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Hertha BSC : ...zwei, eins, weg? - Der Countdown für Stevens läuft

  • -Aktualisiert am

„Auch Huub Stevens hat Gefühle” Bild: dpa/dpaweb

Das Ultimatum für Stevens, das in dieser Form ein Novum sein dürfte, bewegt die ansonsten so abgebrühte Liga. Gegen Rostock steht für den Trainer von Hertha BSC das persönliche Endspiel Nummer eins an.

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          Der Satz war zwar kitschig, aber er war trotzdem wie eine Erlösung. Nach all dem sterilen Gerede, nach all den formelhaften Erklärungen, die die Verantwortlichen des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC Berlin zur sogenannten "Trainerfrage" abgegeben hatten, nahm sich Huub Stevens am Montagabend das Mikrofon. Er sagte: "Auch Huub Stevens ist ein Mensch. Auch Huub Stevens hat Gefühle." Für einen Moment wurde es still im Presseraum, gerade so, als würde diesen Worten ein Echo folgen. Doch es kam nichts nach.

          Es ging dann ziemlich schnell weiter im Verwaltungsdeutsch des Managers Dieter Hoeneß. Am Ende des Abends stand nur ein Verhandlungsergebnis: Huub Stevens bleibt gemäß einer Absprache in beiderseitigem Einvernehmen vorerst Trainer von Hertha BSC Berlin. Die Zusammenarbeit endet, wenn die nächsten beiden Spiele nicht gewonnen werden.

          Persönliches Endspiel Nummer eins

          Am nächsten Morgen will Huub Stevens von Gefühlen nichts mehr wissen. Auf die Frage nach seinem Befinden sagt er: "Es geht nicht um mich." Und der Druck, unter dem er steht, ist der überhaupt zu ertragen? "Würde euch das alles leicht fallen?", gibt Stevens zurück. "Sucht euch eine Antwort aus." Das war wieder so eine typische Stevens-Antwort. Eine Frage mit einer Gegenfrage kontern, das macht er gern. Irgendwann geben dann die Interviewer auf, und diese täglichen Pressekonferenzen, die Stevens sowieso nur eine lästige Pflicht sind, finden ein stummes Ende. Alles wie immer also.

          Alles wie immer - das hätte man denken können. Doch diese Woche war eine besondere für den 49 Jahre alten Niederländer. Huub Stevens hat möglicherweise zum letzten Mal die Profis von Hertha BSC auf ein Bundesligaspiel vorbereitet. Stevens steht kurz vor der Entlassung, der ersten seiner Trainerkarriere. Am Samstag findet für ihn im Rostocker Ostseestadion sein persönliches Endspiel Nummer eins statt. Sollte Hertha die Partie verlieren, wird Stevens' Vertrag sofort aufgelöst. Sollte Hertha gewinnen, verlängert sich die Schonfrist um drei Tage. Stevens dürfte dann auch am Dienstag, wenn es im DFB-Pokal abermals gegen Hansa Rostock geht, Trainer der Berliner sein.

          Vereinbarung mit Stevens mit Unklarheiten

          Manager Dieter Hoeneß will diesen Modus nicht als Ultimatum oder gar Galgenfrist bezeichnen. "Wir haben nichts gefordert von Huub Stevens, sondern wir haben eine Vereinbarung mit ihm getroffen." Und Rupert Scholz, der Vorsitzende des Aufsichtsrates und des Beteiligungsausschusses, sagt: "Wir haben eine vernünftige Lösung gefunden. Es ehrt den Trainer, daß er die Herausforderung annimmt. Ich darf ihm ausdrücklich dafür danken."

          Die Herausforderung, so klar definiert und fair sie vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag, hat ihre Schwächen. Und zwar zum Nachteil des Angestellten Huub Stevens. Was passiert bloß, wenn Hertha gegen Rostock 89 Minuten lang mit 1:0 führt und durch ein Abseitstor in der Schlußminute den Ausgleich kassiert? Muß Stevens dann auch gehen? Was geschieht mit ihm, wenn Hertha nach gutem Spiel die DFB-Pokalpartie im Elfmeterschießen verliert?

          "Bis zur allerletzten Minute"

          Kees Ploegsma, Stevens' Manager hat sich im Magazin "Kicker" zur Wort gemeldet und die von Hertha als harmonisch und einvernehmlich präsentierte Einigung mit seinem Klienten angezweifelt. Ploegsma sagt: "Hertha hat die Bedingungen vorgegeben. Stevens hatte gar keine andere Wahl, als sich darauf einzulassen." Dieter Hoeneß reagierte umgehend. "Meine Glaubwürdigkeit lasse ich nicht aufs Spiel setzen", sagte Hoeneß und bat Stevens um Aufklärung. Stevens sagte daraufhin: "Ich kann nur sagen, daß alles so war, wie wir es am Montagabend verkündet haben. Was im Kicker steht, geht auf die Kappe von Kees Ploegsma."

          Unabhängig davon, auf welchem Wege die Vereinbarung tatsächlich erzielt wurde, zeigt der von Stevens akzeptierte Kompromiß, wie sehr er an seinem Job hängt. Stevens, der mit Hertha BSC auf dem letzten Tabellenplatz steht und noch immer ohne Sieg in der Liga ist, will sich sein Scheitern nicht eingestehen. Gebetsmühlenartig wiederholt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit, daß er "für Hertha kämpfen" werde. Und zwar "bis zur allerletzten Minute".

          Beinahe jedoch hätte der Kampf um seine berufliche Zukunft am Samstag gar nicht stattfinden können. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes hat nämlich eine Innenraumsperre für zwei Spiele gegen Stevens verhängt. Stevens war bei der 1:4-Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen durch "unsportliches Verhalten" aufgefallen. Er hatte den Leverkusener Assistenztrainer Ulf Kirsten beleidigt und sich ein Handgemenge mit ihm geliefert. Hertha hat nun Berufung gegen das Urteil eingelegt - und damit Zeit gewonnen. Die Nachverhandlung findet erst am Montagabend statt. Das Urteil wird bis zu diesem Termin ausgesetzt, und Stevens darf doch auf der Berliner Bank Platz nehmen. Vielleicht zum letzten Mal.

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