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Interview : Volker Zerbe: Comeback des "Seuchenvogels"

  • Aktualisiert am

Comeback im Nationalteam: Volker Zerbe Bild: dpa

Eigentlich wollte er nie wieder für Deutschland spielen: Handballer Volker Zerbe im FAZ.NET-Interview über sein Comeback im Nationaltrikot.

          3 Min.

          Eigentlich wollte er nie wieder für Deutschland spielen. Nach 248 Länderspielen hatte Volker Zerbe endgültig die Nase voll und nach dem Viertelfinal-Aus in Sydney seinen Rücktritt erklärt. Doch der Linkshänder vom Bundesliga-Tabellenführer TBV Lemgo konnte dem Drängen von Bundestrainer Heiner Brand nicht mehr länger widerstehen.

          Am kommenden Freitag beim vorletzten Testspiel gegen Russland in Nordhorn, exakt eine Woche vor dem Auftaktspiel der deutschen Handballer bei der Europameisterschaft in Schweden, kehrt der 2,11-Meter-Riese ins Aufgebot der DHB-Auswahl zurück. Im FAZ.NET-Interview spricht er über Beweggründe und Motivation für seine Rückkehr.

          War das Drängen des Bundestrainers so stark, dass Sie einfach nachgeben mussten?

          Bestimmt nicht. Heiner Brand hat sich nach den Olympischen Spielen in Sydney daran gehalten, mich nicht zu drängen. Mein eindeutiges „Nein!“ ist immer akzeptiert worden. Wir haben erst kürzlich in einem Gespräch die Situation der Auswahl erörtert. Erst im Nachgang zu dieser Unterredung habe ich begonnen, mir Gedanken zu machen. Und in der Summe kam dabei heraus, dass ich unter bestimmten Bedingungen kurzfristig für die Europameisterschaft zur Verfügung stehen könnte.

          Wie groß war denn der Druck, der auf Ihnen lastete?

          Um ehrlich zu sein: Im Verein haben wir oft darüber geredet. Aber das bleibt nicht aus, wenn vier deiner Teamkollegen in der Nationalmannschaft spielen. Die werden wohl auch mit Heiner Brand gesprochen haben.

          Und dann war da ja noch der Brief von Joachim Deckarm.

          Es stimmt, ich habe einen solchen Brief bekommen. Aber das habe ich lediglich als nette Geste gewertet, nicht mehr und nicht weniger. Jo und ich kennen uns seit Jahren. Der Brief hat keineswegs den Ausschlag gegeben.

          Also war entscheidend, dass Sie die Bedingungen für Ihre Rückkehr stellen konnten. Während Ihre Kollegen eine intensive Vorbereitung absolvierten, machten Sie Urlaub auf den Kanaren.

          Das klingt zu hart. Eines vorweg: Ich brauche diese Auszeiten für meinen Kopf. Deshalb habe ich gesagt, dass ich nur dann zurückkehre, wenn man mir diese Freiheiten zugesteht. Ich muss das, was ich tue, vor mir verantworten können. Außerdem ging die Initiative, die zu meiner Rückkehr führte, nicht von mir aus.

          Ergo werden Sie auf Ihre alten Handball-Tage noch zu einem Spieler mit Sonderrechten?

          Ich genieße keine Sonderrechte, wenn ich bei der Auswahl bin. Das will ich auch nicht. Ich möchte mir nicht mehr herausnehmen dürfen als andere Spieler. Ich glaube ganz einfach, der Bundestrainer weiß, mit wem er es zu tun hat. Ich war nie ein Skandalspieler und werde es auch nicht mehr werden.

          Aber wird Ihnen die Vorbereitungszeit nicht fehlen?

          Es wird nicht nötig sein, sich einzuspielen, da ich die meisten meiner Mitspieler aus dem Verein kenne und ich mich blind mit Ihnen verstehe.

          Keine Angst, dass derjenige, der Ihretwegen daheim bleiben muss, sauer ist.

          Das könnte ich ihm nicht verübeln. Aber in letzter Konsequenz stellt der Trainer den Kader zusammen. Jeder will dabei sein, und derjenige, der daheim bleiben muss, sollte zunächst bei sich suchen, warum er nicht dabei ist.

          So könnte es also sein, dass Sie zu guter Letzt doch noch zu Ihrer Nationalmannschafts-Medaille kommen.

          Wir werden nichts unversucht lassen. Wir waren ja in Sydney schon so dicht dran. Ich glaube, da haben wir unsere beste Turnierleistung überhaupt abgeliefert. Leider ohne Erfolg.

          Böse Zungen behaupten, es sei unmöglich, mit Zerbe eine Medaille zu gewinnen. Ihnen wurde ja bereits der wenig schöne Beiname „Seuchenvogel“ mitgegeben.

          Die Medien haben offenbar gut gearbeitet. Es stimmt: Beim Gewinn von EM-Bronze 1998 in Italien war ich nicht im Aufgebot. Aber ich bin lange genug dabei, um gelassen mit solchen Aussagen umzugehen. Ich weiß, wo ich stehe und kann diese Dinge realistisch einschätzen. Handball ist ein Mannschaftssport, deshalb gewinnt oder verliert man gemeinsam.

          Viele Jahre galten Sie als bester Linkshänder der Welt. Angesichts fehlender Belege in Form von Medaillen warfen Ihnen Trainer und Beobachter immer wieder vor, Ihr Potenzial nicht entsprechend auszuschöpfen.

          Das mag stimmen, wenn man mich an Toren messen will. Aber solche Dinge entsprechen nicht meiner Spielauffassung. Ich bin weder im Privatleben noch auf dem Spielfeld ein Egoist, der nur seine eigenen Tore zählt. Ich habe Erfolg nur dann, wenn auch das Team Erfolg hat. Deshalb versuche ich, so mannschaftsdienlich wie möglich zu spielen.

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