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Vor dem WM-Viertelfinale : „Das deutsche Team braucht viele Steals“

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Schwerer Brocken: Spaniens Kreisläufer Julen Aguinagalde ist kaum zu stoppen Bild: REUTERS

Der Spanier Aguinagalde gilt als bester Kreisläufer der Welt. Und auch Wechselspieler Guardiola ist eine Wucht. Wie sind solche Hünen im WM-Viertelfinale von der deutschen Abwehr zu stoppen? Nachgefragt bei Trainingswissenschaftler Rolf Brack.

          Rolf Brack trainiert in der Handball-Bundesliga seit mehr als acht Jahren die Mannschaft des HBW Balingen-Weilstetten. Als Dozent der Universität Stuttgart gilt er als renommierter Trainingswissenschaftler. Sein Team, das individuell vielen Gegnern unterlegen ist, lässt er mitunter einen unkonventionellen, aber innovativen Handball spielen. Angesichts langjähriger Erfahrung hat er einen kritischen Blick aufs Spiel – auch vor dem Viertelfinale der Deutschen gegen Spanien an diesem Mittwoch (19 Uhr live im WM-Ticker bei FAZ.NET).

          Herr Brack, der wohl beste Kreisläufer der Welt spielt …

          … für Spanien, Julen Aguinagalde, keine Frage.

          Aguinagalde wiegt 110 Kilogramm, ist 1,95 Meter groß. Ist es überhaupt möglich, einen solchen Spieler zu stoppen? Er wird sich kaum ohne Gegenwehr von der Sechsmeterlinie wegschieben lassen.

          Es ist wichtig, dass die deutsche Abwehr antizipiert. Sie hat sich im Turnierverlauf gesteigert. Gegen Tunesien war sie viel  zu passiv. Aber gerade gegen Spanien braucht das deutsche Team viele „Steals“.  Man muss vor den Mann kommen und ihm den Ball wegnehmen. Das hat Abwehrchef Oliver Roggisch im Achtelfinale gegen Mazedonien sehr gut gemacht, als er gleich zu Beginn zwei „Steals“ hatte. Er ist für mich ohnehin einer der auffälligsten Spieler des Turniers.

          Warum?

          Weil er mittlerweile auch Tore wirft, was für ihn ungewöhnlich ist. Bundestrainer Martin Heuberger hat während des Turniers umgestellt. Roggisch geht bei Tempogegenstößen mit nach vorne. Das war ein guter taktischer Zug des Bundestrainers, weil es wichtig ist, einen Kreisläufer hinter die gegnerische Deckung zu bekommen.

          Ebenfalls eine Wucht: Gedeon Guardiola Bilderstrecke

          Spaniens Aguinagalde ist kein Konterspieler.

          Nein, weil er nur im Angriff eingesetzt wird. Aber die Spanier haben einen zweiten, sehr guten Kreisläufer, Gedeon Guardiola. Er kommt im Wechsel für Aguinagalde, wenn der Gegner im Angriff ist, bleibt beim Konter aber drin und geht in der zweiten Welle mit nach vorne an den Kreis. Er spielt wie Roggisch in der Bundesliga für die Rhein-Neckar-Löwen. Beide haben dieselbe Spielanlage. Guardiola ist sozusagen Spaniens Roggisch.

          Nicht nur Roggisch warf bisher seine Tore, auch der Kieler Patrick Wiencek und ihr Spieler, Christoph Theuerkauf, spielen ein sehr solides Turnier. Die Anspiele auf die Kreisläufer waren bisher ein probates Mittel …

          … was nicht überbewertet werden darf. Vor allem im Zusammenspiel der Achse Kreisläufer-Rückraummitte wird das Spiel gegen Spanien der erste echte Prüfstein. Mannschaften aus der zweiten, dritten Reihe wie Brasilien, Argentinien oder zuletzt selbst die Mazedonier spielen eine offensive Deckung, was den Kreisläufern sehr entgegenkommt, da sie mehr Platz für ihre Aktionen haben. Die Spanier perfektionieren hingegen die defensive Deckung und haben selber viele Steals, um dann Tempogegenstöße zu laufen. Das ist ein ganz anderes Niveau. Da wird es ganz eng am Kreis.

          Das heißt, dass der Effekt der deutschen Kreisläufer zwangsläufig verpuffen wird?

          Nein, jetzt sind die Spielmacher gefordert, Martin Strobel und Michael Haaß. Gerade bei Strobel gibt es im Zusammenspiel mit dem Kreis noch viel Luft nach oben. Er ist mir in seinen Wurfansätzen nicht mutig genug. Ein Mittelmann ist in der Lage, den Innenblock mit vorgetäuschten Würfen herauszulocken. Das schafft Freiräume für die Kreisläufer. Aber beide, Strobel und Haaß, müssen diese Option deutlich häufiger wählen. Auch die Halbpositionen im Rückraum sind gefordert. Sie können das Spiel breit ziehen.  Nur wenn das alles in Kombination greift, hast du eine Chance gegen eine Abwehr, wie sie die Spanier spielen.

          Es geht um taktische Nuancen?

          Genau, eine weitere taktisch Variante wäre es, wenn die Kreisläufer auf das schwächste Glied einer 6:0-Abwehr gehen würden, den Außenspieler, und diesen sperren. Das eröffnet Angriffssituationen für die Außen und den Kreisläufer.

          Was unterscheidet die beiden deutschen Kreisläufer?

          Wiencek kommt ähnlich wie auf der Gegenseite Aguinagalde über die Körpermasse. Er versucht die gegnerischen Abwehrspieler an sich zu binden, geht auf den Mann und stellt viele Sperren. Theuerkauf ist viel mehr in Bewegung. Er ist der klassische Typ Kreisläufer, der eine Abwehr hinterläuft, den Instinkt für den richtigen Moment hat und versucht, sich im Fallen der Umklammerung der Abwehrspieler zu entziehen. Wiencek kann hingegen angesichts seiner Statur auch in der Abwehr spielen. Der Bundestrainer kann ihn im Spiel lassen und benötigt nicht zwangsläufig einen schnellen Wechsel mit Roggisch.

          Unabhängig von der Rolle der Kreisläufer. Wie kann die deutsche Mannschaft gegen den klaren Favoriten Spanien bestehen?

          Das Spiel wird in der Abwehr entschieden. Wer die bessere Abwehr stellt und gegnerische Angriff unterbindet, hat die Möglichkeit durch viele einfache Tore im Tempogegenstoß die entscheidenden Vorteile herauszuholen und das Viertelfinale zu gewinnen.

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