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Norwegens Star Sagosen : Das heißeste Versprechen des Welthandballs

  • -Aktualisiert am

Überragend! Sander Sagosen sticht im norwegischen Team heraus. Bild: AFP

Der wichtigste Spieler von Deutschlands Halbfinal-Gegner bei der Handball-WM ist Sander Sagosen. Der junge Spieler mit dem Hang zur Arroganz schultert die Last. Aber man sollte die Norweger nicht auf ihn reduzieren.

          Das Faszinierende an Sander Sagosens Spiel ist die Unberechenbarkeit. Wenn er im Rückraum hochspringt, weiß man praktisch nie, ob er abspielt oder selbst wirft. Auffallend elegant sieht das aus in diesem Sport, der gerade am Ende eines Turniers oft von der Kraft lebt. Sagosen wiegt „nur“ 90 Kilogramm. Er versucht, sich so wenig wie möglich im Kampf mit der Abwehr aufzureiben. Sein Trainer Christian Berge lässt ihn deswegen auch meist nur im Angriff spielen, gönnt Sagosen Ruhepausen, denn er ist als Schütze und Regisseur die entscheidende Figur Norwegens.

          Handball-WM 2019

          Sander Sagosen hat auf dem Feld eine Ausstrahlung, die manchmal ins Arrogante abdriftet, doch wenn man den Norwegern so kommt, verteidigen sie ihren Star: „Sander geht voran, ist mental stark und sehr selbstbewusst“, sagt Kreisläufer Bjarte Myrhol, der lange bei den Rhein-Neckar Löwen spielte und von Sagosens Anspielen profitiert. Dass er sich nicht mit wenig zufriedengibt, bewies Sagosen am Mittwochabend, als die Halbfinalpartien feststanden, und er gegenüber norwegischen Medien sagte: „Jetzt wollen wir Gold.“ Myrhol hatte vorher gesagt, eine Medaille, gleich welcher Couleur, sei jetzt das Ziel.

          42 Tore bei 71 Versuchen hat der 23 Jahre alte Trondheimer bei dieser WM vor dem Halbfinale an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und in der ARD) gegen Deutschland geworfen. Dass es brenzlig wird, wenn er nicht liefert, zeigte sich bei der Vorrunden-Niederlage gegen Dänemark. Das ganze norwegische Team blieb unter seinen Möglichkeiten. Als es dann gegen Schweden und Ungarn um die Runde der letzten vier ging, war Sagosen da und führte Regie.

          Er lernt im Alltag ja auch von den Besten. In seiner zweiten Saison spielt der Rechtshänder bei Paris St-Germain neben Mikkel Hansen und Nikola Karabatic. Beim Star-Team aus Frankreich überzeugt Sagosen in der Mitte und halblinks; er bekommt sehr viel Spielanteile und war, verglichen mit Mikkel Hansen, der zuletzt deutlich auffälligere Spieler. Kaum Anpassungsprobleme hatte Sagosen, der Vielseitige im Rückraum, und die guten Leistungen bei PSG haben ihn zum heißesten Versprechen des Welthandballs gemacht. Er hat das gewisse Etwas. Seine Lehrjahre verbrachte er im dänischen Aalborg.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Sagosen schultert diese Last gern. Aber man sollte die Norweger nicht auf ihn reduzieren. Christian O’Sullivan vom SC Magdeburg spielt neben ihm ein starkes Turnier, am Kreis ist Myrhols Erfahrung immer noch Gold wert. Auf Linksaußen veredelt Magnus Jöndal ein ohnehin kompaktes Team – er hat die sagenhafte Trefferquote von 90 Prozent, 46 Tore aus 51 Versuchen. Uwe Gensheimer liegt bei 71 Prozent.

          Jöndal hat nur bei kleinen norwegischen Klubs halbprofessionell Handball gespielt, bis er 26 Jahre alt war. Nun hat er den großen Schritt zur SG Flensburg-Handewitt gewagt und stellt dort neben Göran Johannessen, Magnus Röd und Torbjörn Bergerud die Nordmann-Fraktion. Linkshänder Röd erlebt eine gute WM, während man Johannessen die fehlende Fitness nach seinem Daumenbruch anmerkt. Bergerud und Espen Christensen von GWD Minden erreichen im Tor selten allerhöchstes Niveau.

          Geformt hat diese passende Mischung aus Talent und Erfahrung Christian Berge. Seit fünf Jahren dabei, ist der frühere Flensburger Profi Baumeister des aktuellen Erfolges. Seit 2016 mischt Norwegen vorne mit. Mehr Professionalität im Rahmen einer typisch norwegischen Wohlfühlatmosphäre hat Berge verordnet. Er selbst hat sich durch die Erfolge ins Schaufenster gestellt und Begehrlichkeiten geweckt; zu gern hätte die SG Flensburg ihn 2017 in der Nachfolge von Ljubomir Vranjes geholt (Spielplan der Handball-EM 2020).

          Doch weder Berges Familie noch der Verband wollten ihn ziehen lassen. Mit einer hübschen Gehaltsaufstockung und mehr Verantwortung geködert, blieb Berge Nationaltrainer. Er kennt den Stress der Bundesliga als Spieler und ist ohnehin jemand, der nach einer Krebserkrankung im Jahr 2004 auf Signale seines Körpers hört. Berge beendete damals seine Profikarriere auf höchstem Niveau, wurde gesund und schlug die Trainerlaufbahn ein. Der Favorit sei gewiss Deutschland, hat der feingeistige, hintersinnige Trainer nun gesagt, die Fans, der Heimvorteil. Doch Berge wird sich schon etwas ausdenken. Geheimnisse gibt es ohnehin keine: dreizehn der 18 norwegischen Spieler sind oder waren in der Bundesliga tätig.

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