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Fußball : Abschied von der Berliner Gute-Laune-Fraktion

  • -Aktualisiert am

Lucien Favre plant die Runderneuerung Bild: AP

Eine beachtliche Abwanderungswelle hat bei den ohnehin nicht verwöhnten Fans der Berliner Hertha Angst und Erschrecken ausgelöst - die Verantwortlichen aber wollen von Panik nichts wissen und verweisen auf ein plötzlich pralles Bankkonto.

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          So langsam bekommt Jérôme Boateng Angst vor einer gewissen Form der Einsamkeit. „Schon wieder ist ein Spaßmacher weg“, klagt der Jungprofi von Hertha BSC Berlin, der schon schweren Herzens von den Stimmungskanonen Ashkan Dejagah, Ellery Cairo und vor allem Andreas Neuendorf Abschied nehmen musste. Nun geht also auch noch Christian Giménez, der immer gut gelaunte Argentinier, nach nur einem Jahr.

          Dass er es am Abend vor seinem Abschied zum mexikanischen Fußball-Erstligaklub Deportivo Toluca bei einer feuchtfröhlichen Party mit den Kollegen noch einmal richtig krachen ließ, tröstet Jérôme Boateng nicht wirklich. Seltsam sei es, sagt er, dass bei Hertha vor allem die Gute-Laune-Fraktion immer mehr schrumpfe. Er selbst allerdings, der sich ebenso zu den Bessergestimmten zählt, ist nur noch deshalb beim Hauptstadtklub aus der Bundesliga, weil sich Hertha und der Hamburger SV noch nicht über die Ablösesumme einigen konnten.

          Schluss mit lustig

          Dass Boateng aber auch geht, gilt als sicher (Siehe auch: Die Boatengs - zwei Ghettokinder auf dem Weg zu Neureichen). Denn für den Geschmack von Hertha BSC hat der Neunzehnjährige für zu viel Trubel gesorgt. Bei den Berlinern aber ist inzwischen Schluss mit lustig. Der neue Trainer Lucien Favre plant konsequent die Runderneuerung, die bisher einen nicht unerheblichen Schönheitsfehler hat: Elf Abgängen stehen bisher erst drei Zugänge gegenüber: der brasilianische Mittelfeldspieler Lucio (Palmeiras São Paulo) sowie die Torhüter Jaroslav Drobny (VfL Bochum) und Christopher Gäng (Waldhof Mannheim). „Wir wissen, dass wir spät dran sind“, räumt nun Manager Dieter Hoeneß ein, „aber wir haben immer betont, dass die neue Mannschaft erst mit Schließung der Transferliste steht.“

          Doch bis zum 31. August stehen ein DFB-Pokalspiel in Unterhaching (am Samstag) und vier Bundesligapartien an. Die Sommerschlussverkaufs-Aktion fördert nicht gerade das, was eigentlich Sinn einer Vorbereitungsphase ist: Ein Ensemble sollte sich einspielen. Gerade mit neuem Trainer und neuem System. Hertha wagt also den risikoreichen Kaltstart. Auch, weil die Forderungen von Favre erfüllt werden müssen, so Hoeneß: „Es war immer klar, dass er seine eigenen Vorstellungen hat und wir deshalb mit einigen Leuten nicht weitermachen werden.“

          Der Coach hat seit seinem Dienstantritt bereits mehrmals die Qualität des Kaders bemängelt. Das hat dafür gesorgt, dass einige mit Bauchgrimmen zum Training kamen. Giménez zum Beispiel hob hervor, dass er sich in dem einen Jahr in Berlin sehr wohl gefühlt habe, „aber ich hatte nicht den Eindruck, dass der Trainer mit mir geplant hat“. Favre war der Angreifer, der immerhin auf zwölf Tore in 28 Bundesligaspielen kam, schlichtweg technisch zu limitiert. Hinzu kam, dass Giménez’ Weggang 2,2 Millionen Euro Ablöse bringt.

          Milchmädchenrechnung

          Mit den 7,4 Millionen, die Tottenham Hotspur für Kevin-Prince Boateng überweist, einer Million von Real Madrid für Christopher Schorsch plus vier Millionen Euro aus Genussscheinen, die Hertha ausgeben wird, stehen Favre und Hoeneß nun knapp fünfzehn Millionen Euro für Transfers zur Verfügung. Viel Geld für den mit 45 Millionen Euro verschuldeten Klub. „Es stand immer fest, dass wir erst etwas tun können, wenn es entsprechende Einnahmen gibt“, sagt Hoeneß. Die ersten Spiele seien sowieso „nicht maßgebend“, es gehe um die Entwicklung. Doch es gibt nicht wenige Kritiker, die sagen: Das könnte zur Milchmädchenrechnung werden, weil der Transfermarkt längst abgegrast sei und Berlin bei einem Fehlstart obligatorisch zum heißen Pflaster werde. Das ahnt auch Favre. Während er von den Fans viel Geduld für seine Arbeit einfordert, soll er selbst intern im Gespräch mit Hoeneß schon recht ungehalten geworden sein – weil bisher so wenig Neue an Bord seien.

          Denn auch Rückschläge blieben nicht aus: So ließ der FC Zürich bisher Favres brasilianischen Wunschstürmer Raffael nicht gehen. Nun, da die Kasse voll ist, soll ein neuer Vorstoß gewagt werden. Die Schweizer verweisen aber auf ein angebliches Angebot aus Russland über zehn Millionen. Das dürfte teuer werden, denn den Berlinern läuft die Zeit davon. Favre will noch fünf neue Spieler. In Südamerika, der Schweiz und Österreich war Hoeneß unterwegs. Die Kandidaten sind meist blutjung, aber Favre hält viel von ihnen: Sebastian Prödl (Sturm Graz), Fabian Lustenberger (FC Luzern), Veli Kavlak (Rapid Wien). Letzterer ist erst 18 Jahre alt, doch Hertha bietet angeblich erstaunliche 1,5 Millionen Euro. Mag die Verunsicherung in der Hauptstadt auch wachsen, zumindest ist man gerade flüssig.

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