https://www.faz.net/-gtl-7z4iz

Handball-WM : Deutschland scheitert an Qatar – und den Schiedsrichtern?

  • -Aktualisiert am

Bitte auf die Bank: Der Schiedsrichter schickt Patrick Wiencek mit einer Zeitstrafe vom Spielfeld Bild: dpa

Das Spiel ist aus: Die Mannschaft der eingebürgerten Qatarer wirft das deutsche Handball-Team aus dem WM-Turnier. Im Viertelfinale endet der Traum vom Titelgewinn. Torwart Heinevetter sieht den Grund in der Gastgeberrolle des Gegners.

          3 Min.

          Es herrschte eine brodelnde Atmosphäre in der Halle von Lusail, 14.000 Zuschauer bildeten dort am Mittwoch eine prächtige Kulisse, die teilweise wie eine weiße Wand anmutete. Es war ein qatarisches Fest, auch sportlich, zum Leidwesen der deutschen Handballspieler. Aus der Traum von einer Medaille bei der Weltmeisterschaft in Qatar: Die deutsche Mannschaft kann nach dem 24:26 im Viertelfinale gegen das Team des Gastgebers im besten Fall noch Fünfter werden. Sie muss sich jetzt in Doha, nach dem jähen Ende großer Hoffnungen, in den Platzierungsspielen beweisen, am Freitag zunächst gegen Kroatien.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Dabei geht es darum, mindestens Siebter zu werden und somit zu einem der Qualifikationsturniere für Olympia 2016 zugelassen zu werden. Bundestrainer Dagur Sigurdsson war am Mittwoch ebenso niedergeschlagen wie seine Spieler. „Alle sind sehr enttäuscht“, sagte der Balinger Martin Strobel, nachdem das Halbfinale verpasst war.

          „Schlechtestes Spiel“

          Die Deutschen mussten sich allerdings an die eigene Nase fassen nach ihrem „schlechtesten Spiel“ in Doha, wie Kapitän Uwe Gensheimer den Auftritt gegen Qatar bezeichnete. Deutschland offenbarte diesmal tatsächlich eine Menge Schwächen, mehr als in jedem anderen Spiel zuvor. Nach der Niederlage forderte Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes, umgehend, sich schnell wieder aufzurichten - und sich so zu präsentieren wie vor dem Viertelfinale. Es gelte jetzt, sagte er, „sich zu schütteln und wieder aufzustehen“.

          Ausgerechnet Qatar! Die Nation zählt, grundsätzlich, nicht zu den Schwergewichten im Handball, und doch trafen die Deutschen nun in Doha auf eine kleine Weltauswahl, auf ein Team mit mehreren eingebürgerten Stars. Die Personalpolitik Qatars folgte der Devise: Geld wirft Tore. So hatten sich die Rückraumspieler Zarko Markovic und Rafael Capote in das Land am Persischen Golf locken lassen; der eine stammt aus Montenegro, der andere aus Kuba.

          Außerdem kamen die Weltklasse-Torhüter Goran Stojanovic und Danijel Saric. Sie erlagen ebenfalls dem Reiz von üppigen Gehältern und Prämien. Und alle demonstrierten ihre Klasse am Mittwoch, Capote etwa mit acht Toren. Von der Qualität der Qatarer war zuletzt schon der österreichische Teamchef Patrekur Johannesson, Isländer wie Sigurdsson, so beeindruckt, dass er sagte: „Ich glaube, die werden Weltmeister.“

          Heinevetters Andeutungen zu den Schiedsrichtern

          Diese Betrachtung hatte vermutlich auch mit dem Heimvorteil Qatars zu tun. Die Deutschen hatten am Mittwoch allerdings keinen Grund, sich groß zu beschweren über die mazedonischen Schiedsrichter, obwohl der Berliner Torwart Silvio Heinevetter sich eine gewisse Andeutung nicht verkneifen konnte. „Wir sind immer noch Gäste in dem Land. Man muss aufpassen, was man sagt.“ Jeder könne sich vorstellen, was er denke.

