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HSV-Trainer Zinnbauer : Frei nach Klopp

  • -Aktualisiert am

An Energie mangelt es Josef Zinnbauer wahrlich nicht Bild: dpa

Josef „Joe“ Zinnbauer hat eine buntere Vita als die meisten Bundesliga-Trainer. Und er macht den Profis des HSV nicht nur Beine - er beschert ihnen gegen die Bayern auch eine Gänsehaut.

          Josef Zinnbauer ist als Bundesliga-Trainer zwar ein Niemand, im wirklichen Leben hat er aber vermutlich mehr erlebt als viele Kollegen. Er besaß Diskotheken und ein Restaurant, er handelte mit Immobilien und fuhr protzige Autos, er arbeitete als Spielervermittler. Und er war schon als Mittzwanziger Inhaber einer Firma für Finanzdienstleistungen und wurde so zum Millionär. „Der hatte schon drei Handys, da habe ich noch nicht einmal eins besessen“, erinnerte sich sein damaliger Mitspieler Jürgen Klopp in diesen Tagen. Das alles bewerkstelligte Zinnbauer neben einer bescheiden verlaufenden Profi-Karriere, an deren Ende vor allem 16 Zweitligaspiele für den FSV Mainz 05 standen. „Ich habe in meinem Leben einige Ideen aufgeschnappt. Nicht alle waren gut“, sagt Zinnbauer.

          Vielleicht passt es ja, dass der Hamburger SV nach all den großen Namen nun auf „Joe“ setzt, einen cleveren, aber weithin unbekannten Cheftrainer. Jedenfalls jubelten die Hamburger Fans unter den 57 000 Zuschauern in der ausverkauften Arena am Samstag nach dem 0:0 gegen den FC Bayern laut und anhaltend wie lange nicht. Die Spieler wiederum waren voll des Lobes. „Ich hatte eine Gänsehaut bei seiner Motivationsansprache“, sagte Tolgay Arslan. „Der Trainer hat uns brutal heiß gemacht und richtig viel Mut zugesprochen. Heute hat jeder um jeden Grashalm gekämpft“, behauptete Lewis Holtby. Und Heiko Westermann hatte gar das „beste Spiel“ seiner Hamburger Zeit erlebt, was den Zusammenhalt betraf. Insofern traf ein, was Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer bei Zinnbauers Vorstellung am Mittwoch versprochen hatte: „Er versprüht eine unglaubliche Energie und Motivation.“

          Der Ferrari bleibt in der Garage

          Zinnbauer hat nicht mehr so viel Lust, über Vergangenes und Kurioses zu reden. Er will nicht in der Schublade „Exot“ landen, sondern als ernsthafter Coach wahrgenommen werden. Seit er diesem Beruf nachgeht, hat er fünf Jahre beim VfB Oldenburg und zwei beim Karlsruher SC gearbeitet - keine hohe Fluktuation. Auch bei den Autos ist Zinnbauer ruhiger geworden, der Ferrari steht seit acht Jahren unbenutzt in der Garage: Er fährt Audi, den HSV-Dienstwagen. Und Fahrrad. Eimsbüttel, den bunten Stadtteil, in dem er lebt, hat er bislang noch nicht ausgiebig erkundet: „Wir haben einen 19 Monate alten Sohn, da bin ich abends meist zu Hause“, sagt Zinnbauer.

          Beinahe wäre Zinnbauer bei den großen Aufräumarbeiten des HSV im Sommer über Bord gegangen. „Als Oliver weg war, habe ich mich schon gefragt, ob ich noch gewollt bin“, sagt er. Oliver Kreuzer hatte ihn als Trainer der U 23 für die neue Saison geholt. Als der Sportchef dann am 14. Juli entlassen wurde, hatte Zinnbauer seinen einzigen Fürsprecher verloren - dachte er. Wie er in sechs Wochen den großen Umbruch der zweiten HSV-Mannschaft moderierte (14 Spieler gingen, 11 neue kamen), gefiel allerdings seinem Vorgesetzten, dem Nachwuchskoordinator Michael Schröder. Der ehemalige HSV-Profi lobte Zinnbauer, als ihn die neuen Granden Beiersdorfer und Bernhard Peters fragten. So durfte Zinnbauer in Hamburg weitermachen und führte das Nachwuchsteam zu acht Siegen in acht Spielen. Ohne diesen Start in der Regionalliga Nord wäre es Beiersdorfer nie in den Sinn gekommen, Zinnbauer zu befördern.

          Viel Lob für Vorgänger Slomka

          Vielleicht war dieser Einfall goldrichtig. Dass „Joe“ Zinnbauer gleich nach dem Spiel einfiel, seinen am Montag entlassenen Vorgänger zu loben, bewies Stil. „Mirko Slomka hat die Mannschaft in einem Top-Fitness-Zustand hinterlassen“, sagte Zinnbauer, „das Team ist intakt, ohne faule Eier.“ Wie schnell alles gegangen ist, das merkte Zinnbauer am Samstag, als er plötzlich neben Pep Guardiola saß. „Wir reden von einem Punkt gegen die Bayern, und ich durfte gegen jemanden spielen, den ich immer als mein Vorbild bezeichnet habe“, sagte Zinnbauer. Diese Bayern waren ein idealer Gegner. Ein bisschen müde nach der Champions League, deswegen auch unkonzentriert, aber immer das Spiel machend - der HSV wagte sich kaum einmal nach vorn, verteidigte leidenschaftlich und erkämpfte das erhoffte Erfolgserlebnis. „Bei uns entsteht Teamgeist“, sagte Zinnbauer.

          Natürlich wird es anders werden, wenn sein Team auch mal aktiv werden muss. Am Sonntag gegen Eintracht Frankfurt beispielsweise. Aber vorher, am Mittwoch in Gladbach, könnten Zinnbauers Methoden für den nächsten Punkt sorgen. Der HSV wähnt sich auf einem guten Weg. Doch bevor der HSV diesen Start überbewertet, sollte er sich an das letzte Ereignis erinnern, das als Neubeginn galt: Slomka gelang im ersten Spiel als HSV-Trainer ein glanzvolles 3:0 über Borussia Dortmund.

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