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Wolff und Heinevetter : Vier Hände für Deutschland

Silvio Heinevetter ist für Deutschland im Tor ein starker Rückhalt Bild: dpa

Erst Silvio Heinevetter gegen Ungarn, nun Andreas Wolff beim Sieg gegen Chile: Die unterschiedlichen, speziellen Handball-Torhüter sind ein Segen für das deutsche Team bei der WM in Frankreich.

          3 Min.

          Der Job birgt gewisse Risiken, allerdings hat er auch Vorteile. „Ich muss viel weniger laufen als die anderen“, sagt Silvio Heinevetter über den Vergleich mit Feldspielern im Handball salopp. Dafür muss er außerordentlich gedankenschnell sein, sehr beweglich, hochkonzentriert und mutig. Schließlich fliegen Handball-Torhütern manchmal Bälle mit 120 Kilometern pro Stunde ins Gesicht. Und ein Torwart im Handball muss anpassungsfähig sein. Weil er im Prinzip nie sicher kann sein, aufgestellt zu werden. Das gehört zum Wesen dieses Sports: ein ständiger Wechsel, auch bei den Schlussmännern. Der Berliner Heinevetter kennt das genauso wie der Kieler Andreas Wolff. Die beiden erleben das im Verein und in der Nationalmannschaft. Keine feste Rangordnung wie im Fußball, sondern von Fall zu Fall ein Hintenanstellen, ohne Murren.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Das ist nun auch bei der Weltmeisterschaft in Frankreich zu erkennen, wo die deutschen Handballspieler am Sonntagnachmittag in Rouen ihr zweites Vorrundenspiel mühelos 35:14 gegen Chile gewannen. Mit Wolff im Tor, der bei der Ouvertüre gegen Ungarn noch 60 Minuten auf der Bank gesessen hatte. Und am Sonntag, als er anstelle von Heinevetter gefordert war, sofort auf der Höhe war. Wolff hatte in diesem Spiel, in dem Bundestrainer Dagur Sigurdsson auch Rune Dahmke auf Linksaußen oder Tobias Reichmann auf Rechtsaußen sowie Jannik Kohlbacher am Kreis eine Chance gab, eine Quote von 53 Prozent gehaltenen Bällen. Ein Spitzenwert. Wolff sprach danach von Stolz auf das Team, weil es trotz schneller und hoher Führung nicht nachgelassen habe. „Das haben die Jungs hervorragend gelöst.“ Er lobte auch die Verteidigung, „die gut gearbeitet hat“ - und damit seine Aufgabe erleichterte. Kohlbacher erzielte acht Tore, er war der beste Schütze der Deutschen, bei denen dieser Auftritt aber auch Spuren hinterlassen hat. Paul Drux erlitt eine Sprunggelenksblessur, und Wolff hatte Knieschmerzen - die Folge einer Abwehraktion.

          Auch auch Andreas Wolff ist Verlass
          Auch auch Andreas Wolff ist Verlass : Bild: AFP

          Vier Hände für Deutschland: Heinevetter und Wolff sind Konkurrenten und müssen doch imstande sein, ein Miteinander zu pflegen, zum Wohl des Teams. Wer spielt, bekommt Zuspruch vom anderen. Ein regelmäßiger Austausch, der Anerkennung und Ansporn beinhaltet. Es sei ein gutes Gefühl, sagt Heinevetter, die volle Unterstützung von demjenigen zu erhalten, der sich mit der Zuschauerrolle begnügen muss. „Zwischen uns ist alles paletti“, sagt er über das Verhältnis zu Wolff.