          Es reicht nicht: Qatar (mit dem ehemaligen Kubaner Rafael Capote (l.) und Hassan Mabrouk) stoppt die Deutschen um Steffen Weinhold Bilderstrecke
          Es reicht nicht: Qatar (mit dem ehemaligen Kubaner Rafael Capote (l.) und Hassan Mabrouk) stoppt die Deutschen um Steffen Weinhold :

          Ihnen mangelte es schlichtweg an Präzision bei ihren Aktionen, von Anfang an, viele Offensivbemühungen verpufften, Würfe verfehlten ihr Ziel. So haderte der Kieler Patrick Wiencek: „Hätte ich die Dinger reingemacht, wäre vieles anders gelaufen.“ Rechtsaußen Patrick Groetzki patzte selbst unbedrängt bei einem Gegenstoß; der Mannheimer fand in Saric seinen Meister. Und Gensheimer vergab zwei Siebenmeter gegen Stojanovic. Der Linksaußen hatte zudem früh eine Zweiminutenstrafe erhalten, nachdem er mit Bertrand Roine aneinander geraten war; der gebürtige Franzose musste ebenfalls vorübergehend den Dienst quittieren.

          Aber auch in der Deckung war das Team von Sigurdsson nicht so zupackend wie zuletzt. So setzten sich Markovic und Capote immer wieder als Schützen in Szene, Markovic hatte dazu ein Händchen für Zuspiele an den Kreis, wovon der bullige Borja Vidal, geboren in Spanien, profitierte. Bundestrainer Sigurdsson bedauerte später, dass er nicht früher auf eine 6:0-Deckung umgestellt habe, Die Deutschen traten aber auch einfach nicht mit der Selbstsicherheit der vergangenen Tage auf, auch Torwart Carsten Lichtlein konnte sich den Qatarern nicht wie gewünscht entgegenstemmen und musste das Feld für Silvio Heinevetter räumen. Der parierte immerhin einen Strafwurf von Markovic.

          Qatar lässt ernüchterte Deutsche zurück

          Wenigstens konnten die Deutschen den beträchtlichen Rückstand, der zwischenzeitlich sieben Tore betrug, bis zur Halbzeit ein bisschen reduzieren, auf ein 14:18. Das schien wie ein Signal zum Aufbruch zu sein, Deutschland kämpfte sich mehr und mehr heran, unverdrossen. Auf ein 19:20 zum Beispiel, auch weil Heinevetter einige Male auf dem Posten war. Das deutsche Gefüge wirkte nun ein wenig stabiler, im Angriff wie in der Verteidigung. Dieses Aufbäumen war jedoch nicht energisch genug, um Capote und Co. in die Knie zu zwingen. Der Mann aus Kuba und seine Kollegen setzten den erstaunlichen qatarischen Sturmlauf im Handball fort. Und ließen ein ernüchtertes Deutschland zurück.

          Qatar - Deutschland 26:24 (18:14)

          Qatar: Saric, Stojanovic - Markovic 6/2, Mabrouk 1, Roine 1, Capote 8, Al-Karbi, Memisevic 3, Vidal 4, Damjanovic, Mallash, Benali 3, Madadi, Hamdoon, Hassab Alla, Zakkar
          Deutschland: Heinevetter (Füchse Berlin), Lichtlein (VfL Gummersbach) - Kneer (Rhein-Neckar Löwen), Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen) 5/1, Sellin (MT Melsungen), Wiencek (THW Kiel) 3, Pekeler (TBV Lemgo) 2, Groetzki (Rhein-Neckar Löwen) 4, Weinhold (THW Kiel) 3, Strobel (HBW Balingen-Weilstetten) 3, Schmidt (TSG Friesenheim), Kraus (Frisch Auf Göppingen) 1, Michael Müller (MT Melsungen), Schöngarth (TuS N-Lübbecke), Musche (SC Magdeburg), Drux (Füchse Berlin) 3
          Zuschauer: 14 500 –
          Schiedsrichter: Nachevski/Nikolov (Mazedonien)
          Strafminuten: 4 / 6
          Disqualifikationen: - / -

          Weitere Themen

          „Das war ein Superauftakt“

          Hockey-Herren bei Olympia : „Das war ein Superauftakt“

          Die deutsche Hockeynationalmannschaft ist mit einem deutlichen Erfolg über Kanada ins olympische Turnier gestartet. Nun stehen die Partien gegen die Favoriten an. Für Gold muss alles passen.

          Topmeldungen

          Lehren aus der Flut : Katastrophenföderalismus?

          Krisenprävention wurde in Deutschland zu lange kleingeschrieben, obwohl die Anfälligkeit der Gesellschaft im Grunde eher gestiegen ist. Entscheidend ist, dass die Warnungen schnell dort ankommen, wo sie gehört werden müssen.
          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung, gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.

          Symbolpolitik : Wo bitte geht’s zum Regenbogen?

          Abstrafung und Ausschluss sind Kehrseiten einer Politik, die angeblich alle einschließen will. Anmerkungen zu symbolischem Reflexhandeln, LGBTQ und der Beziehung mit Ungarn. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.