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Handball in Deutschland : Wie die Bundesliga vom WM-Boom profitieren will

Begehrt wie nie: Uwe Gensheimer (links) posiert bei der Handball-WM für ein Selfie mit einem Fan. Bild: dpa

Eine Kampagne mit Gesichtern: Die Handball-WM zieht das deutsche Fernsehpublikum in ihren Bann. Die Bundesliga hofft mal wieder auf einen Schub. Doch sie weiß auch um die Gefahren.

  • -Aktualisiert am

          Wenn Frank Bohmann morgens die Zeitungen aufschlägt, staunt er in diesen Tagen, welch breiten Raum die Berichterstattung über die Nationalmannschaft einnimmt. Bohmann ist seit 2003 Geschäftsführer der Handball-Bundesligavereinigung HBL; er hat Krisen erlebt und Höhenflüge „seines“ Sports, er ist einer, der die Dinge gründlich durchdenkt und maßvoll an die Entwicklung der Bundesliga herangeht.

          Handball-WM 2019

          Für ihn steht fest, dass die aktuell sehr gesunde oberste Spielklasse die Basis dieser WM in Dänemark und Deutschland bildet, denn 95 Aktive aus den 28er-Kadern der 24 teilnehmenden Ländern verdienen ihr Geld in den Bundesligen. „Das Attribut ,stärkste Liga der Welt‘ haben wir zu Recht“, sagt Bohmann. Denn es sind auch Spieler aus Klubs wie GWD Minden (Magnus Gullerud, Norwegen), HC Erlangen (Petter Överby, Norwegen) oder Bergischer HC (Max Darj, Schweden), die der WM ihren Stempel aufdrücken.

          Die Bundesliga ist praktisch überall präsent, nur geht das im aktuellen Hype um die erste DHB-Auswahl ziemlich unter, wie ja überhaupt der „dänische“ Teil dieser WM in Herning mit zahlreichen Bundesligaspielern in skandinavischen Teams in der deutschen Wahrnehmung verschwindet. Bohmann gönnt der Mannschaft vor dem Halbfinale gegen Norwegen am Freitag (20:30 Uhr / live im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und ARD) jede Form von Begeisterung und Unterstützung. Irgendwie profitiert der Handball als Ganzes davon. Er ist aber auch Realist: „Die TV-Sender und die großen Zeitungen werden nach der WM natürlich nicht über den THW, Flensburg und die Löwen berichten wie jetzt über die Nationalmannschaft.“

          Der 54 Jahre alte Sportmanager hat sich schon seine Gedanken gemacht für die Zeit danach. Am Sonntagabend ist diese Erzählung mit märchenhaften Zügen erst einmal beendet; doch im Alltag von Bundesliga, DHB-Pokal und Champions League geht es weiter. Bohmann sagt: „Die Vereine werden sicher regional positive Effekte haben, aber wir dürfen nicht zulassen, dass nun plötzlich einer denkt, jetzt zeigen wir denen in Paris mal, wo es langgeht.“

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Paris St-Germain hat in etwa den doppelten Etat des THW Kiel; Spielführer Uwe Gensheimer verdient in der französischen Hauptstadt angeblich eine halbe Million Euro brutto im Jahr. Wenn Bohmann die mögliche Herausforderung von Paris anspricht, hat das seine Gründe. Der WM-Titel 2007 und die damalige Begeisterung ließen zwei Mäzene in die Bundesliga investieren, Andreas Rudolph und Jesper Nielsen. Mit ihrem Eintritt in den Handball waren viele Millionen und Versprechungen verbunden. Rudolph hatte schon 2005 beim HSV begonnen, weitete das Sponsoring nach 2007 dann deutlich aus. Der HSV wurde auch dank seines Geldes deutscher Meister und Champions-League-Sieger, ehe am Ende eines zähen Prozesses die Insolvenz im Jahr 2016 stand, weil Rudolph sich zurückgezogen hatte.

          Nielsens Erfolge zwischen 2008 und 2012 waren weniger eindrucksvoll, und die Rhein-Neckar Löwen kamen erst durch einen schmerzhaften Sparkurs wieder auf die Beine. Dem Image der Bundesliga haben die Negativschlagzeilen damals sehr geschadet.

          Bohmann ist eine ausgeglichene, wirtschaftlich starke Liga lieber als eine, die von einem Team dominiert wird wie von Veszprem in Ungarn oder Kielce in Polen. Deren Dominanz und die Stärke von Barcelona, Paris und Skopje hat die Bundesligaklubs zuletzt ausgestochen im Rennen um die Champions League. Auch am Nimbus „stärkste Liga der Welt“ hat das gekratzt, und der Weggang der Stars aus der Liga ist nicht zu leugnen – der nächste wird im Sommer Flensburgs Däne Rasmus Lauge sein, er geht nach Veszprem.

          Regional erfolgreich

          Bohmann hält dem entgegen: „Keiner der genannten Klubs finanziert sich aus dem Handball. Wir wollen lieber bei unseren Wurzeln bleiben. Als Bundesliga können wir eine breite Brust haben, denn wir haben nicht nur zwei, drei Topklubs, sondern einen ganz harten Wettbewerb aller Klubs.“ Regional ist der Bundesliga-Handball unabhängig von der Leistung der Nationalmannschaft ein erfolgreiches Produkt, ob in Wetzlar, Göppingen oder Magdeburg. Bohmann lobt die französische Liga mit den Klubs aus Nantes und Montpellier: „Sie haben ähnliche Strukturen wie unsere Vereine, mit ihnen müssen wir uns messen.“ Trotzdem wäre es natürlich förderlich, qualifizierte sich mal wieder ein deutscher Vertreter für die Europapokal-Endrunde in Köln. Montpellier holte ohne große Stars die Champions League 2018.

          Realistische Einschätzung: Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga .

          Erfreulich ist indes die Zusammenarbeit von DHB und HBL. Bohmann sagt: „Wir verfolgen das gleiche Ziel. Das war nicht immer so. Die WM wurde vom DHB und seinen Landesverbänden exzellent vorbereitet. Wir als HBL haben auch unseren Anteil.“ Mehr Lehrgangstage erbat Bundestrainer Christian Prokop; DHB und HBL einigten sich darauf, denn die entscheidenden Figuren ziehen an einem Strang: Uwe Schwenker, Mark Schober und Bohmann. „Da haben wir alle miteinander über den Tellerrand geschaut“, sagt er.

          Nun bleibt die Frage, was man aus der aktuellen Handball-Welle machen kann. 2007 seien die Vereine von der Begeisterung überrannt worden, sagt Bohmann, nachhaltige Modelle haben gefehlt: „Wir haben den Erfolg nicht konservieren können.“ Das soll jetzt anders werden. Vor allem über Gesichter will der Handball im Gespräch bleiben. Durch Kampagnen in den sozialen Medien sollen Andreas Wolff, Jannik Kohlbacher und Fabian Wiede auch noch bundesweit en vogue sein, wenn sie wieder für Kiel, Mannheim und Berlin spielen.

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