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Handball-Kapitän Gensheimer : Uns Uwe

Erfolgreich und beliebt: der deutsche Kapitän Uwe Gensheimer. Bild: Reuters

Der deutsche Handball fragt sich, ob ihm besondere Typen fehlen, um die Sportart auch nach der WM im Fokus halten. Die Diskussion verwundert. Denn es gibt doch Kapitän Uwe Gensheimer.

          Eigentlich herrschte schon Stille rund um die Kölner Arena. In diese Stille hinein regt sich dann doch noch etwas, drei oder vier Männerstimmen vielleicht, aus dem Treppenabgang zur U-Bahn nach Köln-Sülz, „U-we!“, der eine, „Gens-hei-mer!“, die anderen. Ein paar Mal geht das so, dann ist auch dieses kleine Zwischenspiel auf dem großen Soundtrack dieses Handball-Winters wieder vorbei.

          Handball-WM 2019

          Es ist nur eine beliebige Straßenszene, aber ins Gesamtbild dieser WM passt sie schon, genau wie das Auto, das eben noch am Messebahnhof Deutz vorbeigebraust war, mit schwarzrotgoldenen Schals und „Deutschland“-Rufen aus offenen Fenstern – bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Das WM-Feuer in Deutschland ist längst entfacht, und Uwe Gensheimer, 32 Jahre alt, Linksaußen, hat keinen kleinen Anteil daran. Mit 36 Treffern, darunter 16 vom Siebenmeterpunkt, gehört er nicht nur zu den besten Schützen des Turniers, er hat damit auch doppelt so viele erzielt wie der zweitbeste deutsche Werfer, Steffen Fäth. Und wenn es jetzt immer heißt, dass die Welle der Begeisterung sich auf dem Weg von Berlin nach Köln noch einmal verstärkt hat, dann gilt das auch für die „Uwe“-Rufe in der Arena, wie man am Samstagabend beim 24:19 gegen Island hören konnte.

          Sechs Spiele ist diese WM nun alt, die deutsche Mannschaft hat sich eine gute Ausgangsposition im Rennen um die Halbfinalplätze verschafft, bevor jetzt die schweren Gegner kommen, Kroatien an diesem Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und im ZDF) und Spanien am Mittwoch. Nachdem am Sonntag die Kroaten Brasilien 26:29 unterlagen, würde schon ein Sieg am Montag den Einzug ins Halbfinale bedeuten. Schon jetzt hat sich das Team mit beherztem Zupacken und seiner positiven Ausstrahlung auch bei dem Teil des Publikums Konturen verschafft, der eher saisonal zur Klatschpappe greift.

          Da ist Andreas Wolff, der Vulkan im Tor, der noch von der EM 2016 in bester Erinnerung war, da ist Patrick Wiencek, der seine 110 Kilogramm schonungslos als Kampfgewicht nutzt, oder Fäth, der so unscheinbar, fast scheu dreinschaut, dann aber den Ball aus luftiger Höhe so unfassbar beschleunigt. Da sind auch andere wie Paul Drux und Jannik Kohlbacher, die Kraftpakete, oder Matthias Musche, der Schmächtige mit blondem Bart und feurigem Temperament. Aber irgendetwas nimmt die Leute für Gensheimer ein – etwas, das über Tore und die Tatsache hinausgeht, dass er als bester Linksaußen der Welt gilt.

          Wenn er nach den Spielen meist als Letzter durch die Mixed Zone kommt, ist Gensheimer zwar gefragt, als Kapitän, der sachlich analysiert, für die markigen Töne aber haben andere gesorgt. Mit seinen 1,88 Metern wirkt er eher unscheinbar, es gibt wenig, woran man sich festhalten könnte, mit Ausnahme vielleicht des badischen Tonfalls seiner Mannheimer Heimat. Aber vielleicht ist das auch schon ein Teil der Erklärung. Dass dieser Gensheimer, der 13 Jahre seiner Karriere bei den Rhein-Neckar Löwen verbrachte, bevor er doch noch nach Paris ging, eine Normalität verkörpert, nach der sich ein Teil des Publikums sehnt, im Handball, aber vielleicht im Sport überhaupt. Einen Gensheimer, das lässt sich sagen, auch ohne ihn gleich zum Posterboy eines autochthonen Handball-Landes zu machen, hätte jeder gern zum Nachbarn.

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