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Interview : Sergej Bubka: „Sport ist ein Ticket für ein besseres Leben“

  • Aktualisiert am

Vom Überflieger zum Vordenker: Stabhochspringer Sergej Bubka Bild: dpa

Sergej Bubka ist der erfolgreichste Stabhochspringer aller Zeiten. Beim IOC-Forum „Erziehung durch Sport“ sprach FAZ.NET mit ihm.

          3 Min.

          Sergej Bubka ist mit einem Olympiasieg (1988 in Seoul), sechs Weltmeistertiteln, 35 Weltrekorden und 43 Sprüngen über sechs Meter der mit Abstand erfolgreichste Stabhochspringer in der Geschichte der Leichtathletik. Seine Weltrekorde im Freien (6,14 m) und in der Halle (6,15 m) sind unangefochten.

          Nach seiner Karriere, die der Ukrainer 2001 mit einem Meeting in seiner Heimatstadt Donezk beendete, engagiert sich der 39-Jährige im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Am Montag wurde Bubka in Lausanne von IOC-Präsident Jacques Rogge zum neuen Chef der 19-köpfigen Athletenkommission ernannt und ist damit Nachfolger des finnischen Seglers Peter Tallberg.

          Am Rande des IOC-Forum „Erziehung durch Sport“ sprach FAZ.NET mit dem Ausnahmesportler.

          Herr Bubka, warum glauben Sie, dass Sport ein Instrument der Erziehung ist?

          Es reicht bei der Erziehung nicht, Jugendliche intellektuell und mental auf das Leben vorzubereiten. Auch die Physis spielt eine Rolle. Bei einer guten Balance zwischen geistiger und körperlicher Bildung entwickelt sich eine Persönlichkeit harmonischer.

          Was können Kinder durch den Sport lernen?

          Eine ganze Menge. Sport ist eine einzigartige Selbsterfahrung, ist ein Ticket für ein besseres Leben. Kinder trainieren ihren Organismus, sie erfahren ihre Grenzen. Außerdem gibt Sport klare Richtlinien und Regeln vor, wie kein anderer Lebensbereich. Und außerdem kann Sport auch eine wunderbare Flucht vor schwierigen Realitäten sein und macht einfach sehr viel Spaß.

          Glauben Sie, dass Sportler bessere Menschen sind?

          Sport kann Jugendliche zumindest vor schlechten Einflüssen schützen. Es liegt an den Institutionen und Schulen, ob junge Menschen ihre Interessen tatsächlich herausfinden können - das kann Sport, aber auch Kunst oder Musik sein. Den Kindern die Chance zu geben, ihre Begabungen herauszufinden, ist eine große erzieherische Aufgabe.

          Welche Werte können konkret vom Sport auf das Leben übertragen werden?

          Eine positive Lebenseinstellung: man sollte genießen, was man tut. Außerdem, dass man sich klare Ziele setzen und sie in kleinen Schritten verfolgen sollte, um Erfolg zu haben. Auch Lernbereitschaft lernt man im Sport. Verstehen, dass man im Team den größten Erfolg hat - keiner gewinnt alleine. Und nicht zuletzt: lernen, mit Anstand zu gewinnen und zu verlieren und andere zu respektieren.

          Sport wird aber auch oft von Gewalt überschattet. Was sagen Sie zu diesem Problem?

          Es ist kein direktes Problem von Sport. Es gibt sicherlich Gewalt unter Zuschauern, zum Beispiel beim Fußball, aber das sind spezielle Gruppen, die sich den Sport suchen, um Gewalt auszuleben.

          Wie kann man Gewalt als Lösungsmuster vermeiden?

          Indem man bessere Vorbilder abgibt und den Kindern klar macht, dass Sport eine Möglichkeit zum Aufstieg sein kann.

          Wie sind Sie selbst zum Sport gekommen?

          Für mich war der Einfluss der Straße und meiner Umgebung prägend. Wir haben immer Sport getrieben, auch in der Schule in den Pausen, selbst wenn sie nur fünf Minuten lang waren. Wir haben Hockey gespielt oder Fußball, uns einfach bewegt. Sport ist eine lebenslange Leidenschaft von mir.

          Wie wurden Sie ausgerechnet Stabhochspringer?

          Das kam durch Zufälle zustande. Ein Trainer hat mich entdeckt, und dachte, ich könnte ein guter Stabhochspringer werden. Da war ich erst zehn Jahre alt, eigentlich fängt man Stabhochspringen erst mit zwölf an.

          Haben Sie seitdem nur Stabhochspringen gemacht?

          Nein, um die technischen Fähigkeiten herauszubilden, ist es besser, möglichst viele unterschiedliche Sportarten auszuprobieren. Das Training muss möglichst abwechslungsreich sein, auch damit es Spaß macht.

          Sollten alle Leichtathleten am Anfang Zehnkämpfer sein, ehe sie ihre Spezialdisziplinen herausbilden?

          Für die körperliche Entwicklung wäre es das Beste, aber natürlich kann nicht jeder alle Disziplinen so beherrschen, dass es sich lohnen würde, Zehnkampf zu trainieren. Aber grundsätzlich geben die Zehnkämpfer ein gutes Beispiel für die positive Wirkung des Sports ab. Sie verbringen zwei Tage zusammen beim Wettkampf. Obwohl sie Konkurrenten sind, helfen sie sich gegenseitig, sie teilen sich sogar ihre Ausrüstung. Und am Ende gehen sie gemeinsam auf die Ehrenrunde. Das ist eine große Erfahrung für einen Sportler.

          Was machen Sie, um jungen Menschen ähnliche Erfahrungen zu vermitteln?

          Ich habe einen Springerclub in der Ukraine gegründet, bei dem etwa 300 Kinder trainieren. Es ist schön, dem Sport und speziell meiner Stadt Donezk etwas zurückgeben zu können. Und wir hatten auch schon die ersten Erfolge. Einer meiner Schüler, Maksim Mazarik, wurde bei der Junioren-WM in Jamaika Stabhochsprung-Weltmeister, und ich bin sehr stolz darauf.

          Arbeiten Sie dort auch als Trainer?

          Ich habe eine andere Rolle gewählt, um dem Sport zu helfen. Es ist meine Rolle, den Athleten innerhalb der Sportorganisationen Gehör zu verschaffen.

          Treiben Sie selbst noch Sport?

          Sport ist eine Sache für das ganze Leben, ich mache noch Leichtathletik und schwimme, mache dies und das, um meine Muskeln fit zu halten. Und wenn ich ein paar Trainerstunden gebe, springe ich auch noch mit dem Stab. Aber nicht mehr so hoch.

          Wie sehen Sie die Entwicklung im Stabhochspringen nach ihrem Rücktritt?

          Gut, die Jungs können springen. Und Stabhochspringen ist sehr populär. Gerade bei euch in Deutschland. Das hat man bei der EM wieder gesehen.

          Aber an Ihre Rekorde kommt keiner heran. Stehen die 6,15 m für die Ewigkeit?

          Ich habe mein Bestes gegeben, aber kein Rekord hält für immer. Die jungen Athleten sind enthusiastisch genug, es irgendwann zu schaffen. Vielleicht wird es mal wieder ein neues Material geben, dass ihnen helfen wird, meine Rekorde zu brechen.

          Was sagen Sie mittlerweile zum Frauen-Stabhochspringen?

          Die Frauen haben eine gute Entwicklung gemacht, sie springen viele neue Rekorde, zeigen interessante Wettkämpfe. Es ist großer Sport.

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