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Interview : Heiner Brand: "Es sind merkwürdige Dinge passiert"

  • Aktualisiert am

Heiner Brand: „Wir waren so nah dran” Bild: AP

Nach der knappen Final-Niederlage gegen Gastgeber Schweden zieht der Handball-Bundestrainer im FAZ.NET-Interview seine EM-Bilanz.

          2 Min.

          Am Ende war er völlig platt. Das Endspiel der Europameisterschaft in Schweden nebst Extrazeit hatte Heiner Brand richtig mitgenommen. Die Enttäuschung über die 31:33-Finalniederlage gegen Titelverteidiger, Gastgeber und EM-Topfavorit Schweden war so groß, dass sich der Handball-Bundestrainer zunächst nicht mehr über den Gewinn der Silbermedaille freuen mochte. Noch lange nach dem Spiel stand der 49-Jährige ganz unter dem Eindruck des denkwürdigen Endspiels. FAZ.NET sprach mit dem Chef-Übungsleiter der deutschen Elite-Handballer.

          FAZ.NET: Und, das Erlebte schon verarbeitet?

          Mein Gott, diese Eindrücke vom Finale sind so intensiv, da geht das nicht so schnell. Wir waren sehr, sehr nahe dran. In vielen Phasen haben wir das Spiel unter Kontrolle gehabt.

          Warum hat es nicht ganz gereicht?

          Wir hatten im Spiel einige Rückschläge zu verdauen. Ich denke an den Wechselfehler, den ich allein auf meine Kappe nehme. Dennoch haben wir uns immer wieder rangekämpft und kurz vor Schluss aus einem 22:25 sogar ein 26:25 gemacht. Und uns wurde ein reguläres, spielentscheidendes Tor nicht gegeben. Ja, ich bin davon überzeugt, wir waren in der Form, das Finale hier zu gewinnen.

          Wie haben Sie jene umstrittene letzte Minute der regulären Spielzeit erlebt?

          Bis kurz vor Schluss waren wir Europameister, dann wieder nicht, dann doch, dann wieder nicht. Und dann war Schluss. Und in der Verlängerung waren die Schweden die dominierende Mannschaft.

          Der Wurf von Florian Kehrmann Sekunden vor dem Ende landete im Tor, zählte aber nicht.

          Für mich war der Treffer regulär, weil der Torschiedsrichter durch das Heben des Armes das Spiel wieder freigegeben hatte. Der Feldschiedsrichter hingegen verweigerte die Anerkennung, weil er noch nicht wieder angepfiffen hatte.

          Kann es sein, dass man in einem EM-Finale gegen den Gastgeber schon drei, vier Treffer mehr erzielen muss, um ganz sicher zu gewinnen?

          Es sind schon merkwürdige Dinge passiert. Aber in erster Linie sollten wir auf unsere eigenen Fehler schauen und analysieren, warum es nicht ganz gereicht hat. Wenn wir hier mit sechs oder sieben Toren unterlegen gewesen wären, dann hätten wir gesagt, es geht in Ordnung. Aber so zu verlieren, das tut weh.

          Ungeachtet dessen hat sich Ihr Team in Schweden glänzend verkauft. Sie haben die Weltordnung des Handballs ein wenig umgeworfen. Wo sehen Sie Ihre Mannschaft zur Zeit?

          Dem Resultat nach auf dem zweiten Platz hinter Schweden.

          Aber anders als das in die Jahre gekommene schwedische Team verfügt die DHB-Auswahl über glänzende Perspektiven.

          Ich freue mich sehr darüber, dass junge Spieler wie Pascal Hens oder Christian Zeitz ein gutes Stück herangekommen sind. Die Mannschaft wird, wenn ich die Signale richtig deute, bis auf wenige Ausnahmen so zusammenbleiben. Aber erst wenn ich mich von dieser Veranstaltung erholt habe, werde ich über das Team der Zukunft nachdenken.

          Dann sprechen wir noch einmal über die Gegenwart. Was imponiert Ihnen an Ihre Mannschaft am meisten.

          Das ist die Einstellung, mit der sie ins Spiel geht. Wir haben bei diesem Turnier Spiele umgebogen, Rückstände aufgeholt, nie aufgegeben und eine herausragende Abwehrleistung geboten. Und Abwehrarbeit, das habe ich schon oft gesagt, ist in erster Linie Willenssache. Das Team hat die acht strapaziösen Spiele in zehn Tagen gut verkraftet. Wer die Spieler im Finale gesehen hat, der wird keine Anzeichen von Ausgelaugtheit entdeckt haben können.

          Gilt ähnliche Einstellung auch für das Umfeld des Teams. Am Rande der EM gab es Diskussionen um mangelnde Professionalität in Bezug auf die Nationalmannschaft.

          Ich habe von diesen Diskussionen gehört, verstehe sie aber nicht. Schon allein deshalb, weil der Zeitpunkt falsch ist. Das gehört nicht hierher. Ich kann nur sagen: Als Bundestrainer kann ich mit dem Präsidium sehr gut arbeiten. Bei allem, was direkt mit der Mannschaft zu tun hat - und nur darüber kann ich etwas sagen - besteht absolut kein Grund zur Klage.

          Sie haben immer wieder mehr Zeit mit der Mannschaft gefordert. Wird man Ihrem Wunsch in der Zeit bis zur WM im Januar 2003 in Portugal nachkommen?

          Das wird schwierig. Die Bundesliga braucht ihre Zeit und die Spieler Ruhe zur Regeneration. In dem Punkt bin ich einsichtig. Aber das ist kein handballspezifisches Problem. Das gilt auch für andere Sportarten.

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