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Sport-Kommentar : Sagt, was ihr denkt!

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„Welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch?“: Stefan Kretzschmar. Bild: dpa

Spitzensportler wagen immer seltener, ihre Sicht der Dinge offenzulegen. Früher war das anders. Das kritisiert Stefan Kretzschmar. Doch die Idee vom „mündigen Athleten“ ist auch heute keine Fiktion.

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          „Welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch?“ Das hat sich Stefan Kretzschmar, der meinungsfreudige frühere Handballstar, gefragt. Es war eine rhetorische Frage, deren Antwort gute alte Zeiten suggeriert: Ja, damals, da gab es noch echte Typen im Sport, die erzählten, was sie dachten. So was zum Beispiel: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“ Das sagte Berti Vogts nach der WM 1978 im Land der brutalen Militärjunta. Sein Teamkollege in der Nationalmannschaft, Manfred Kaltz, wurde so zitiert: „Nein, belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird.“ Das tat weh. „Si tacuisses ...“, sagen die Lateiner. „Wenn Du doch geschwiegen hättest.“

          Handball-WM 2019

          Spitzensportler haben heute noch weniger Gelegenheiten, über ihre Wettkampfarenen hinauszuschauen. Sie werden in einen Tunnel gedrängt und gezogen. Trainer, Vereine, Verbände, Sponsoren, Medien fordern eine vollständige Konzentration auf den Beruf. Misserfolge werden häufig auf eine ungenügende Arbeitseinstellung zurückgeführt oder mit dem Hinweis auf die unermüdliche Konkurrenz beantwortet: Der Spitzensport führt zwangsläufig in eine Isolation, wenn keine Zeit mehr bleibt, am Alltagsleben teilzunehmen, zu schauen, zu hören und zu lesen, was passiert und warum. Und von diesen jungen Menschen verlangen wir kluge Statements und eine Haltung zur Weltlage?

          Kretzschmar liegt nicht falsch, wenn er sinngemäß behauptet, Spitzensportler wagten immer seltener, ihre Sicht der Dinge offenzulegen. Dieser Eindruck ist durch die zunehmende Kontroll-Wut verstärkt worden. Arbeitgeber, Vereine wie Verbände versuchen zunehmend, Interviews vor dem Erscheinen zu glätten, sie entziehen ihre Profis mehr und mehr den Fragen der Medien oder fördern Verweigerungshaltungen, um Probleme zu vermeiden.

          Mesut Özil durfte den obligatorischen Presserunden des DFB im vergangenen Jahr fern bleiben und musste zu keinem Zeitpunkt Fragen zur Pressefreiheit in der Türkei beantworten. Seine Teamgefährten in der glorreichen WM-Auswahl von 2014 schwiegen mit ganz wenigen Ausnahmen nach dem geräuschvollen Abschied des verdienten Spielers. Weil sie, wie Kretzschmar zurecht anmerkt, mit unsäglichen Attacken in den sozialen Medien, mit Repressalien von Arbeitgebern oder Werbepartnern rechnen müssen. Wie zum Beweis seiner These ist Kretzschmar sogar von der AfD böswillig vereinnahmt worden. Als hätte er die Gültigkeit der Meinungsfreiheit in diesem Land in Frage gestellt.

          Dass dieses Grundrecht auch in einem privaten Unternehmen wie dem organisierten Sport wahrgenommen werden kann, beweisen die Athleten-Vertreter seit einiger Zeit. Sie haben sich in wichtigen sportpolitischen Fragen gegen den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gestellt, sie haben einem „Oppositionellen“ bei der jüngsten Mitgliederversammlung des DOSB zu einer in der Geschichte des Verbandes einmaligen Gegenkandidatur und sich selbst gegen große Widerstände zu einer selbständigen Struktur verholfen. Die Idee vom „mündigen Athleten“ ist also keine Fiktion. Sie muss aber ständig erweitert werden, damit der Vogts von heute nicht morgen erkennen muss, was den berühmten Vorgänger als jungen Mann im Tunnel einst in die Irre geführt hatte: „Das Team ist überhaupt nicht auf die politischen Verhältnisse in Argentinien vorbereitet worden.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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