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Handball-WM : „Das Sieger-Gen steckt in diesem Team“

Das deutsche Team steht bei der Handball-WM im Achtelfinale Bild: Reuters

Die deutschen Handballer spielen an diesem Sonntag das WM-Achtelfinale. Im F.A.Z.-Interview spricht Präsident Michelmann über Qualitäten des Teams, den Fernseh-Blackout zu Beginn des Turniers und die Suche nach einem Nachfolger für Dagur Sigurdsson.

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          Sie haben diesmal frühzeitig eine Prämie für den Titelgewinn festgelegt: 250000 Euro. Pro Spieler?

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Nein, für die ganze Mannschaft. Das entspricht unseren Möglichkeiten. Wir haben ausreichend Bodenhaftung. Wir stehen finanziell solide da, aber wir müssen schon sehen, wie wir mit unserem Geld umgehen. Wir haben keine Budgets wie der Fußball. Wir wollen außerdem auch in die Zukunft investieren. Wir wollen zum Beispiel, dass die Uwe Gensheimers und Steffen Weinholds dieser Welt einmal unsere Nachfolger werden. Darauf müssen wir sie vorbereiten, daran arbeiten wir.

           Ist die frühe Vereinbarung ein Zeichen Ihrer Zuversicht, nun auch bei der Weltmeisterschaft in Frankreich sehr weit zu kommen?

          Wir mussten ja, so gesehen, etwas dazulernen. In Polen hatte niemand damit gerechnet, dass wir Europameister werden. So hatten wir damals zwischen Halbfinale und Finale mit den Spielern über die Prämie verhandelt. Aber das kann natürlich keine Dauerlösung sein. Deswegen haben wir jetzt rechtzeitig gehandelt.

          Sind Sie über Bundestrainer Dagur Sigurdsson verärgert, weil er den Deutschen Handballbund nach der WM verlassen wird?

           Nein, ich bin ihm sehr dankbar für das, was er unserem Verband gegeben hat. Das wird auch bleiben, wenn er nach Japan geht. Er hat vom ersten Turnier an seine Handschrift erkennen lassen. Für mich ist immer wieder faszinierend, wie er in der Lage ist, das Team taktisch einzustellen und sich selbst über Wochen voll zu konzentrieren. Das ist im Prinzip sein Markenkern. Und er steht auch in kritischen Situationen wie ein Fels in der Brandung da. Er hat es in relativ kurzer Zeit geschafft, ein Team zu formen, das jeden Gegner schlagen kann.

          DHB-Präsident Michelmann
          DHB-Präsident Michelmann : Bild: dpa

          Hätten Sie Sigurdsson unter keinen Umständen halten können?

          Mein Eindruck nach einem Gespräch im Oktober in Berlin war, dass seine Entscheidung unumstößlich ist. Wer ihn kennt, weiß, dass er eine solche Sache zu Ende denkt und dann auch dazu steht. Da war mir klar, dass es schwer wird, ihn umzustimmen, auch wenn wir ihm mehr Geld geboten haben. Wir mussten seinen Entschluss akzeptieren. Es ist eine Lebensentscheidung für ihn und seine Familie.

          Der DHB hat bereits das Projekt 2020 ausgerufen: Gold bei Olympia in Tokio. Ist dieses Unterfangen ohne den Erneuerer Sigurdsson in Gefahr?

          Wir haben es 2013 initiiert, nachdem wir bei den Olympischen Spielen in London gar nicht dabei waren, weder mit den Männern noch mit den Frauen. Wahrscheinlich haben damals viele gedacht: Die müssen ein bisschen verrückt sein. Inzwischen ist die Anzahl derer, die glauben, dass wir das schaffen, beträchtlich gewachsen. Das Gleiche gilt für die immer ein wenig im Schatten segelnden Frauen. Wir sind mit beiden Nationalteams im Moment voll auf Kurs.

          Und es wird auch ohne den Isländer Sigurdsson funktionieren?

          Wir sind sehr intensiv dabei, die Nachfolge zu regeln. Es ist wichtiger, die richtige Entscheidung zu treffen, als sie übereilt zu treffen. Es ist schließlich ein ziemlich komplexes Vorhaben.

