine „Fortsetzung des furchtlosen Kampfes gegen Doping“ und rief den Sport dazu auf, „keine Gnade zu zeigen gegenüber Korruption und Manipulationen“. Das war die Kür.

          Ausgang der Abstimmung ist offen

          Seit diesem Donnerstag geht es bei den Arbeitssitzungen der Session um die Pflicht. Und da muss er am Freitag vor den 117 IOC-Mitgliedern mindestens so überzeugend wirken, wenn er die erste Etappe der Reform des Programms Olympischer Spiele bewältigen will.

          „Der Ausgang der Abstimmung ist völlig offen. Ganz viel hängt von Rogge selbst ab“, sagt IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Gemeint ist das Votum über die Streichung von Baseball, Softball und Modernem Fünfkampf aus dem Programm der Peking-Spiele 2008.

          Abstimmung ohne Empfehlung

          Erst trägt die Programm-Kommission des IOC ihre Argumente für einen Ausschluss vor. Dann dürfen die Präsidenten der drei Weltverbände ein zehnminütiges Plädoyer halten. Dann stimmt die Vollversammlung in geheimer Wahl ab. Rogge wird die Ergebnisse im Block verkünden.

          Da der Präsident nicht mitstimmt, ist der Verband gerettet, der mindestens 58 Voten auf sich vereinen kann. Im Luxushotels Camino Real des IOC-Mitglieds Olegario Vazquez Rana kann alles passieren: Dass die Abstimmung verschoben wird, dass befunden wird über einen Ausschluss erst zu den Spielen 2012, auch dass alle Sportarten überleben, zumindestens aber zwei.

          Führungslosigkeit als Kalkül

          Rogge hat die Totaldemokratie ausgerufen, es gibt keinerlei Empfehlung durch das Exekutivkomitee, die Regierungsmitglieder sind verpflichtet, in keiner Weise Partei zu ergreifen, „jedes Mitglied soll sich völlig frei entscheiden können“, sagt der IOC-Präsident. Das ist völlig neu und war unter dem „Großen Führer“, wie Rogge- Vorgänger Juan Antonio Samaranch am Mittwoch bei der Eröffnung vom mexikanischen Boss aller Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Mario Vazquez Rana, genannt wurde, undenkbar.

          Doch was eine Reihe von IOC- Mitgliedern Rogge als Führungslosigkeit ankreiden, ist Kalkül. Der 60-jährige ehemalige Weltklassesegler hat längst den scharfen Gegenwind gespürt. So machte er aus der Not eine Tugend, er dreht rechtzeitig bei. Verliert er am Freitag, kann er sagen: Seht her, was für ein großer Sieg für die Demokratie.

          Kritik von Tröger, Bach und Baar

          In seltener Einmütigkeit üben alle drei deutschen IOC-Mitglieder Kritik am Verfahren. Bach hat im Exekutivkomitee für eine Abstimmung über einen Ausschluss 2012 votiert, vor allem aus Rücksicht auf die Athleten-Generation, die sich in diesen drei Sportarten schon jetzt auf die Peking-Spiele vorbereitet.

          Dem stimmt auch Walther Tröger zu, der zudem bemängelt, die Programmkommission habe die Vorschläge mit „heißer Nadel gestrickt, sie hat nicht genug nachgedacht“. Roland Baar schließlich, der in der Programmkommission mitgewirkt hat, kann überhaupt nicht verstehen, dass Rogge und die Exekutive sich so neutral verhalten, „sie müssten die Vorschläge doch voll unterstützen“.

          „Hut ab“ vor Schormann

          Vielleicht wird ein anderer Deutscher zum kleinen Helden der Außerordentlichen Vollversammlung am Freitag. Klaus Schormann, der umtriebige Lehrer aus Darmstadt, hat in den letzten drei Monaten bis zur Erschöpfung für das olympische Überleben des von ihm angeführten Weltverbandes für Modernen Fünfkampf gekämpft.

          In Gesprächen mit 80 IOC-Mitgliedern hat Schormann die Überzeugung verbreitet, dass Olympia mit der von Pierre de Coubertin gegründeten Sportart „seine Seele verlieren würde“. „Hut ab“, sagt Bach, und längst nicht nur er.

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