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Ingo Steuers Rückkehr : Erfolg um jeden Preis

  • -Aktualisiert am

Steuer, hier bei Olympia in Sotschi, gehört zu den umstrittensten Protagonisten im deutschen Wintersport Bild: dpa

Der Erfolgstrainer und frühere Spitzel Ingo Steuer soll in die deutsche Eiskunstlauf-Familie zurückkehren dürfen - so will es die Stasi-Kommission des deutschen Sports. Das Motiv liegt auf der Hand.

          Mit den Jahren verblasst die Erinnerung. Fast 25 Jahre ist der Fall der Mauer zwischen Ost und West schon alt, weit weg, für eine ganze Generation nur noch eine Geschichte der Eltern: Hat es die DDR überhaupt gegeben? Die Sporterfolge, ein flächendeckendes Doping-System, die Eingesperrten und die Spitzel im Sport? Doch, schon, aber die Zeit heilt ja angeblich alle Wunden. Jedenfalls soll der Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer nicht länger unter seiner emsigen Mitarbeit beim Ministerium für Staatssicherheit leiden. Steuer darf jetzt wieder mit Bundesmitteln finanziert werden.

          Das ist zumindest die Empfehlung der Stasi-Kommission des Deutschen Sports unter Leitung des Stasi-Experten Hansjörg Geiger. Sie ist der erste Schritt für die vollständige Rückkehr des Coaches in die Familie der Deutschen Eislauf-Union (DEU). Vor acht Jahren hatten der deutsche Sport und das Bundesinnenministerium entschieden, den erfolgreichen Trainer wegen seiner Spitzelei nicht weiter aus Bundesmitteln zu finanzieren. Steuer musste sich mit Sponsorengeldern und Anteilen aus den Einnahmen seines siegreichen Paares Aljona Savchenko/Robin Szolkowy finanzieren. Was ihm ganz gut gelang. Jetzt winken Steuer wieder Steuergelder.

          Erfolgreiche Drohung mit Abschied

          Natürlich kommt so ein Freibrief nicht ohne Begründung aus: Die Stasi-Kommission erinnert an das Vierteljahrhundert ohne DDR, aber vor allem stellt sie Steuers „persönliche Entwicklung“ in den Vordergrund. Was sich dahinter verbirgt? Das geht aus der Mitteilung nicht hervor. Vielleicht sind damit die Medaillen und Titel gemeint, die Steuer wahrscheinlich zunächst sich selbst, aber auch dem Zählsystem des deutschen Sports bescherte. Der Mann kann was an der Bande.

          Nur eines ist ihm in den vergangenen 25 Jahren schwergefallen - zu erkennen und zu bekennen, welche Schweinerei er als Inoffizieller Mitarbeiter mit dem Decknamen „Torsten“ begangen hat, als er - so die Aktenlage - Kollegen, Freunde, Bekannte an die Stasi verriet, seinem Führungsoffizier konspirativ über Berufliches, Privates, ja über sehr Intimes von Menschen Auskunft erteilte, auf die er angesetzt war. Der Versuch, um Entschuldigung zu bitten, endete in diesem Satz: „Ich habe Gefühle verletzt.“

          Er hat wesentlich mehr als das getan. Steuer nahm mit seinen Berichten, die er einmal als „Übungsdiktate“ bezeichnete, großen Schaden billigend in Kauf, um sich selbst voranzubringen. Die Stasi-Kommission des Sports unter Hanna Renate Laurien sprach von einem der „schlimmsten“ ihr vorgelegten Fälle. Trotzdem scheiterte sie mit dem Versuch, Steuer von der deutschen Olympiamannschaft in Turin 2006 fernzuhalten. Er klagte sich ein.

          Steuer mit seinem Erfolgspaar Aliona Savchenko und Robin Szolkowy bei den WM 2013 in Kanada

          Auch das nächste Stasi-Gremium des Sports sah keinen Grund, Steuer eine besondere Ehre zuteil werden zu lassen: „Er ist zu belastet, um staatlicher Repräsentant zu sein“, sagte 2007 der Nachfolger von Hanna Renate Laurien, nach der Wende der erste Mann der Stasi-Unterlagen-Behörde und heute der erste Mann im Staat: Joachim Gauck.

          Verrat an den Werten des Sports

          Es gibt bis heute keinen Grund, am Urteilsvermögen des Menschenfreundes Gauck zu zweifeln. Es gibt allerdings einige Hinweise, dass die Wende im Fall Steuer weniger mit dessen persönlicher Entwicklung, sondern mehr mit der Lage im Eiskunstlauf zu tun hat. Steuer liebäugelte in aller Öffentlichkeit mit dem Gedanken, samt seiner Paarlauf-Weltmeisterin Savchenko ins Ausland zu wechseln. Ein steuerfinanzierter Steuer würde bleiben und den neuen Partner von Savchenko in die Heimat locken. Schon hätte Deutschland für die Winterspiele 2018 eine Medaille in Aussicht. Das ist dann auch ein Verrat an den Werten des Sports.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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