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Niederlage bei Handball-WM : „Das tut brutal weh. Es war viel mehr drin“

Ein zähes Ringen: Der Spanier Viran Morros De Argila stellt sich Kai Häfner (rechts) entgegen. Bild: EPA

Die Deutschen führen bei der Handball-WM gegen Spanien, doch plötzlich geht alles schief. Nach dem 28:32 ist die Chance auf das WM-Viertelfinale nur noch gering. Nicht nur beim Bundestrainer ist die Enttäuschung groß.

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          Im Prinzip ist Alfred Gislason ein Fan der spanischen Selbstgewissheit. Einen Plan haben, ihn stoisch durchziehen, selbst keine Fehler machen, die des Gegners aber messerscharf ausnutzen – das ist für den Bundestrainer das Holz, aus dem Turnierfavoriten geschnitzt sind. Gut gealtertes Holz in diesem Fall, bei 31 Jahren liegt der spanische Schnitt, aber von einer Beschaffenheit, dass sich die Deutschen am Donnerstag die Zähne ausbissen, 28:32 hieß es am Ende gegen den Europameister.

          Handball-WM 2021

          Die Deutschen fühlten sich ein wenig unter Wert geschlagen, weil sie sich als Stehaufmänner mit Moral gezeigt hatten. Nachdem sie in der ersten Hälfte schon mit vier Toren zurückgelegen hatten, erkämpften und -spielten sie sich nach der Pause sogar eine Drei-Tore-Führung. Doch als in Kairo alles auf den nächsten Handballkrimi hinauszulaufen schien, war mit einem Mal der Stecker gezogen, was schiefgehen konnte, ging schief, und so bleibt nur noch das Prinzip Hoffnung bei dieser Weltmeisterschaft.

          Für die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) geht es im Zweitagesrhythmus weiter, am Samstag gegen Brasilien, am Montag gegen Polen. Aber um daraus noch eine Perspektive Richtung Viertelfinale abzuleiten, müsste neben zwei eigenen Siegen auch fremde Hilfe her. Ungarn müsste seine Partien gegen Polen (zurzeit 4:2 Punkte) und Spanien (5:1 Punkte) verlieren. In diesem Fall käme es zum Dreiervergleich der punktgleichen Teams aus Ungarn, Polen und Deutschland, aus dem die Mannschaft mit dem besten Torverhältnis weiterkommt. Da die deutsche Auswahl mit nur einem Tor gegen Ungarn (28:29) verloren hat, müsste sie mit einem Tor mehr gegen Polen gewinnen als Polen die Ungarn schlägt. Eine andere Variante wäre, dass Spanien gegen Uruguay (0:6) und Ungarn (6:0) verliert. Das erscheint aber aufgrund der Schwäche Uruguays extrem unwahrscheinlich.

          An diese Rechnerei dachte nach dem Spiel zunächst niemand. „Wir haben nach 15 überragenden Minuten in der zweiten Halbzeit mit zu viel Risiko gespielt und uns selbst kaputt gemacht“, kritisierte Gislason im ZDF. „Wir hatten genügend Chancen, das Spiel zuzumachen. Das ist bitter. Mit mehr Routine hätten wir gewinnen können.“ Und Uwe Gensheimer sagte: „Das tut brutal weh. Es ist schwierig, diese Niederlage zu verdauen, weil viel mehr drin war.“ Positiver gestimmt war Torwart Johannes Bitter: Wir haben ein geiles Spiel gemacht. Wir haben gegen die ballsicherste Mannschaft gezeigt, wie man sie auseinanderspielt. Dass uns dann zwei, drei Fehler passieren, die uns das Genick brechen, kann vorkommen. Wir müssen nicht mit hängenden Köpfen aus der Halle gehen.“

          Das 28:29 gegen die Ungarn im Vorrundenfinale hatte den Deutschen wehgetan. Vor allem die Abwehr war nicht auf der nötigen Höhe gewesen, und so hätte auch etwas dafür gesprochen, eine Umbesetzung vorzunehmen, mit Fabian Böhm etwa für Sebastian Firnhaber. Doch Gislason ließ den jungen Erlanger nicht fallen, Firnhaber bildete wieder mit Johannes Golla den Innenblock. Im Angriff reagierte der Bundestrainer auf die offensive Deckung der Spanier und setzte den Eins-gegen-eins-Wühler Paul Drux anstelle des Rückraum-Shooters Julius Kühn ein.

