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Fabian Wiede : Der Mann für die besonderen Handball-Pointen

Überflieger: Fabian Wiede hat maßgeblich zum Sieg des deutschen Teams bei der Handball-WM gegen Kroatien beigetragen. Bild: dpa

Und dann trifft Fabian Wiede: Der wurfgewaltige Linkshänder trägt maßgeblich zum deutschen Einzug ins Halbfinale der WM bei. Dabei helfen ihm seine besonderen Eigenschaften.

          Zehn Minuten ohne Tor, das ist im Handball eine Ewigkeit. Und man kann fast schon sagen, dass jene für die Deutschen quälend langen zwischen der 46. und 55. gegen Kroatien ein Spiel für sich waren. Eines, das zum Nervenspiel auf des Messers Schneide wurde, je mehr Zeit verrann. Eine kroatische Auszeit und zwei deutsche lagen dazwischen, ein Torwartwechsel, von Andreas Wolff zu Silvio Heinevetter, technische Fehler auf beiden Seiten, vergebene Chancen, der ganze Handball-Wahnsinn. Aber eben auch vier kroatische Treffer, so dass aus dem 18:15-Vorsprung der deutschen Nationalmannschaft ein 18:19 geworden war.

          Handball-WM 2019

          Es war also Crunchtime, wie es immer heißt, Christian Prokop hatte schon zur Ultima Ratio gegriffen, dem siebten Feldspieler, aber auch damit fanden die Deutschen keine Lücke. In diesem Moment der äußersten Zuspitzung brauchte es jemanden, der Verantwortung übernahm. Und zwar schnell. „Der Arm war oben, einer musste werfen, ich hatte einen kleinen Gegenspieler, insofern wusste ich, dass ich rüberkomme“ – dann warf Fabian Wiede, und der Ball rauschte zum 19:19 in den linken Torwinkel. „Der Trainer sagt immer, wenn Zeitspiel ist, Hauptsache den Ball aufs Tor bringen.“

          Prokop nannte es am Tag danach einen „Hammerwurf“. Es war der Moment, in dem sich das Matchglück noch einmal zur deutschen Seite neigte, und Wiede, der 24 Jahre alte Rückraumspieler von den Füchsen Berlin, hatte es gezwungen. An sich gibt es einige Spieler im deutschen Team, denen jederzeit ein kraftvoller Wurf aus der Halbdistanz zuzutrauen wäre, Fäth, Häfner, Böhm, der Haken ist nur: Man würde auch jedem von ihnen zutrauen, dass er mal nicht trifft. Von solchen Gedanken sind auch die Akteure auf dem Parkett nicht immer frei.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Aber Wiede hatte am Montag schon Selbstvertrauen angesammelt, ja geradezu angehäuft. Er gab nicht nur jenem Zehn-Minuten-Drama den Rahmen, schon das letzte Tor vorher war seines gewesen, insgesamt gelangen ihm sechs. Eigentlich war Wiede immer beteiligt, wenn es wichtig wurde – bis hin zum entscheidenden Moment, als die Kroaten in der 59. Minute beim Stand von 21:20 für Deutschland wegen eines vermeintlichen Stürmerfouls zurückgepfiffen wurden. Es war Glück, die Kroaten waren zu Recht erbost, aber Wiede hatte es „gezogen“, wie man sagt, und wenig später war es sein kluger, aber auch kühner Pass, der Gensheimer erreichte – 22:20.

          Also wurde Wiede nicht nur zum Spieler des Spiels gekürt, er wurde auch gefragt, ob das von seinen bislang 72 Länderspielen das beste gewesen sei. Das mochte er schon so stehenlassen, wenngleich er darauf hinwies, dass er gegen Frankreich auch gut gewesen sei. Für Prokop und sein Team bedeutete das zugleich die Hoffnung, dass auf Wiede nun gerade bei den ganz wichtigen Spielen Verlass sein könnte.

          Auf ihn wird es nun umso mehr ankommen, erst recht nach der Verletzung von Martin Strobel. Schon mit Strobel war ihm von Prokop eine wichtige Rolle zugedacht gewesen: die des Überraschungsfaktors auf der Spielmacher-Position. Der Bundestrainer setzte auf die Möglichkeit, statt des klassischen Verteilers auch mal Wiede ins Spiel zu bringen, den Linkshänder, der eigentlich im rechten Rückraum zu Hause ist. Prokop sieht ihn als „Straßenhandballer“ – also etwas unkonventionell und mit einer Extraportion Kreativität und Frechheit. Im Lauf des Turniers, insbesondere nach der Verletzung Steffen Weinholds, wurde Wiede dann auf seiner Stammposition immer wichtiger.

          Wiede und der große Wolff: Der beste Torschütze wird vom Torhüter geherzt.

          So oder so: Im deutschen Spiel, das bei allem Lob der Breite manchmal auch etwas breitwandig daherkommt, sorgte Wiede für die besonderen Pointen, etwa mit seinem Rückhandzuspiel auf Hendrik Pekeler gegen Russland. „Er ist das kreative Momentum in unserem Spiel“, sagte der Bundestrainer nun. „Er braucht seinen Freiraum, und den kriegt er.“ Wenngleich auch ihm nicht immer alles gelingt. Gegen Island war Wiede leer ausgegangen. Er habe ihn daraufhin „nicht kritisiert“, berichtete Prokop, aber daran erinnert, „verantwortlich mit dem Ball umzugehen“ – und sich trotzdem etwas zu trauen. Das tat er dann, als es so dringend wie bislang noch nie bei dieser WM benötigt wurde.

          Vielleicht schafft es Wiede ja doch noch, ein Versprechen einzulösen, das mit ihm früh verbunden worden war. Bei den beiden letzten großen Erfolgen war er im Kader, 2016, mit 21 Jahren, beim EM-Sieg und bei Olympia-Bronze im selben Jahr. Er gehörte zu jener Generation, mit der der deutsche Handball in eine goldene Zukunft steuern wollte, ehe sich alles als schwieriger erwies. Die Nationalmannschaft stürzte ab, und Wiede geriet etwas aus dem Fokus, auch, weil er oft verletzt war. Zuletzt hatte er sich im Oktober eine Innenbandverletzung zugezogen, erst Ende November kehrte er zurück aufs Parkett. „Nach den letzten verpassten Turnieren bin ich einfach froh, hier dabei sein zu dürfen“, sagte er am Montagabend. Sonst nichts? Doch. Was jetzt möglich sei, wurde er noch gefragt. „Alles ist möglich“, sagte er vor dem abschließenden Hauptrundenspiel gegen Spanien an diesem Mittwoch (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und in der ARD). Eigentlich redet er gar nicht so gerne, zumindest nicht ins Mikrofon. Aber das nennt man auf den Punkt gebracht.

          Handball-WM 2019

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