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Interview : "Ausscheiden ohne Auswirkungen"

  • Aktualisiert am

Harter Job: Fan der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Bild: dpa

Der Sportsoziologe Gunter Pilz erwartet keine Fußball-Depression, sollte die deutsche Nationalelf die WM verpassen.

          Gunter Pilz ist einer der bekanntesten deutschen Sportsoziologen. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Fan- und Gewaltforschung. Pilz ist Mitglied in der Expertenkommission „Ethics and Fair Play“ der UEFA und der Daniel-Nivel- Stiftung der FIFA.

          FAZ.NET sprach mit dem Professor der Universität Hannover über mögliche Auswirkungen für die Fans und den deutschen Fußball, falls die Nationalmannschaft gegen die Ukraine scheitern sollte.

          Herr Pilz, wenn sich Deutschland nicht für die WM in Japan und Südkorea qualifiziert, werden die Fußballfans der Nationalmannschaft den Rücken kehren?

          Das denke ich nicht. Manche glauben ja auch, dass wäre mal ein heilsamer Neubeginn. Und man darf nicht vergessen, dass mit der "Vision-WM-2006" im eigenen Land eine neue Chance ansteht.

          Und einen Knacks wird es auch nicht geben?

          Nein, überhaupt nicht. Zum einen gibt es einfach zuviel Fans, die Realisten sind und auf einen Neuanfang hoffen. Und der ist nicht damit getan, dass man sich immer wieder so durchmogelt und Flickschusterei betreibt. Da muss schon ein richtiger Schnitt gemacht werden. Zum anderen zeigt ja auch das Beispiel Frankreich: Die haben zweimal nicht an der Weltmeisterschaft teilgenommen, bevor sie 1998 den Titel geholt haben. Und was auch noch hinzu kommt: Die Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea ist so weit weg - das ist für die Fans sicher leichter zu verschmerzen, als wenn sie vor der Haustür wäre, beispielsweise in England oder Holland.

          Am Sonntag standen 80.000 Ukrainische Fans 90 Minuten hinter ihrer Mannschaft. In Deutschland wird schon nach zehn Minuten gepfiffen, wenn das Spiel nicht läuft.

          Na ja. Warten wir mal ab, was am Mittwoch in Dortmund passiert. Eines kann man aber sehen: Diejenigen, die Pfeifen haben natürlich ein Gespür dafür, was die Burschen verdienen und was sie leisten. Wenn man bedenkt, dass der letzte Reservespieler bei Dortmund schon 800.000 Mark verdient - da besteht natürlich eine Erwartungshaltung.

          Kann das auch der Grund sein, dass es Zeiten gab, in denen es verpönt war, für die Nationalmannschaft zu sein?

          Wer sagt denn, dass es verpönt war. An der Nationalmannschaft haben sich immer die Volksseelen aufgehangen. Und wenn wir Weltmeister geworden sind, dann liefen alle mit geschwellter Brust herum.

          Aber wenn die Mannschaft schlecht spielt, steht sie direkt in massiver Kritik.

          Die Kritik sehe ich nicht. Das wäre bei den Vereinsmannschaften nicht anders. Da schreien die Fans auch bei schlechten Leistungen "Millionarios" und fangen an zu pfeifen. Das Problem ist eher ein anderes. Der Fußball muss endlich erkennen, dass er in Gehaltsdimensionen vorgedrungen ist, die fernab jeglicher Moral sind. Bei vier Millionen Arbeitslosen bekommen auch die Fans langsam ein Gespür dafür, wie auf der einen Seite Geld für schwache Leistungen aus dem Fenster geschmissen wird, und auf der anderen Seite einige Menschen nichts haben.

          Stichwort Vereinsmannschaften. Kann es passieren, dass die Vereine in ihrer Popularität die Nationalmannschaft übersteigen?

          Das sind zwei verschiedene Dinge. Ich kann mich national mit einem Verein identifizieren, gleichzeitig aber auch für einen anderen Verein halten, wenn der international in einem Cup-Finale steht. Als Bayern München letztes Jahr im Europa-Cup-Finale stand, haben sicherlich auch viele eingefleischte Bayern-Gegner für die Bayern gehalten. Daran kann man auch die nationale Dimension ermessen. Deshalb wird auch die Nationalmannschaft immer die größte Popularität haben.

          Was für Auswirkungen wird eine Nichtqualifikation haben? Ist vielleicht auch der Nachwuchsbereich betroffen?

          Die Jugendarbeit wird nicht betroffen sein, dafür hat der Fußball an sich einen viel zu hohen Attraktivitätswert. Außerdem gibt es ja noch die Bundesliga und spätestens 2006 wird es wieder einen Riesenaufschwung geben - da sehe ich eigentlich keine Probleme. Was wir allerdings erleben werden: ARD, ZDF und Kirch wollten sich mit der Weltmeisterschaft eine goldene Nase verdienen und haben einen Haufen Geld bezahlt. Die werden ganz schön ins Trudeln kommen. Vielleicht ist das endlich mal der Anlass, von den hohen Gehältern runter zu gehen.

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