https://www.faz.net/-gtl-2nni

Hintergrund : Giro wirft dunklen Schatten auf die Tour

  • Aktualisiert am

Umlagert und überführt: Dopingsünder Dario Frigo Bild: dpa

Nach der Doping-Razzia von San Remo und den bevorstehenden Ermittlungen gegen zahlreiche Radprofis muss die Starterliste der Tour de France überarbeitet werden.

          3 Min.

          „Vielleicht können einige nicht starten“, befürchtet Telekom-Team-Manager Walter Godefroot. Der Mann umschreibt damit gelinde, was die direkten Auswirkungen des von Doping-Skandalen begleiteten 84. Giro d'Italia auf die in knapp vier Wochen beginnende Tour de France sind. In Wirklichkeit sind die Folgen viel schimmer: Die Tour droht eine Farce zu werden.

          Der „Corriere della Sera“ schrieb am Sonntag von 70 Verdächtigen, gegen die nach der im Sport einmaligen Razzia ermittelt werden könnte. Ein Tippgeber aus dem Fahrerlager hätte den Polizei-Einsatz möglich gemacht. Er heißt im italienischen „Pentito“ (der Reuige) - so werden auch die Mafia-Überläufer genannt. „La Repubblica“ zählte am Sonntag nur halb so viele Verdächtige, prophezeite unter ihnen aber „zwei Superstars“ schwere Stunden.

          Chaos regiert

          Erste Namen werden laut Staatsanwalt Luigi Bocciolini am Montag genannt. Der Glanz des Rosa Trikots des mutmaßlichen Gesamtsiegers Gilberto Simoni (Italien), der am Samstag die vorletzte Etappe eindrucksvoll im Alleingang gewonnen hatte, verblasst angesichts der dunklen Wolken über dem Chaos-Giro. Nach dem Doping-Eingeständnis des bisherigen Zweiten Dario Frigo und dessen fristloser Kündigung durch die Fassa Bortolo-Mannschaft hatte sein Landsmann freie Fahrt.

          Suspendiert: Dario Frigo

          _______________________________________

          Zitat

          „Drogen sind allgegenwärtig, und in keiner anderen Sportart wird so kontrolliert wie im Radsport.“

          Walter Godefroot, Telekom-Team-Manager zum Doping-Skandal

          _____________________________ ___________

          Von Telekom sind bei der Razzia laut Teamarzt Lothar Heinrich „Vitamin-Präparate und Asthma-Mittel“ beschlagnahmt worden: „Wir haben nichts zu befürchten“. Schwarze Schafe gebe es überall, „auch in der Politik“, meinte Jan Ullrich: „Natürlich kommt in mir Wut hoch, wenn ich sehe, dass einige versuchen, die Leistung mit verbotenen Medikamenten zu bringen, während wir es anders versuchen, in Topform zu kommen“.

          Wann kommen die erschütternden Neuigkeiten?

          Vor der San Remo-Aktion in der Nacht zu Freitag waren der Franzose Pascal Herve, bereits 1998 im Tour-Skandal des Dopings überführt, und Pantani-Helfer Riccardo Forconi des EPO-Dopings beim Giro überführt worden. Sein glatzköpfiger Chef, seit vergangenem Jahr in zwei Doping-Verfahren verstrickt, war unmittelbar vor der Razzia - wegen Krankheit - ausgestiegen. Sein Fanclub verlor promt ein Drittel Mitglieder.

          Weitere Urin-Proben warten im Anti-Doping-Labor in Lausanne auf die Auswertung, mit vielleicht weiteren erschütternden Neuigkeiten. Im Fall Fassa Bortolo hat Tour-Chef Jean-Marie Leblanc allerdings schon Grünes Licht gegeben: „Ein ganzes Team kann nicht für die Verfehlung eines Einzelnen büßen.“ Gegen vier Fahrer und den Teamarzt des Liquigas-Teams - unter ihnen Zeitfahr-Weltmeister Sergej Gontschar aus der Ukraine - soll nach Informationen des „Corriere della Sera“ die Staatsanwaltschaft ermitteln. Ebenso gegen den zweifachen Giro-Gewinner Ivan Gotti.

          Sponsoren drohen mit Rückzug

          In einem Wohnwagen seiner Schwiegereltern waren in der vergangenen Woche Doping-Präparate in großen Mengen sichergestellt worden. Gotti wurde beschattet und die Polizei schlug zu, als Alessio-Fahrer in den späten Abendstunden auffällig oft den in der Nähe des Hotels abgestellten Wohnwagen aufsuchten. In den Fahrer-Hotels soll das Medikament RSR 13 - synthetische Blutkörperchen - gefunden worden sein, das fünf Stunden nach der Injektion nicht mehr nachzuweisen ist. Außerdem das Wachstumshormon Saizen.

          Der für die Tour nominierte Baustoff-Hersteller Fassa Bortolo hat den Rückzug als Sponsor für das nächste Jahr bereits angekündigt. „Das war für einen gewissen Teil des Radsports der Todesstoß“, beurteilte der italienische Radsport-Präsident Giancarlo Ceruti die dramatischen Ereignisse. Ein Krisengipfel am kommenden Dienstag in Rom soll Wege aus der ausweglos scheinenden Misere weisen.

          Dubiose Schuldzuweisungen und Entschuldigungen

          „Frigo und Gotti sind nur der Anfang einer Lawine, die den gesamten italienischen Radsport mitreißen wird“, kommentierte „La Repubblica“. Gegenüber seinem Teamchef Giancarlo Ferretti gab der 27-jährige Senkrechtstarter Frigo, Sieger von Paris-Nizza und der Tour de Romandie, den Besitz von Dopingmitteln zu. „La Repubblica“ zitierte aus einem Brief Frigos an seinen Trainer: „Es war die wichtigste Etappe, ich wollte gewinnen“.

          Die Fahnder hatten bewusst am Vorabend einer schweren Bergetappe zugeschlagen. „Er hat uns und alle anderen betrogen“, schimpfte Feretti, der selbst wegen Verstrickung in Dopingvergehen erst nach einem Verfahren wieder tätig werden durfte. Frigo hat sich zu Hause in Biella verbarrikadiert, aber Ferretti ließ die Tür offen: „Mach reinen Tisch und komm zurück.“

          „Die Vorkommnisse schaden dem Radsport. Wir sind normale Sportler und keine Verbrecher“, ließ Ullrich auf seiner Homepage wissen. Godefroot steht „100 Prozent hinter der Arbeit der Ermittler“. Der Sport habe „Vorbild-Funktion für die Jugend“, das Vorgehen gegen Doping könne nicht „streng genug sein“. Allerdings stellt der Belgier auch andere Sportarten an den Pranger und spricht von einem gesellschaftlichen Problem.

          Weitere Themen

          „Kaltblütig und berechnend“

          Ronaldo auf Rekordjagd : „Kaltblütig und berechnend“

          Cristiano Ronaldo trifft und trifft und trifft. Nach seinem 700. Pflichtspieltor legt der Fußball-Star prompt in der Liga für sein Team Juventus Turin nach. Die italienische Presse ist außer sich.

          Topmeldungen

          Brexit-Reaktionen in Brüssel : Demonstrative Gelassenheit

          Das nächste Brexit-Chaos in London? In Brüssel gibt EU-Ratspräsident Donald Tusk einen gelassenen Ton vor. Bis zur Entscheidung über das Verlängerungsschreiben werden wohl noch einige Tage vergehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.