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Russland bei Handball-WM : Luftnummer mit satirischen Zügen

Als Victor Kirejew geboren wurdet, gab es die Sowjetunion noch. Bild: Picture-Alliance

Nach dem Cas-Urteil zum Staats-Doping müssen russische Sportler eigentlich neutral auftreten. Bei der Handball-WM zeigt sich das erstmals in der Praxis. Die Sanktionen tun nicht weh – oder werden alles andere als subtil umgangen.

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          Jetzt, da die Pandemie die Schweizer in die Handball-Weltmeisterschaft geworfen hat, bekommt das Turnier in Ägypten ganz neuen Reiz. Es wartet eine Aufgabe für Hassan Mustafa, Präsident des Internationalen Handball-Verbandes IHF und Erfinder der „Presidents Cup“ genannten Verliererrunde für sportlich gescheiterte Mannschaften. Mustafa sollte sich schnellstens überlegen, einen weiteren Pokal zu stiften. Dieses Turnier schreit nach einem ganz besonderen Spiel: dem Finale um die neutrale Ananas.

          Handball-WM 2021

          Die Gelegenheit, die Schweizer und jenes ominöse Team aus Gruppe H, das am Donnerstag in Alexandria gegen Belarus mit einem 32:32 erstmals ins Geschehen eingriff, gegeneinander antreten zu lassen, kommt so günstig jedenfalls nicht wieder. Das ist garantiert, vom Sportschiedsgericht Cas in Lausanne. Die Sportrichter waren es, die mit ihrem Schiedsspruch, Stichwort russisches Staats-Doping, und der Verpflichtung russischer Sportler auf einen angeblich neutralen Auftritt über zwei Jahre dafür gesorgt haben, dass in Ägypten die, jetzt bitte scharf konzentrieren, „Mannschaft des russischen Handball-Verbands“ aufläuft.

          Was sich schon im Dezember andeutete, ist nun durch die Praxis beim ersten Weltturnier nach dem Urteil belegt: Die angebliche Sanktion ist eine Luftnummer mit satirischen Zügen. Die „Mannschaft des russischen Handball-Verbands“ statt Russland – wer das für eine Bestrafung hält, nimmt vermutlich an, die Russen hätten ohne Verdikt aus Lausanne die Badmintonspieler zur Handball-Weltmeisterschaft geschickt oder eine Auswahl russischer Philatelisten. Dass diese nun nicht mit gewohnter Flagge spielt? Auch schon kompensiert. Statt der Trikolore in Weiß-Blau-Rot ziert die Mannschaft des russischen Handballverbands – Obacht, es wird ganz subtil – die blaue Silhouette eines Handballspielers vor weiß-rotem Hintergrund.

          Wie sich das Turnier für die Mannschaft des russischen Handballverbandes entwickelt, ist ungewiss. Den Schiedsrichtern in Lausanne, die ihr Urteil mit dem Bedürfnis begründet haben, einen „Kulturwandel“ herbeiführen zu wollen und „der nächsten Sportlergeneration die Chance zu geben, an sauberen internationalen Wettkämpfen“ teilzunehmen, sei noch der Blick ins russische Tor empfohlen. Dort steht Victor Kirejew, ein Könner. Als er geboren wurde, liefen russische Handballspieler noch für die Sowjetunion auf. Demnächst wird er 34 Jahre alt.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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