          Der Kieler war vor einem Jahr, bei der Europameisterschaft in Polen, die große Entdeckung im deutschen Team. Er hatte maßgeblichen Anteil am Triumph Deutschlands mit einem phänomenalen Reaktionsvermögen trotz kräftiger Statur. Wolff wurde damals, mit Carsten Lichtlein als Kompagnon im Tor, flugs zur unumstrittenen Nummer eins bei Sigurdsson. Lichtlein akzeptierte das klaglos. Und Wolff sagte nun dieser Tage: „Lichtlein ist ein herausragender Mensch. Er fehlt dem Team ein bisschen als Charakter.“

          Heinevetter war seinerzeit nicht von Sigurdsson nominiert worden. Der Berliner möchte sich dazu nicht mehr äußern. „Das Thema ist langsam abgehakt.“ Für Wolff war es ein Beleg, dass der Isländer Sigurdsson sich nicht von Namen leiten lässt, sondern sich strikt an der sportlichen Qualität orientiert. „Die Botschaft von Dagur war: ,Ich stelle knallhart nach Leistung auf.‘“ Und manchmal offenbar nach Bauchgefühl. Das hatte beim Duell mit Ungarn für Heinevetter gesprochen, der sich mit einer stabilen Form wieder für das Nationalteam empfohlen hatte. Und prompt bestätigte, in einer formidablen Verfassung zu sein. Er parierte 39 Prozent der Bälle, die auf sein Tor geworfen worden waren. Wolff, der Held von Polen, zollte Beifall und sagte später gelassen über diesen Abend: „Ich war sehr entspannt. Ich musste mich nicht bewegen.“ Und er zeigte Verständnis für die Strategie von Sigurdsson: „Wir sind hier, um Weltmeister zu werden.“ Mit der Unterstützung zweier erstklassiger Torhüter.

          Der Isländer Sigurdsson handelt nach der Devise, dass jeder Spieler wichtig ist und während eines Turniers auch gebraucht wird. „Alle werden uns helfen“, sagte er. Deswegen sollen Heinevetter und Wolff nicht unterschiedlich eingestuft werden. „Es ist nicht so wie im Fußball“, sagt Sigurdsson, „dass man einen ersten Mann im Tor haben muss.“ Ein anderer Isländer, der Kieler Klubcoach Alfred Gislason, sieht das ähnlich. Und so muss sich Wolff auch beim THW Kiel immer wieder Einsätze erkämpfen. Sein Partner im Tor ist dort der Däne Niklas Landin, der ebenfalls über herausragende Fähigkeiten verfügt. Eine besondere Konstellation - als würde der deutsche Fußball-Rekordmeister FC Bayern München gleichzeitig Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen beschäftigen.

          Sigurdsson schätzt an dem 32 Jahre alten Heinevetter vor allem, das gegnerische Vorgehen ahnen zu können. „Er ist mehr der Fuchs. Er geht in die Köpfe der Spieler.“ Wolff wirkt wie ein Kraftprotz, ist aber in der Lage, Arme oder Beine in Sekundenschnelle in die Höhe zu reißen oder seinen massigen Körper in gleichem Tempo in eine Ecke seines Tores zu wuchten. Das gelang ihm auch gegen die Chilenen, die ihren Blick bereits am Sonntag ganz auf die bevorstehende Auseinandersetzung mit Saudi-Arabien gerichtet hatten - es geht dabei für sie um die Qualifikation für das Achtelfinale.

          Schon als Kind, sagt Wolff, hätten ihn die extremen Bewegungen der Handball-Torhüter fasziniert. „Das wollte ich auch können.“ Ein tägliches Dehnprogramm erhält diese Geschmeidigkeit. Allerdings gibt es auch Gemeinsamkeiten, zum Beispiel das Anderssein der Handball-Tormänner, die als verrückte Typen bezeichnet werden, auch weil sie im Spiel unter Umständen im wahrsten Wortsinn ihren Kopf hinhalten müssen - als letzte Instanz in einem Hochgeschwindigkeitssport mit harter Note. „Wir sind beide nicht in ein Schema zu drücken“, sagt Heinevetter, „wir sind beide irgendwie speziell.“ Und beide sind, wie sich auch in den ersten Tagen in Frankreich offenbart hat, ein Segen für den deutschen Handball. Jeder auf seine eigene Art.

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