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Hintergrund : Alarm für den italienischen Fußball

  • -Aktualisiert am

Immer noch umjubelter Star in Italien: Roberto Baggio Bild: dpa

Selbst WM-Star Ronaldo muss Gehaltseinbußen hinnehmen. Nie waren die wirtschaftlichen Nöte in Italiens Luxus-Liga größer als vor dieser Saison.

          3 Min.

          Normalerweise würden die Tifosi sich heute damit beschäftigen, ob Alessandro Nesta denn nun Lazio verlässt. Wie Edgar Davids sich bei AS Rom machen wird. Ob Roberto Baggio trotz der Enttäuschung für den verpassten WM-Start wieder eine so hervorragende Saison bei Brescia hinlegen und halb Italien zum träumen bringen wird oder ob das „Wunderkind“ Chievo noch einmal einen so schönen Fußball spielen kann.

          Aber in diesem Jahr ist nichts wie gehabt. Vor dem Saisonstart am 1. September spricht man unter den Fans vor allem über Finanzen, über Fernsehrechte, über Fußballer-Gehälter, über mögliche neue Geldgeber wie Libyen oder gerade über Nicht-EU-Ausländer, die nicht mehr ins Land dürfen.

          Denn eines ist völlig klar: Der italienische Fußball befindet sich in einer schweren Finanzkrise. Vor allem die großen Clubs wissen nicht mehr, wie sie ihre Bilanzen ausgleichen oder woher sie das Geld nehmen sollen, um ihre enormen Schulden abzuzahlen.

          Wucher und Größenwahn

          In den vergangenen Jahren hat sich das gesamten System überdimensional aufgebläht: Gehälter der Spitzenspieler oder solcher, die man dafür hielt, wuchsen ins Unermessliche. Mit dem, was ein Verein wie Inter Mailand etwa für Bobo Vieri zahlte, hätte man schon fast die Staatsverschuldung eines kleinen afrikanischen Landes begleichen können.

          Und die Fernsehanstalten, vor allem Rai und die beiden Pay-TV-Sender, die es in Italien gibt (Telepiù und Stream), zahlten für die Rechte Summen, die man nur als abenteuerlich bezeichnen kann. Wucher und Größenwahn.

          Freiwilliger Gehaltsverzicht

          Dass das nicht so weiter gehen kann, ist allen klar. Jetzt wollen die Vorstandsvorsitzende der Clubs erst einmal bei ihren Arbeitnehmern, also den Spieler sparen. Ronaldo und andere haben sich dann auch bereit erklärt, freiwillig auf fünf bis zehn Prozent ihres Gehaltes zu verzichten, um ihren Präsidenten Moratti darüber hinweg zu trösten, dass Inter die Meisterschaft letztes Jahr doch nicht gewonnen hat.

          Diesem Beispiel sollten jetzt auch andere folgen, meinen die Chefs der großen Vereine. Wogegen sich vor allem die Spieler der kleineren Clubs wehren, deren Gehälter allerdings auch bei weitem nicht so hoch sind.

          Unklare Fernsehverträge

          Auf jeden Fall aber wird ein Teil der Löhne (offensichtlich 20 Prozent) an das Erreichen bestimmter Ziele geknüpft werden, die der Verein vorher bekannt gibt. Sollte zum Beispiel Roma Ende der Saison wider Erwarten nicht die Champions League erreichen, dann würden Totti und Konsorten nur 80 Prozent des vorher ausgehandelten Gehaltes bekommen.

          Nun sind die Spieler sicherlich nur einer - und wahrscheinlich auch nicht der wesentliche - Faktor bei dem finanziellen Desaster so vieler Clubs. Ein weiterer Punkt sind die Fernsehrechte. Bisher haben nur acht Vereine der Serie A und sechs der Serie B Verträge mit einem Zahlsender abgeschlossen.

          „Supercoppa“ in Libyen

          Die anderen sollen offensichtlich leer ausgehen, weil „sich hier eine Investition in Millionenhöhe einfach nicht lohnen würde“, wie der Sprecher eines Senders erklärte. Und auch die Rai will ihren Vertrag mit dem Verband neu aushandeln: „Die 88 Millionen Euro vom letzten Jahr bezahlen wir garantiert nicht noch mal“, sagte ein Vertreter des öffentlich rechtlichen Fernsehens.

          Aber man will auch noch andere Geldquellen auftun. So wird zum Beispiel das Spiel um die „Supercoppa“ zwischen den Gewinnern der Meisterschaft (Juventus) und des Pokals (Parma) am 25. August nicht in Italien, sondern in Libyen in Tripolis stattfinden.

          Geldsuche

          Der nordafrikanische Staat zahlt für dieses Event eine Millionen Euro. Libyen ist ja sowieso schon eng mit dem italienischen Fußball verknüpft. Der Staat besitzt Anteile an Juventus und in den letzten Wochen wurde immer wieder davon gesprochen, dass libysche Gelder eventuelle auch den bankrotten Traditionsverein Fiorentina retten können, der zum ersten Mal in seiner Geschichte abgestiegen ist.

          Geld muss eingespart, neue Gelder müssen gefunden werden. Darin sind sich alle einig. Nur einer tanzt da etwas aus der Reihe: Es ist Luigi del Neri, Trainer von Chievo Verona, dem Verein, der letzte Saison trotz sehr geringer Kosten alle Kenner daran glauben ließ, dass Fußball tatsächlich ein wunderschöner Sport sein kann. Er sagt: „Um zu gewinnen braucht man sicherlich Geld. Aber vor allem braucht man Ideen“.

          Keine Nicht-EU-Ausländer geduldet

          Auf eine ganz ungewöhnliche Innovation ist Italiens Fußball-Verband (FIGC) gekommen. Nachdem das römische Parlament vergangene Woche ein restriktives Immigrationsgesetzt verabschiedet hatte, führt auch der Verband Einschränkungen bei ausländischen Kickern ein, die neu nach Italien einwandern dürfen. Die Klubs der Serie A und B dürfen bis 31. August nur noch einen einzigen nicht-europäischen Spieler unter Vertrag nehmen.

          Danach wird es verboten sein, Spieler aus Nicht-EU-Ländern einzustellen. Spieler, die bisher schon Kontrakte bei Klubs
          vom Apennin besaßen, sind davon allerdings nicht betroffen. Das Verbot gilt bereits ab dieser Woche für die Klubs der Serie C und wird bis Ende der nächsten Saison in Kraft
          bleiben. FIGC Chef Franco Carraro will verhindern, „dass weitere 500 Ausländer nach Italien kommen.“ Als ob dies das einzige Problem des italienischen Fußball wäre.

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