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DLV-Präsident im Gespräch : „Olympia-Vergabe soll überprüft werden“

Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands: „Ich bin überrascht vom Ausmaß der kriminellen Energie.“

Sie haben bei der WM 2009 intensiv mit Diack zu tun gehabt. Welches sind Ihre Erfahrungen?

Ich habe feststellen können, dass Lamine Diack eine große Zahl von Freunden hat, die alle eingeladen waren, nach Berlin zu kommen.

Bei freiem Eintritt und kostenloser Unterkunft?

Das vermute ich. Aber wir hatten eine besondere Situation. Berlin war praktisch der einzige Bewerber gewesen.

Sie erwähnen das als Hinweis darauf, dass Berlin nichts zahlen musste?

Genau. Von Anfang an waren der Regierende Bürgermeister Wowereit und ich uns einig, dass die Bewerbung auf keinen Fall auch nur in die Nähe des Geruchs von Korruption kommen darf. Ich muss sagen: Wir sind nie mit einem solchen Ansinnen konfrontiert gewesen.

Ist die IAAF zu retten?

Ich glaube, dass Coe den festen Willen hat, Reformen einzuleiten. Der Schaden ist aber so groß, dass er dies nicht allein dem Council überlassen sollte, zumal dessen Zusammensetzung weitgehend identisch ist mit früheren Councils. Die Situation fordert alle Mitgliedsverbände. Ich würde mir wünschen, dass die Konsequenzen aus den skandalösen Vorgängen auf einem Kongress erörtert werden und dass alle Mitgliedsverbände sich bei den Reformen einbringen können.

Böte dies die Gelegenheit, das Prinzip „one country, one vote“ zu überwinden, das die Blatterisierung, die Befriedigung von Partikularinteressen bis hin zur Korruption erst ermöglicht?

Theoretisch ja. Praktisch halte ich für unmöglich, dass Mitgliedsverbände auf Rechte verzichten und auch noch aktiv an diesem Verzicht mitwirken. Wichtig ist, dass nicht mehr alle Mitglieder des Councils auf der Vollversammlung, dem Kongress, gewählt werden, sondern dass die Kontinentalverbände Delegierte entsenden.

Damit würde der Zuschnitt der Macht auf einen einzelnen, den Präsidenten, beschränkt. Bisher konnte er etwa mit afrikanischen Stimmen steuern, wen aus Europa er im Council hat und wen nicht. Um die politische Steuerung durch Geld zu verhindern, ist absolute Transparenz notwendig. Es muss für alle Mitgliedsverbände nachvollziehbar sein, wohin welche Zuwendungen gehen.

Viele Erkenntnisse der Wada-Ermittler werden als Spitze des Eisberges beschrieben. Da verbirgt sich noch mehr unter der Oberfläche. Was ist die Konsequenz?

Die Hinweise sind so konkret, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Es liegen so viele Anhaltspunkte dafür vor, dass auch andere Länder als Russland strukturell ein Dopingproblem haben, dass man nicht achselzuckend zur Tagesordnung übergehen kann. Die Vergabe der Leichtathletik-Weltmeisterschaften nach Doha und nach Eugene sollte eine externe Kommission überprüfen und entscheiden, ob eine neue Vergabe notwendig ist. Dies gilt auch für die Vergabe der Olympischen Spiele, wenn es Beweise dafür gibt, dass mittels eines Sponsor-Vertrages mit Diack und der IAAF für Stimmen gezahlt wurde.

Das IOC wird sicherlich den Hinweisen nachgehen. Ich bin überrascht, dass in Russland allein die Leichtathletik im Fokus der Untersuchung steht. Wenn man von einer Systematik des Dopings ausgeht, wenn das Kontrolllabor und wenn die Anti-Doping-Agentur in Russland Doping vertuscht haben, ist nicht vorstellbar, dass dies auf eine einzige Sportart beschränkt war. Dies sollte bald aufgeklärt werden.

Auszug aus dem Report der Wada

„Nachdem er sie wochenlang erpresst hatte (und auf ihre Kosten einige Male in Luxushotels in Istanbul gereist war) und die IAAF sie dann doch wegen Dopings sperrte, schickte Khaled Diack, der andere Sohn des IAAF-Präsidenten, der türkischen Olympiasiegerin über 1500 Meter Alptekin ein SMS: „Es gibt keine Gerechtigkeit.“

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