          Der Auftakt war aus deutscher Sicht energiegeladen. Wolff hielt den ersten Wurf, nach vorne zeigte sich Spielmacher Philipp Weber zielstrebig, und mit Marcel Schiller als – bis dahin – Mister hundert Prozent vom Siebenmeterpunkt gestalteten die Deutschen das Spiel offen. Doch als der ungestüme Firnhaber sich bei der ersten spanischen Führung zum 5:4 seine schon zweite Zeitstrafe einhandelte, war der Gegner im Vorteil – und Fehler wurden prompt bestraft.

          „Einige Fehlwürfe zu viel“

          Raul Entrerríos nutze große und manchmal auch kleinste Lücken, und so hieß es nach einer Viertelstunde 6:9. Auch dank zweier Paraden Wolffs nahmen die Deutschen kurzzeitig Witterung auf. Aber weil Corrales noch besser hielt, wurde daraus nichts Zählbares. Sechs Minuten vor der Pause lagen die Spanier erstmals mit vier Toren vorn (13:9).

          Es musste sich etwas tun, aber es waren in der Defensive ähnliche Probleme wie schon gegen Ungarn, auch Wolff enttäuschte wieder die Hoffnung, ein entscheidender Faktor zu sein. Axel Kromer, der Sportvorstand des DHB, monierte „einige Fehlwürfe zu viel“ und eine schlechte Rückzugsbewegung, verbunden mit zu vielen Gegenstoßtoren. Aber er sah eine „spielerisch anspruchsvolle Aufgabe ordentlich gelöst“ – und somit noch eine Chance.

          Die zweite Hälfte begann nach Maß, eine Parade von BItter, ein technischer Fehler der Spanier, dazu eigene Treffer durch Häfner und Timo Kastening, schon war die DHB-Auswahl bis auf ein Tor dran, und in der 36. Minute traf Kastening mit seinem fünften Tor zum 18:18, mit dem sechsten zum 20:19. Die Deutschen waren nun griffiger und hatten in Kai Häfner den Spieler, der die richtigen Ideen besaß. Nun schien alles möglich, Gislason setzte auf die Kraft der Jugend, setzte Juri Knorr ein, um die Spanier müde zu machen. Nach 43 Minuten wurde das mit der ersten Drei-Tore-Führung belohnt, 24:21.

          Hinten ließ Bitter eine Parade der nächsten folgen – das deutsche Team wirkte nun wie unter Starkstrom. „Ruhe bewahren“, lautete eine Forderung in der Auszeit, doch das taten die Spanier, 25:26 hieß es aus deutscher Sicht nach 47 Minuten, die schöne Führung war perdu. Wieder ein Nervenspiel also – und das verloren die Deutschen. Gensheimer vergab ein sicheres Tor, Schiller verwarf seinen ersten Siebenmeter des Turniers, das ließen sich die Spanier mit all ihrer Erfahrung nicht mehr nehmen.

          Handball-WM 2021

          Ungarns Handballspieler bei WM auf Viertelfinal-Kurs

          Ungarns Handballspieler er bleiben bei der Weltmeisterschaft auf Viertelfinalkurs. Nach dem Sieg zum Vorrundenabschluss über Deutschland gewann der EM-Neunte des Vorjahres am Donnerstag in Kairo auch sein erstes Hauptrundenduell mit Brasilien mit 29:23 (16:11). Dank des ungefährdeten Erfolges führt Ungarn die Tabelle in der Gruppe I mit 6:0 Punkten vor Spanien (5:1) an. Auf das Weiterkommen hoffen darf auch Polen nach dem lockeren 30:16 (14:9)-Pflichtsieg über Uruguay. Der letzte deutsche Hauptrundengegner hat nun 4:2 Punkte auf dem Konto.

          In der Gruppe II behauptete Titelverteidiger Dänemark durch ein 32:23 (17:12) gegen Qatar mit 6:0 Punkten die Tabellenführung. Der EM-Zweite Kroatien wahrte durch ein 28:18 (13:8) gegen Bahrein seine Chancen. Das Team um Kapitän Domagoj Duvnjak vom deutschen Rekordmeister und Champions-League-Sieger THW Kiel schob sich mit 5:1 Punkten auf Rang zwei vor Argentinien (4:2), das zuvor Japan mit 28:24 (17:13) besiegt hatte. Der vom früheren Bundestrainer Dagur Sigurdsson betreute Olympia-Gastgeber (1:5) ist aus dem Rennen um ein Ticket für die K.o.-Phase. (dpa)

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