https://www.faz.net/-gtl-43du

Interview : „Nur mit kontroversen Diskussionen kommt man weiter“

  • Aktualisiert am

Seit Jahren ein Volltreffer: Ricco Groß Bild: dpa

Im Gespräch mit der F.A.Z. verrät Ricco Groß, wie man Rückschläge wegsteckt, was einen guten Trainer ausmacht - und wie er in Sibirien seinen insgesamt sechsten WM-Titel im Biathlon gewann.

          3 Min.

          Ricco Groß ist 32 Jahre alt und nach dem Norweger Ole Einar Björndalen der erfolgreichste aktive Biathlet, was die olympische Medaillensammlung anbelangt. Dreimal Staffelgold, dreimal Einzelsilber sowie eine Bronzemedaille sind Beleg dafür, daß der gebürtige Sachse, der in Ruhpolding seine zweite Heimat gefunden hat, immer da ist, wenn es darauf ankommt. In Chanty Mansijsk hat er in der Verfolgung seinen sechsten WM-Titel gewonnen.

          Als sie ins Ziel gekommen sind, sah das sehr nach Genugtuung aus. Welche Art von Genugtuung?

          Daß ein Jahr harte Trainingsarbeit aufgegangen ist, daß die Plackerei sich absolut gelohnt hat. Daß meine Taktik funktioniert hat. Ich habe den Mann vor mir zu einem Zeitpunkt demoralisiert, als ich selbst fast explodiert wäre.

          War das nicht auch ein bißchen Genugtuung nach dem Motto: die vielgescholtenen Alten sind noch da?

          Daran habe ich in dem Moment nicht gedacht. Ich stand ja im Gesamt-Weltcup immer zwischen vier und fünf, und habe mir die Kritik nur insofern zu Herzen genommen, als über meine Trainingskollegen so hart geurteilt worden ist.

          War die öffentliche Kritik von DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller an den älteren Athleten denn berechtigt?

          Vielleicht waren einige Leistungen wirklich nicht so überragend, wie man sie aus den Jahren zuvor gewohnt war, aber vielleicht hat auch der andere Saisonaufbau eine Rolle gespielt.

          Aber Sie haben doch auch keinen anderen Saisonaufbau gehabt, oder?

          Ich trainiere doch nicht den ganzen Sommer, um nur bei der WM in Form zu sein, sondern weil ich insgesamt einen guten Winter haben will. In meinen Alter auf irgend etwas zu warten, ist doch sinnlos. Es kann ganz schnell vorbei sein.

          Frank Ullrich hat sich von Pfüller einiges anhören müssen. Haben Sie mit Ihren beiden Medaillen auch den Bundestrainer gerettet?

          Ich trete nicht für oder gegen einen Trainer an, sondern weil ich gewinnen will.

          Wie ist denn Ihr Verhältnis zum Bundestrainer?

          Wir gehen respektvoll miteinander um. Wie kennen uns ja schon seit Ewigkeiten. Und er macht mir ja auch Zugeständnisse, wie den anderen auch. Es ist seit letztem Jahr alles ein bißchen individueller geworden. Und das ist ja auch richtig so.

          Pfüller hat im Januar unter anderem gefordert, Ullrich und sein neuer Assistent Fritz Fischer müßten besser zusammenarbeiten. Wie steht es da im Moment?

          Spielraum nach oben gibt es immer, aber ich denke auch, daß Trainer nicht die besten Freunde sein müssen. Es muß Reibungspunkte geben, denn nur mit kontroversen Diskussionen kommt man weiter. Aber im Großen und Ganzen läuft es ganz gut.

          Ist nicht die Konstellation, daß zwei Stützpunkttrainer gleichzeitig Bundestrainer und Assistent sind, problematisch?

          Das, was die Skilangläufer mit ihrem stützpunktbetonten Training plus Jochen Behle machen, ist sicher ein interessantes Modell, das ja auch Erfolge bringt. Aber man muß jetzt nicht unsere ganze Struktur umschmeißen.

          Wie wichtig ist denn überhaupt ein Bundestrainer? Ist der Heimtrainer nicht viel wichtiger?

          Der Heimtrainer muß die Hausaufgaben machen, und da bin ich wirklich sehr froh, daß das Konzept von Fritz Fischer in den letzten zwei Jahren aufgegangen ist. Es ist uns immer gelungen, zum Saisonhöhepunkt in Topform zu sein. Das war bei Olympia so, und es ist so hier in Chanty Mansijsk. Ich war in Ruhpolding ja auch in einer Trainingsgruppe mit lauter Jüngeren. Ich gebe denen ordentlich Druck - und sie mir. Aber wir haben viel Spaß, und die wissen genau, wenn wir den schlagen, dann können wir auch Weltmeister werden.

          Fritz Fischer sagt aber auch: Was kann ich dem Ricco noch beibringen. Wozu brauchen Sie ihn denn dann noch?

          Also, motivieren muß er mich nicht, und er braucht auch nicht ständig zu sagen: mach dies und tu das. Aber der Trainer muß immer auch ein guter Psychologe sein, der einem den Druck wegnimmt. Das große Gerüst steht ja, aber der Fritz hat einfach den Blick für die Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. Technische Dinge zum Beispiel. Und er schaut mir in die Augen und weiß wie es mir geht. Und darauf reagiert er auch. Ole Einar Björndalen und Raphael Poirée betonen immer, das Wichtigste sei der Kopf. Das stimmt, denn austrainiert sind sie alle, schießen können sie auch. Da macht im Zweifelsfall der Kopf den Unterschied. Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit mentalem Training und habe viel aus Büchern rausgezogen. Aber im Januar habe ich einen Buchautor namens Thomas Baschap kennengelernt, und mit dem arbeite ich jetzt zusammen. Er hatte anfangs überhaupt keine Ahnung vom Biathlon, aber das war gut, weil er eben nicht betriebsblind ist. Er hat gesagt, daß nichts unmöglich ist, und das hat sich am Sonntag zum Beispiel bestätigt. Jeder hätte doch seinen Hintern verwettet, daß Ole Einar mit seinen 51 Sekunden Vorsprung in der Verfolgung zumindest eine Medaille gewinnt. Und ich hatte genau diese Zahl 51 Sekunden im Visier, als ich am Sonntag aufgestanden bin.

          Sie haben aber auch beim Material richtig Druck gemacht?

          Ich habe nach der Skandinavien-Tour gedacht: Jetzt muß was passieren, weil meine Ski einfach falsche Schliffe hatten. Deswegen habe ich sie vor der WM in Schleching neu einschleifen lassen. Und daß ein Wachser mehr hierher nach Sibirien mitgenommen worden ist, daran bin ich nicht ganz unschuldig. Und bei meinen zwei Einsätzen hier hatte ich jedesmal richtig gute Ski.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Österreichs Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP)

          Coronavirus : Österreich droht Ungeimpften mit Lockdown

          Die Regierung in Wien kündigt Ausgangssperren für Ungeimpfte an, sollte sich die Pandemielage weiter verschärfen. Einen Lockdown für Geimpfte oder Genesene schließt Kanzler Schallenberg aus.
          Tankstelle in Marseilles, Südfrankreich: Die französische Regierung will einige Mitbürgerinnen und Mitbürger nun durch ein Energiegeld entlasten.

          Benzinpreise : Hilfe auch für deutsche Autofahrer?

          Paris macht es vor: Die Regierung federt die steigenden Strompreise mit einem Energiegeld ab. Auch in Deutschland steigt der Unmut wie die Spritpreise. Wie reagiert Berlin?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.