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Streit um WM in Ägypten : Der ganz normale Wahnsinn im Handball

  • -Aktualisiert am

Uwe Gensheimer würde die Handball-WM in Ägypten gerne spielen. Bild: Picture-Alliance

Die Corona-Pandemie stellt die Hygienekonzepte der Handballvereine auf eine harte Probe. Da wächst die Furcht vor der Weltmeisterschaft in Ägypten. Die Bundesligaklubs fordern nun eine Verschiebung.

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          Ohne sofort inhaltlich einen Standpunkt zu besetzen, sagt Maik Machulla: „Wir führen gerade eine notwendige Diskussion. Das ist gut und richtig. Es geht jetzt darum, kreative Lösungen anzubieten.“ Der Coach der SG Flensburg-Handewitt ist als Sprecher der deutschen Trainer-Task-Force gerade ein vielgefragter Mann. Die Erörterung um Sinn und Unsinn einer Handball-Weltmeisterschaft mit 32 Teilnehmern im Januar in Ägypten hat diese Woche an Fahrt aufgenommen. Machulla, 43 Jahre alt, steckt mittendrin.

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          Er sagt: „Wenn man sieht, wie viele Einschränkungen wir im Privaten haben und wie viel Verantwortung wir als Handballer übernehmen wollen, ist es Wahnsinn, davon auszugehen, dass die WM gespielt wird.“ Machulla spricht als Vereinstrainer, als Familienvater, als Handballfachmann. Was passiert, wenn sich Nationalmannschaften zu Länderspielen treffen, hat man Anfang November gesehen, als vier Spieler vom Lehrgang des Deutschen Handballbundes (DHB) coronapositiv in ihre Vereine zurückkehrten. Infektionen, Isolierungen und Quarantäne haben den Spielplan der Handball-Bundesliga (HBL) durcheinandergewürfelt.

          Auch an diesem Wochenende wurden Partien gestrichen, sind verlegt worden. „Ich weiß nicht, wo diese Spiele reingequetscht werden sollen“, sagt Machulla. Wie soll das werden, wenn im Januar mehr als 600 Handballer das Weltturnier austragen? Oder bietet eine „Blase“ à la NBA die Lösung, den wirklichen Schutz? Machulla antwortet: „Wir schauen da in die Glaskugel. Wir als Klubs haben Bauchschmerzen, wenn wir die Spieler aus unserem Hygienekonzept herausgeben, und fragen uns, wie wir sie zurückbekommen.“

          Geteilte Meinungen

          Die Meinungen fliegen gerade hin und her in der Szene. Spieler wie die Kieler Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold, allesamt erfahrene Profis, sind gegen die WM. Ihre Kollegen Uwe Gensheimer, Johannes Bitter, Timo Kastening dafür. Jeder hat Argumente. Trainer und Manager der Bundesliga haben sich klar gegen das Großturnier positioniert; zuletzt sprach sich Wetzlars Geschäftsführer Björn Seipp für eine Verlegung aus und bekam Unterstützung. Machulla kennt die Diskussionen; er hält Kontakte zu vielen Kollegen.

          Er sagt: „Es ist kompliziert. Ich kann jeden verstehen. Als HBL würde ich sagen, die Bundesliga ist unsere tägliche Grundlage. Die müssen wir schützen. Als europäischer Verband würde ich sagen: Der Europapokal muss bleiben, das ist die Kür der Saison. Und der Weltverband sagt: Die WM ist das wichtigste Turnier! Es ist ja auch menschlich, dass keiner etwas abgeben möchte, bei allem Verständnis füreinander.“

          Natürlich scheint bei Machulla durch, dass ihm Verein und Liga das Wichtigste sind. Zuletzt haben ihm einige Diskussionen in der Liga missfallen, er vermisste da Solidarität. Er sagt: „Es geht um das große Ganze. Wenn jetzt jeder Verein nur die eigenen Interessen priorisiert, kommen wir nicht weiter. Ich habe ein paar Mal das Wort ,Wettbewerbsverzerrung‘ gelesen und gehört. Es ist aber eine spezielle Saison, in der jeder mal geschwächt sein wird, weil wichtige Spieler fehlen. Es geht nicht um die Plätze eins, zwei und drei, sondern darum, dass die HBL stattfindet!“

          Pragmatischer Ansatz

          Machulla, 2018 und 2019 Meister mit der SG, hat einen pragmatischen Ansatz gewählt, um diese Spielzeit zu bewältigen. Er geht auch davon aus, dass alle Klubs bald wieder ihren Rhythmus gefunden haben, dass Spieltage durchgezogen werden. „Wir Trainer müssen uns auf den Sport konzentrieren. Die Testungen sind in den Trainingsalltag integriert. Ich versuche Corona so wenig wie möglich zu thematisieren. Es gibt keine großen Gespräche in der Mannschaft, denn die Spieler verlassen sich auf das Testsystem.“

          Die Diskussion um Ansteckungen im Spiel wird indes längst geführt. Machulla hatte jüngst merkwürdige Hemmungen einiger Akteure im Spiel bemerkt. Er sagt: „Ich bin auf die betreffenden Jungs zugegangen und habe gefragt, ob sie Angst haben. Sie haben verneint. Ich nehme das Thema auch deswegen sehr ernst, weil bei vielen Spielern ja Familien dahinterstehen.“

          Spielplan der Handball-WM 2021 in Ägypten

          Es wird versucht, die Testungen so engmaschig wie möglich zu gestalten: Als Meschkow Brest aus Belarus am Mittwoch in der Champions League in Flensburg spielte, wurde die Mannschaft am Morgen im Hotel getestet und um 16 Uhr, zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff. Allerdings hatte auch der DHB in der Länderspielwoche „alles Menschenmögliche“ getan, so Machulla, und doch gab es vier positive Fälle: „Wir werden damit leben müssen.“

          Zurück zur WM. Machulla erwartet weitere Streitgespräche – auch im Kreis der Spieler: „Es ist völlig legitim, wenn mündige Profis sagen: Ich möchte mich diesem Risiko nicht aussetzen. Als Spieler kannst du dich nicht immer aus allem raushalten. Auf der anderen Seite wollen alle für ihr Land spielen. Und wenn jemand sagt, ich fühle mich wohl und sicher, dort zu spielen, dann soll er das tun.“ Am 15. Januar beginnt die WM für Deutschland gegen Uruguay.

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