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Handball-WM 2019 : Die ziemlich schwierige Mission des Bundestrainers

Mutig: DHB-Vizepräsident Bob Hanning bei der Pressekonferenz am Mittwoch.

Wenn man mit etwas Distanz zurückschaut, rückt aber auch noch etwas anderes in den Blick. „Für mich“, sagt Hanning, „gab es einen maßgeblichen Satz von Finn Lemke, der natürlich enttäuscht und auch beleidigt war, der aber auch gesagt hat: Wenn wir das eine oder andere Mal mehr zugehört hätten, wären wir auch erfolgreicher gewesen.“ Es war eben nicht nur ein Trainer-Scheitern. Was folgte, war eine Annäherung wie beim Paartherapeuten. Es wurde viel geredet, die Probleme wurden benannt. Die öffentliche Aufarbeitung aber lag mehr oder weniger allein bei Prokop. Kein Interview, in dem er nicht über seine Fehler reden sollte, immer wieder. Prokop machte (fast) alles mit und sich damit auch ein bisschen kleiner als nötig.

Vor ein paar Wochen saß er im ZDF-Sportstudio neben Heiner Brand. Der Auftritt mit dem Weltmeister-Trainer von 2007 wirkte einerseits, als solle er symbolisch das Placet von höchster Stelle bekommen. Andererseits sprach auch Brand wieder von: Prokops Fehlern. Der wirkte neben Brand fast wie ein Lehrling. Was auch daran lag, dass Prokop den öffentlichen Auftritt nicht sonderlich mag. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, aber der medialen Wucht steht er mit Misstrauen gegenüber – auch das eine Lehre aus Kroatien, als er sich bei aller berechtigten Kritik zu sehr unter Druck sah. „Es wurde sehr schwarz oder weiß gesehen“, sagte er im Interview mit dieser Zeitung. Eine Folge ist, dass er heute immer wieder Grenzen zieht: „Bitte haben Sie Verständnis, dass . ..“ Von außen ist es spannend, einen Trainer auf dem höchsten Level bei so einem Prozess zu beobachten: sich selbst neu zu erfinden, wie es immer heißt, dabei aber auch er selbst zu bleiben. Das wiederum ist ihm wichtig: „Ich musste nach und nach wieder Vertrauen bei den Spielern aufbauen, aber auch weiter Dinge kritisch ansprechen.“ Für Hanning ist dieser Drahtseilakt geglückt. „Ich finde, dass er wirklich ganz hart an den Themen gearbeitet hat“, sagt er. Die Spieler berichten davon, dass Prokop offener und kommunikativer sei, ihnen mehr erkläre, was er mit ihnen vorhabe. „Ich glaube, dass wir alle deutlich dazugelernt haben“, sagt Lemke am Mittwoch bei der Auftakt-Pressekonferenz.

Auf dem Feld ist Prokops Ansatz pragmatischer geworden. Seine Idee einer modernen Verteidigung hat er hintangestellt und vertraut nun auf Bewährtes aus dem Bundesliga-Alltag: den Kieler Block mit Torwart Wolff, Wiencek, Pekeler und Weinhold. Ein Weg mit Risiken ist es aber dennoch: Dass er einem Zweitligaspieler als Spielmacher vertraut, Martin Strobel, wird von vielen Experten skeptisch gesehen, ebenso der Verzicht auf den Rechtsaußen Tobias Reichmann, mit dem er auch die Mannschaft überraschte. „Das hat sich nicht angedeutet“, sagt Patrick Groetzki. Manchmal wirkt es immer noch nach eher vorsichtiger Annäherung zwischen Team und Trainer. Die Frage bleibt, was passiert, wenn wieder eine Krise kommt. Ob das neue Miteinander mehr ist als ein Zweckbündnis für diese einmalige Chance einer WM im eigenen Land.

Am Dienstag in Hohenschönhausen wirkt Prokop frei von alledem, ein Trainer, der ganz bei sich ist und im Hier und Jetzt. Er will den Schwung mitnehmen, die Begeisterung des Publikums. Nur, wohin das führen kann, da scheint er sich nicht ganz so sicher. Seine Chefs beim DHB haben das Ziel mit dem Erreichen des Halbfinales in Hamburg klar formuliert. Schafft Prokop das nicht, wird seine zweite Chance wohl auch seine letzte gewesen sein. Dennoch klingt es vorsichtiger, fast nach Gewinnwarnung, was er in Berlin ins Hallenmikrofon spricht. „Wir gehören nicht zum Topfavoritenkreis“, sagt Prokop und wirbt auch um Geduld. „Wenn alles nach Plan läuft, ist der Weg bis nach Hamburg möglich.“ Das ist nicht das, was alle hören wollen. Es offenbart einen Trainer auf ziemlich schwieriger Mission.

Handball-WM 2019

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