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IOC-Session : Reiseverbot bleibt bestehen

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An den Schalthebeln der Macht: Jacques Rogge Bild: dpa

Mit 108:6 Stimmen sprach sich die 114. Session des Internationalen Olympischen Komitees in Mexiko-Stadt gegen eine Wiederzulassung der Besuche von IOC-Mitgliedern aus.

          Als die Redeschlacht geschlagen war, griff Jacques Rogge auf den „Samaranch-Trick“ zurück. Wie drei Jahre zuvor Juan Antonio Samaranch fragte sein Präsidenten-Nachfolger die Kollegen der Vollversammlung nicht, ob sie für ein Besuchsverbot von Olympia-Städten sind - die Frage lautete: Sind Sie dagegen?

          Nur sechs der anwesenden 116 Olympier fanden den Mut, sich durch Handheben zur Abschaffung des 1999 beschlossenen Verbots zu bekennen. Der 60-jährige Belgier feierte am Donnerstag in Mexiko-Stadt so seinen ersten großen Sieg als Präsident, und endgültig gerettet war die öffentlichkeitswirksamste Reform des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) als Folge des Bestechungsskandals um den Olympia- Bewerber Salt Lake City.

          Starke Worte

          Er hatte zehn IOC-Mitglieder den olympischen Job gekostet. Bei der mit Emotionen geführten Diskussion fielen starke Worte. „Das Besucherproblem hat uns 1999 beinahe umgebracht. Ich fordere Sie auf, nicht in die Vergangenheit zurückzukehren“, sagte der australische Vizepräsident Kevan Gosper. Sein deutscher Kollege Thomas Bach meinte: „Unsere Integrität würde bei Aufrechterhaltung des Verbots nicht geschwächt, sondern gestärkt. Wie würden Sie sich bei einem Besuch fühlen, wenn Sie von allen Seiten mit Misstrauen beäugt würden?“

          Der Amerikaner James Easton erklärte: „Wir würden mit einem Aufheben des Verbots eine schlechte Botschaft an die Welt schicken.“ Da gerieten Besuchsbefürworter wie der Kanadier Paul Henderson, der die olympischen Visiten als „unverzichtbar“ für die Bewerber erklärte, stark in die Defensive. Entscheidend für das klare Votum waren jedoch Rogges geschicktes Taktieren und Argumentieren und eine Ausnahmegenehmigung.

          Unnütze Reisekosten

          „Das Verbot bringt niemand in den Verdacht der Bestechlichkeit. Es hat nichts mit Integritätsverlust zu tun. Ich vertraue jedem im Saal“, sagte der IOC-Präsident. Mittlerweile seien die Ergebnisse der Prüfungskommissionen so aussagekräftig, dass Individualbesuche keinen Sinn mehr machten.

          Die Reisekosten von 10 Millionen Euro pro Spielebewerbung seien herausgeworfenes Geld, „lasst es uns lieber für unsere Sportler ausgeben“. Die in Mexiko-Stadt beschlossene Ausnahmeregelung besteht darin, dass bei der Bewerbungskampagne für die Spiele 2012 erstmals IOC- Mitglieder Kandidaten-Städte aus beruflichen und familiären Gründen besuchen können, wenn sie dabei nicht mit dem Bewerbungskomitee in Kontakt treten.

          Selbst Tröger findet's akzeptabel

          Eine Ausnahme, gegen die der niederländische Kronprinz Willem („Nicht praktikabel“) vergeblich anging, die aber von Walther Tröger begrüßt wurde. Sie trug wesentlich dazu bei, dass der NOK-Ehrenpräsidenten seine Gegnerschaft zum Besuchsverbot („Entmündigung“) aufgab: „So kann ich die Regel akzeptieren.“

          Das Aufatmen in der IOC-Spitze am Ende des ersten Sessionstages war hörbar. Rogge, dessen zweite Prüfung nun mit dem Versuch des Sportarten-Ausschlusses von Baseball, Softball und Modernem Fünfkampf in der Nacht zum Samstag folgte, strahlte. Bach zeigte sich „100- prozentig zufrieden“ und Tröger erleichtert, „dass das Thema unblutig erledigt wurde“.

          Der Kanadier Richard Pound meinte gar, das Problem sei nun endgültig geklärt. „Ich würde mich sehr wundern, wenn es in der Amtszeit Rogges noch einmal diskutiert werden müsste.“ Diese Amtszeit reicht mindestens bis 2009 - maximal bis 2013.

          Zunehmende Terrorgefahr

          Für den Schatten auf den Sportgipfel in Mexiko sorgt die weiter zunehmende Terrorismusgefahr. Sie könnte für den Sport an die Wurzeln seiner Existenz gehen und auch jene Spareffekte zunichte machen, die Pound als Vorsitzender der Reformkommission für Olympische Spiele vortrug: Geringere Kosten durch weniger Akkreditierungen (die bei den Sydney-Spielen 2000 auf 20.000 angewachsen waren), durch weniger aufwändige Sportstätten, eingeschränkten Service und besseres Management.

          Angesichts des Terrors ohne Ende in der ganzen Welt probt der Olympia-Gastgeber Athen fast täglich seinen Großeinsatz für die Spiele 2004 und wird kaum auskommen mit jenen 600 Millionen Euro, die für die Anti-Terror-Maßnahmen vorgesehen sind. Vergeblich hat das IOC versucht, seine Olympia-Einnahmen zu versichern.

          Versicherungen verweigern sich

          Die Raten sind in astronomische Höhen geschossen, oder Versicherungen verweigern jedes Risiko. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Reserven zu Lasten seiner Partner Organisationskomitees, Sportverbände und Nationale Olympische Komitees (NOK) kurzfristig bis Ende 2004 um 52 auf 192 Millionen Euro zu erhöhen.

          So viel benötigt die Weltorganisation, um bei Ausfall der Athen-Spiele eine Vierjahres-Periode zu überstehen. Keinerlei Absicherung gibt es für die an den Olympischen Spielen beteiligten Verbände und NOKs. Gingen den 28 Weltverbänden jene 250 Millionen Euro verloren, die ihnen für ihren Athen-Einsatz vom IOC zugesagt sind, stünde die Mehrzahl von ihnen vor dem Ruin.

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