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Internet : Fußball-Profis im Netz: Verbale Steil- und Flachpässe

  • -Aktualisiert am

Jubel auf dem Feld, Ärger im Internet Bild: dpa

Immer mehr Fußball-Profis haben ihre eigene Homepage im Internet. Die Bundesliga-Klubs ärgert das, weil so falsche Gerüchte in Umlauf geraten.

          3 Min.

          Wir kennen das. Da kommt eine Eilmeldung von der Agentur wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Auf seiner Internetseite hat Oliver Kahn melden lassen, er sei verletzt. Der Verein nicht informiert, auch der Spieler schweigt bei der Pressekonferenz, doch auf der Datenautobahn rast die Nachricht in die Welt hinaus.

          Im Auftrage des Unternehmers, der früher Fußballprofi hieß. Immer mehr haben ihre eigene Homepage im Internet. Oliver Bierhoff hat sie, Giovane Elber, Fredi Bobic, Roberto Pinto, Mario Basler, Marco Bode, Michael Preetz. Viele setzen auf den Steilpaß im World Wide Web. Nun darf man sich nicht vorstellen, dass einer dem Trainer sagt, ich muß heute früher heim, meine Page "updaten". Das tun die wenigsten.

          Die Seiten werden von Firmen oder Presseberatern betreut. Der aufwendigen Technik wegen, aus Zeitgründen, weil die Profis damit nebenbei ein hübsches Sümmchen verdienen können. Das neue Hobby aber ist zunächst nicht billig und es lauern jede Menge Gefahren.

          Dichtung und Wahrheit auf den homepages

          Nicht immer ist es harmlos wie bei Mario Basler, der erzählen läßt, dass seine Geburt nur eine Stunde dauerte und sein Vater alles alleine machen musste, weil kein Arzt da war. Da sitzt dann ein "Betreuer" irgendwo, weit weg vom Trainingsplatz, redet ein paar Worte mit dem Kicker am Telefon (oder auch nicht) und denkt sich den Rest dazu. Wer kann nachher noch sagen, wo Dichtung und Wahrheit liegen.

          Elber forderte auf seiner Homepage frech "millionenschwere Investitionen" von seinem Klub Bayern München. Der Aufschrei blieb nicht aus. Präsident Franz Beckenbauer watschte ihn ab, Manager Uli Hoeneß war verärgert. Aber der arme Kerl war es ja gar nicht selbst. Nur seine Gedanken, nicht wirklich konkret, andere Finger tippten die Buchstaben auf der Tastatur.

          Bayern-Sprecher: „Homepage, um Blödsinn zu erzählen“

          Oder Roberto Pinto. Erst verkündet seine site, er verlasse den VfB Stuttgart. "Was soll man da machen, ein junger Mann", stöhnt VfB-Manager Rolf Rüssmann. Zwei Tage später dementierte Pinto ("Ich habe gehört ....") wieder, weil es Ärger gab.

          Hart urteilen die Vereins-Verantwortlichen angesichts der Crashs im Netz:. "So eine Homepage ist nur eine weitere Publikation, um Blödsinn zu erzählen. Es ist doch die Frage, ob ein Spieler so etwas überhaupt braucht", meint Bayern Münchens Pressesprecher Markus Hörwick. "Wir müssen die Spieler vor sich selbst schützen", glaubt Herthas Manager Dieter Hoeneß, "der einzelne Spieler hat gar keinen Einfluß mehr darauf."

          Ungeklärte Vermarktungsfragen

          Die Aussicht auf das schnelle Geld im Netz lässt die Profis unvorsichtig werden. In Norwegen untersagte Rosenborg Trondheim den Spielern eigene Homepages. Denn die verkauften Fanartikel auf eigene Rechnung. "Da ist einiges zu klären, weil vermarktungsrechtliche Fragen tangiert werden und es um viel Geld geht", warnt Dieter Hoeneß.

          Ohne Auftritt im Internet aber geht es nicht. "Heute braucht ein Profi das", sagt Bernhard Schmittenbecher. Der Journalist betreut die Seiten von Fredi Bobic und Tennisstar Anke Huber. "Da kann ein Profi ungeschminkt seine persönlichen News rüber bringen und sein Gesicht abseits des Vereins zeigen."

          Bobic, so versichert er, kümmere sich oft selbst um die Texte. "Die Spieler müssen verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen. Sie sind keine freischaffenden Künstler, sie sind Angestellte.".

          Trotzdem geraten die Profis immer wieder in Erklärungsnot. Dariusz Wosz weil er Trainer Jürgen Röber angriff. Mario Basler, weil er den deutschen Teamchef Rudi Völler und seine Nationalspieler attackierte.

          Hertha-Kapitän Preetz: „Plattform zur Selbstdarstellung“

          Ich habe die Homepage nicht aus kommerziellen Gründen eingerichtet, sondern weil ich eine Plattform haben wollte, auf der ich mich darstellen kann", erläutert Hertha-Stürmer Michael Preetz. Fredi Bobic will die "eigene Note" so wie Vorreiter Oliver Kahn, der als erster online ging.

          Weil er keinen Ärger will, betreut die Seite ein Journalist seines Vertrauens. 150.000 Klicks verzeichnet der Ex-Stuttgarter Bobic auf seiner Page im Monat. Eine ordentlich präsentierte Seite kostet bis zu 100.000 Mark im Jahr. Die Ausgaben können allerdings als Werbungskosten steuerlich geltend gemacht werden.

          Die eigene Homepage als Bumerang

          Bekommen die Spieler den Provider und Hosting-Servic kostenlos, treten sie meist alle Rechte ab, was oft genug zum Bumerang wird. "Nicht alle Profis gehen richtig damit um", sagt Schmittenbecher. Roberto Pinto ging nach seiner Wechselmeldung auf Tauchstation. Handy aus. Funkstille. Vorübergehend nicht erreichbar. Trotzdem fühlte er sich von den Journalisten, die "ihn" zitierten mißverstanden.

          Kommunkationsstille auch bei Fredi Bobic. Allerdings hätte der Profi liebend gerne mit den Journalisten eines Boulevardblattes gesprochen. Die aber "unterhielten" sich lieber mit seine Homepage. Zitate, so klagte Bobic, wurden aus dem Zusammenhang gerissen und gegen ihn verwendet.

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