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Interview : „Radsport hat Potenzial für mehr als 125.000 Mitglieder“

  • Aktualisiert am

Neue BDR-Präsidentin: Sylvia Schenk Bild: dpa

          3 Min.

          Sie ist die erste Präsidentin in der 117-jährigen Geschichte des Verbandes. Bedenken hat sie vor der neuen Aufgabe nicht. „Ich bringe die ganze Bandbreite mit, die man für diesen Job braucht.“ Doch sehr wohl hat die gebürtige Niedersächsin aus Rotenburg/Wümme Widerstände geführt. „Es war eine gewisse Skepsis und Ablehnung da“, verrät sie im Gespräch mit FAZ.NET. Wie sehen ihre Ziele und Visionen für den deutschen Radsport aus?

          Frage: Sie sind die erste Frau, die einen Radsportverband führt. Haben Sie Vorbehalte gespürt.

          Eine gewisse Skepsis. Aber das ist ja eine normale Haltung, wenn eine Frau in einen Verband kommt, der sehr stark männlich geprägt ist. Es war im Radsport ja nicht einmal eine Frau im Präsidium. Und dann kommt die Frau auch noch aus der Leichtathletik. Da gab es Skepsis. Als ich Gelegenheit hatte, mich einzubringen und mit den Menschen gesprochen habe, hat sich das eigentlich schnell abgebaut. Ich denke, wir kriegen das im Radsport gut miteinander hin.

          Eine frühere Leichtathletin als Chefin der Radsportler. Das bedarf einer Erklärung.

          Als Leichtathletin bin ich bei den Olympischen Spielen schon mit Radsportlern in Berührung gekommen. Der Hintergrund ist aber ein anderer: Seit 1997 bin ich Vorsitzende des Vereins für die internationale Hessen-Rundfahrt. Das war ein Zeitpunkt, wo sich der Radsport in Deutschland entwickelt hat und viel verändert werden musste. In diesen Job habe ich mich reingekniet und viele Gespräche geführt. Das ist dann auch dem bisherigen Präsidenten Manfred Böhmer aufgefallen, so dass er mich vor einem Jahr überraschend gefragt hat. Und dann gibt es ja auch noch meine Tätigkeit als Sportdezernentin der Stadt Frankfurt.

          ...die Ihnen auch ganz hilfreich ist?

          Sicherlich. Als Sportdezernentin hatte ich seit 1989 viel mit dem Radsport zu tun: die Hessen-Rundfahrt, Rund um den Henninger Turm. 1991 habe ich mir die Rad-Weltmeisterschaft in Stuttgart angesehen. Und ich habe Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kommunen. Ich weiß, wie man mit einem Oberbürgermeister umgeht.

          Aber auch wie man einen Verband führt, dessen Strukturen verkrustet, dessen Verhalten als träge gilt?

          Ich werde nicht von heute auf morgen alles ändern. Erst einmal verschaffe ich mir einen Überblick, lasse mir Statistikmaterial aufbereiten, was hat sich wo und wie entwickelt. Das ist regional sehr unterschiedlich, in Nordrhein-Westfalen ist der Bereich Radtouristik beispielsweise über die Vereine vorbildlich organisiert. Dann stellt sich die Frage, welches Profil wollen wir? Da gibt es den Spitzensport, das bleibt eine wichtige Säule. Und dann sollten wir die Angebote der Vereine im Breitensport erweitern.

          Denn es gibt die Diskrepanz von neun Millionen aktiven Radfahrern und nur 125.000 im Verband registrierten Sportlern.

          Radfahren ist in erster Linie Fortbewegung. Und eine Sportart, für die man nicht ohne weiteres einen Verein braucht. Ähnlich wie beim Schwimmen. Wir werden es nie schaffen, alle die Radsport betreiben, auch nur annähernd in die Vereine zu bringen. Aber das Potenzial für den Verband ist größer als die registrierten 125.000 Mitglieder.

          Wie wollen Sie das nutzen?

          Großen Erfolg haben die Jedermann-Rennen wie die Hamburger Cyclassics. Es wird sich an leistungsorientierte Radsportler gerichtet. Der Verband muss schauen, wie er das unterstützen und Sportler abgreifen kann. Wir müssen mit unserem Angebot auch die Frauen erschließen: Welche Motivation haben sie, Mountainbike zu fahren? Was muss man ihnen bieten? Ein fertiges Rezept habe ich aber auch nicht. Doch im Marketingbereich haben wir noch erheblich Potenzial, man muss immer bedenken, dass es vor zehn Jahren im deutschen Radsport kein Team Telekom und keine Deutschland Tor gab.

          Wie wichtig ist in der Öffentlichkeitswirkung die Deutschland-Tour?

          Sie soll das Aushängeschild im deutschen Radsport werden, weil die Rundfahrt das ganze Land verbindet. Damit wollen wir ganz nach vorne stoßen. Wir werden die Tour de France nicht einholen und den Giro d'Italia auch nicht, aber wir wollen ganz dicht dahinter kommen. Und deshalb müssen wir über eine andere Terminierung nachdenken: Ich möchte Giro und Deutschland Tour künftig trennen. Dann muss Jan Ullrich auch nicht mehr zwischen beiden Rundfahrten wählen.

          Sie wollen ihre Tätigkeit nicht nur auf den Bund Deutscher Radfahrer beschränken sondern auch im NOK mitarbeiten. In welcher Form?

          Ich habe bei der Bundeshauptversammlung gesagt, dass sich der BDR noch mehr in die Sportdiskussion einbringen muss. Das zeigen allein die Erfolge bei Olympia. Ich will in anderthalb Jahren als NOK-Vizepräsidentin kandidieren. Klar ist aber auch: Der Radsport hat Vorrang, schließlich bin ich ja auch noch im Direktionskomitee des UCI tätig. An das IOC denke ich überhaupt noch nicht. Mein Motto: Ein Schritt nach dem anderen.

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