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Deutsche Handballer bei der WM : „Wir müssen unsere Abwehr stabilisiert bekommen“

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Hält der Block? Die deutschen Handballer müssen in Spanien eine bessere Abwehr präsentieren. Bild: EPA

Neue Mitte in Not: Nach der Niederlage gegen Ungarn stehen die deutschen Handballer mit dem Rücken zur Wand. Im WM-Showdown gegen Spanien muss unbedingt ein Sieg her.

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          Der Respekt vor Spanien sprach aus jeder Antwort. „Sie sind extrem routiniert, sie machen wenig Fehler“, sagte Alfred Gislason, „da muss so gut wie alles passen, wenn wir sie schlagen wollen.“ Nun war der Bundestrainer schon immer ein Fan des nächsten Gegners und warnte als Coach des THW Kiel davor, Abstiegskandidaten zu unterschätzen. Die Spieler schmunzelten darüber. Diesmal aber reihten sich die deutschen Handballprofis ein. „Bei Spanien gibt es 15 Leute, auf die man achten muss. Jeder, der reinkommt, hat so eine Schlacht schon einmal gespielt und gewonnen“, sagte Torwart Johannes Bitter am Mittwoch im neuen Teamhotel St. Regis Almasa in Kairo.

          Handball-WM 2021

          Die Deutschen hatten am Vormittag nicht nur das vertraute Hotel Mena House samt Pyramidenblick hinter sich gelassen, sondern auch die schönen Aussichten, durch einen Sieg gegen Ungarn im letzten Vorrundenspiel den leichten Weg Richtung Viertelfinale einzuschlagen. Durch das 28:29 wird die erste Hauptrundenpartie an diesem Donnerstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und im ZDF) zum WM-Finale gegen den Europameister.

          Um Eventualitäten aus dem Weg zu räumen, hilft nur ein Sieg gegen Spanien – wobei die letzten Erinnerungen nicht unbedingt Mut spenden: Vor einem Jahr bei der Europameisterschaft unterlag die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) den Spaniern 26:33, die EM 2018 endete nach einer Hauptrundenniederlage gegen sie. Sollte Gislasons Team verlieren, wären die verbleibenden Hauptrundenspiele gegen Polen und Brasilien nur noch bessere Probeläufe für die Olympiaqualifikation im März in Berlin.

          Schwierige Aufgabe für den Torwart

          So weit wollte bei allem Lob für die erfahrenen Spanier am Mittwoch verständlicherweise niemand gehen. Die Frage war eher, was aus dem kämpferisch überzeugenden Spiel gegen Ungarn mitzunehmen war. 28 Tore bedeuteten eine gute Ausbeute; die Ungarn deckten kompromisslos, die Deutschen hatten aus dem Rückraum Antworten, durch Julius Kühn zunächst, dann durch den überzeugenden Spielmacher Philipp Weber, später durch Paul Drux. Verloren wurde das Spiel in der Abwehr.

          „Man hat gesehen, dass manche Jungs zum ersten Mal auf einem solchen Niveau gespielt haben, gegen so schwere Jungs wie Banhidi“, sagte Rechtsaußen Patrick Groetzki beim digitalen Medientermin des DHB. Banhidi, 120 Kilogramm schwer, warf acht Tore bei acht Versuchen. Weder Johannes Golla noch Sebastian Firnhaber konnten ihn bremsen. Etwas besser wurde die Abwehr, als Fabian Böhm für Firnhaber kam, und es wäre keine Überraschung, sollte Gislason gegen Spanien auf den Innenblock Golla/Böhm setzen.

          Für die Torhüter war es hinter dieser löchrigen Deckung eine schwierige Aufgabe, annehmbare Quoten zu erzielen. Der eingetauschte Johannes Bitter machte es besser als Andreas Wolff, aber nicht gut genug, um am Ende auch noch den einen entscheidenden Ball zu halten. So war es Spielmacher Mate Lekai vorbehalten, seine Mannschaft mit dem 29:28 vier Sekunden vor Schluss jubeln zu lassen – womit man beim Thema individuelle Klasse wäre. Eine Achse Lekai-Banhidi hatten die Deutschen am Dienstagabend in Kairo nicht. Es blieb der Eindruck, dass sie mit der abgestimmten Defensive der vergangenen Jahre weniger Probleme mit Ungarn gehabt hätten.

          Aber die ist nun einmal in Kiel geblieben, und Gislason muss es mit seiner neuen Mitte versuchen. „Wir brauchen gegen Spanien aggressiveres Spiel im Innenblock, sonst können wir unseren Torhütern nicht helfen“, sagte Gislasons Assistent Erik Wudtke, „und wir müssen unser ganzes Abwehrspiel einen Schritt nach vorn bekommen.“ Die von Gislason verordnete, aber mangels Zeit kaum einstudierte offensive Deckung behagte seinem Team gegen den beweglichen Lekai gar nicht. So kommt man bei der Einschätzung der deutschen Leistungsfähigkeit in diesen Tagen immer wieder auf zwei Punkte: Es gab zum einen viele Absagen an neuralgischer Stelle, und es blieb sehr wenig Zeit, die Neuen auf Kurs zu bringen.

          „Wir können das schaffen“

          Wie die Deutschen das Spiel nach hohem Rückstand in der ersten Halbzeit offen gestaltet hatten und nahe am Unentschieden waren, war zwar beachtlich. Es stand aber auch keine unbezwingbare Handball-Weltmacht auf der anderen Seite. „Wir sind wie Ungarn im Kreise der Spitzenteams, aber nicht weiter als das“, sagte Wudtke, dem ebenso wie Gislason anzumerken war, dass sie voll im Turniermodus sind – zum einen froh darüber, dass endlich Corona kein Thema mehr ist, zum anderen darauf erpicht, keinen Gedanken daran zu verschwenden, was wohl mit einer besseren Besetzung in Ägypten möglich wäre. Tatsächlich befindet sich das deutsche Team ohne Dänemark, Norwegen, Kroatien und Frankreich ja im deutlich leichteren Turnierbaum.

          Aber auch Spanien ist zu schlagen. Vielleicht wie damals, 2016 im EM-Finale, als Wolff zum Torwarthelden wurde? „Wir müssen unsere Abwehr stabilisiert bekommen“, sagte Groetzki, „insgesamt war das Spiel gegen Ungarn eine gute Übung, um den Spielstil der Spanier zu verinnerlichen, denn sie ähneln sich sehr. Wir können das schaffen.“ Mit viel Routine und dem Wissen, dass es am Ende oft gut für sie ausgeht, werden die Spanier auch gegen Deutschland starten. Allerdings hat das Team von Trainer Jordi Ribera bei dieser WM weder gegen Brasilien (29:29) noch gegen Polen (27:26) überzeugt. Neben der Tagesform wird an diesem Donnerstag auch der Faktor Cleverness entscheiden. Es ist die Frage, ob die Deutschen mit dem erfahrenen Gislason hier einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht haben.

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