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25:25 gegen Frankreich : Das nächste Sekundendrama für Deutschland

Trotz der Enttäuschung in letzter Sekunde gibt es für die deutsche Mannschaft Applaus. Martin Strobel (links) und Paul Drux bedanken sich bei den Fans. Bild: EPA

Das deutsche Handball-Nationalteam bietet dem WM-Titelverteidiger lange Paroli und steht kurz vor einem Coup. Doch im letzten Moment gelingt Frankreich noch das Remis. Eine gute Nachricht gibt es trotzdem.

          Das „Spiel der Spiele“ nannte es Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes. Der erste Ball war da noch nicht geworfen am Dienstagabend. Aber es war nun einmal der Stoff, aus dem epische Handball-Duelle sind. Deutschland gegen Frankreich, das sind Geschichten, die zum Packendsten gehören, was dieser Sport zu bieten hat, zuletzt 2016 im olympischen Halbfinale mit dem besseren Ende für die Franzosen – und natürlich der Thriller vom WM-Halbfinale in Köln 2007, der zur Geburtsstunde eines deutschen Sportmythos wurde.

          Handball-WM 2019

          In der Gegenwart stand längst noch nicht so viel auf dem Spiel, aber ein richtungweisendes Spiel war es allemal für die Deutschen, eine Mentalitäts- und auch Qualitätsprobe der besonderen Art – die das Team von Christian Prokop über die 60 Minuten gesehen auf eine Art und Weise bestand, wie es nicht selbstverständlich war, vor allem nach dem Tiefschlag des Unentschiedens gegen Russland am Vorabend. Am Ende aber stand dennoch ein Déjà-vu, welches dasjenige vom Vorabend an Schrecken noch übertraf. In letzter Sekunde glichen die Franzosen zum 25:25 aus.

          Das Unentschieden bedeutete zwar immer noch, dass die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop das Anschlussticket nach Köln gelöst hatte, für die Hauptrunde, in die am Dienstagabend auch Dänemark und Norwegen einzogen. Doch angesichts dessen, was möglich war gegen den Weltmeister, verblasste das beinahe zu einem buchhalterischen Erfolg. Nun gilt es einen weiteren späten Niederschlag zu verarbeiten. 25:24 führten die Deutschen, sie hatten den Ball, und es war keine Minute mehr zu spielen. Doch dann leistete sich Fabian Böhm einen folgenschweren Fehler, Frankreich kam noch in Ballbesitz – und mit etwas Anlauf noch zum Ausgleich.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Zu trösten waren Prokop und seine Mannschaft im ersten Moment nicht. „Wir haben so ein geiles Spiel abgeliefert, einen Riesenkampf hingelegt, wir hätten den Sieg verdient gehabt. Aber am Ende haben wir uns wieder nicht belohnt", sagte Kapitän Uwe Gensheimer, das Remis fühle sich an wie eine Niederlage. Aber mit etwas Abstand werden sie eine Leistung erkennen, auf die sie vielleicht noch Größeres als zuletzt angenommen aufbauen können. Denn das war das wirklich Beeindruckende aus deutscher Sicht: Wie die Mannschaft sich in diesem Spiel auf des Messers Schneide gegen den Weltmeister, bei dem Nikola Karabatic nicht im Kader stand, als Kollektiv ins Spiel biss, und wie diesmal andere in die Bresche sprangen, als Gensheimer sich nicht wie zuletzt in Szene setzen konnte: Fabian Wiede und Martin Strobel vor allem, aber auch Hendrik Pekeler. Am Donnerstag geht es nun noch gegen Serbien und dann nach Köln weiter. „Wir werden das schnell abschütteln“, meinte dann auch Gensheimer.

          Eine kleine Vorlage hatte der etwas überraschende 25:23-Sieg der Brasilianer gegen Russland am Nachmittag gesorgt: Damit war schon so gut wie klar: Im Fall eines Hauptrundeneinzugs der Deutschen würde der verlorene Punkt vom Vortag wohl nicht mehr ins Gewicht fallen. Die spannende Frage aber war, wie die Deutschen das 22:22 gegen die Russen körperlich und mental verkraftet hatten. Es gehört zu den kaum erklärlichen Zumutungen des Handballs, dass der Betrieb binnen kaum mehr als 24 Stunden weitergeht – auch wenn Prokop versucht hatte, das ins Positive zu wenden: keine Zeit, ins Grübeln zu geraten. Dass die Antwort keine verkopfte sein würde, war am Dienstag schnell klar. Es sollten emotionale Energien freigesetzt werden, wo immer es ging.

          Während das deutsche Team zunächst enttäuscht die Köpfe senkte, war der Jubel bei Frankreich riesengroß.

          Die Deutschen wirkten wie unter Hochspannung gesetzt. Bei jeder gelungenen Aktion sprang die Bank auf, Gensheimer riss den Kollegen Wiencek hoch, nachdem der einen Franzosen gestoppt hatte, und Ersatzmann Musche animierte das Publikum. In Kombination mit einer Zwei-Tore-Führung war das ein elektrisierender Start für die Deutschen. Doch den gab es auch gegen Frankreich nicht ohne ein Aber – eines, das man nun schon kennt bei dieser WM. Während auf die Deckung Verlass war und insbesondere Torwart Wolff sich von seiner besten Seite zeigte, ließ sich das über die Offensive zunächst nicht sagen. Einige Fehlwürfe, vor allem von Fäth, und Missverständnisse machten die Mühen und letztlich auch den Vorsprung zunichte. Nach einer guten Viertelstunde lagen zum ersten Mal die Franzosen vorn, 5:4.

          In dieser Phase war es Wiede, der Verantwortung übernahm und zudem seine Rolle als der große Unberechenbare mit Leben füllte wie bislang noch nicht bei dieser WM: Ein wunderbares Zuspiel und zwei wuchtige Würfe des Linkshänders später lag Deutschland wieder 8:6 vorn, dazwischen hatte Gensheimer zum dritten Mal getroffen. Es war zu spüren, wie dieses Comeback den deutschen Sicherheit gab, nun lief es auch im Angriff besser, Strobel führte mit scharfen Bällen Regie und trug sich sogar zwei Mal in die Liste ein, Patrick Groetzki spielte sich aus seinem Tief. 12:9 hieß es, und wäre die Deckung im letzten Moment konzentrierter gewesen, hätte es dieser Drei-Tore-Vorsprung sogar zur Pause sein können. Aber 12:10 war auch nicht schlecht. „Wir haben gefightet um jeden Zentimeter, wir haben als Team zusammengestanden, wir haben Stresssituationen gemeistert“, sagte Bundestrainer Prokop zu dieser guten Phase.

          Nach der Pause jedoch machte der vorher schon starke Mahé den Deutschen das Leben schwer – aus freiem Spiel wie vom Siebenmeterpunkt, er traf, von wo er wollte. Da half es auch nicht, dass Heinevetter zwischenzeitlich den nicht mehr so zupackenden Wolff ablöste, der Berliner fand nicht in dieses Spiel. Es blieb ein Duell der knappen Führungen, dann lag Deutschland beim 22:20 mit zwei Toren vorn, dann 24:22 und 25:23 – doch es sollte wieder nicht reichen.

          Handball-WM 2019

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