          Sie haben zwei Kandidaten, Christian Prokop und Markus Baur. Ist es Absicht, dass der DHB jetzt in jedem Fall einen deutschen Bundestrainer verpflichten wird?

          Es war hundertprozentig richtig, dass wir uns damals für Sigurdsson, für den besten Trainer entschieden hatten, den wir bekommen konnten. Dafür hatte es Kritik gegeben, die aber mittlerweile umgeschlagen ist. Jetzt sind wir in einem Stadium, wo wir ein starkes und erfolgreiches Team haben und einen Trainer brauchen, den wir auf unser Ziel Olympiasieg 2020 tatsächlich einschwören können. Da ist es möglicherweise besser, diesen patriotisch-emotionalen Aspekt draufzupacken.

          Andreas Wolff im Tor gehört zu den Leistungsträgern im Team.
          Andreas Wolff im Tor gehört zu den Leistungsträgern im Team. : Bild: dpa

          Sollte es auf Prokop hinauslaufen, müssten Sie allerdings an seinen Leipziger Bundesligaklub eine Ablösesumme zahlen.

          Wir sind noch in Verhandlungen, haben aber in dieser Angelegenheit eine Schmerzgrenze. Man kann den Bogen auch überspannen.

          Hätten es Prokop oder Baur sehr schwer, weil sie in die Fußstapfen Sigurdssons treten müssten - oder eher sogar leicht, weil der Isländer eine funktionierende Einheit hinterlässt?

          Es ist beides. Beide sind sehr gute Kandidaten, sonst würden wir uns nicht mit ihnen beschäftigen. Wir trauen beiden zu, Olympia-Gold im Jahr 2020 zu holen. Beide können auf ein gewachsenes Selbstvertrauen bei den Spielern aufbauen. Das Sieger-Gen, das Sigurdsson übertragen hat, steckt jetzt in diesem Team. Er nimmt es ja nicht mit nach Japan.

          Für hitzige Debatten sorgt weiterhin, dass die Spiele des deutschen Teams in Frankreich in Deutschland nicht im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen sind. Droht ein solches Szenario auch bei der Frauen-WM in diesem Jahr in Deutschland?

           Insgesamt gibt es zwei Richtungen. Das eine ist die Vergabe der Fernsehrechte, die von der IHF, vom Handball-Weltverband, vorgenommen wird. Mein Eindruck ist, dass die IHF das Verfahren in der Absicht durchgeführt hat, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, finanziell für sich selbst, um das Geld dann wiederum in bestimmte Maßnahmen im Handball zu stecken. Dabei ist nun so eine Art Kollateralschaden entstanden, aber wir sind als Einzige davon betroffen. Ich denke, dass die IHF das am Anfang nicht so gesehen hatte. Jetzt ist die Frage, ob man das Vergabeverfahren so modifizieren kann, dass der deutsche Fernsehmarkt mit seinen Besonderheiten ebenfalls berücksichtigt werden kann. Der DHB ist an diesen Gesprächen nicht unmittelbar beteiligt. Die andere Richtung ist die, dass wir Deutschen offenbar von allen mir bekannten Ländern die Einzigen sind, die ihre Fernsehsignale über Satellit unverschlüsselt senden und damit für Angebote von dem Rechteinhaber beIN Sports nicht in Frage kommen. Da müssen wir uns in Deutschland schon fragen, ob unser System das richtige ist oder ob wir es doch mal so einstellen müssen, dass es mit der ganzen Welt kompatibel ist.

          Christian Prokop könnte Dagur Sigurdsson beerben.
          Christian Prokop könnte Dagur Sigurdsson beerben. : Bild: dpa

          Hoffen Sie, dass dieses Problem bis zur Frauen-WM gelöst werden kann?

           Immer. Wobei Hoffnung immer ein dünnes Brett ist. Mit beIN Sports sowie ARD und ZDF prallen zwei Kulturen aufeinander, die noch nicht die gleiche emotionale Ebene gefunden haben.

           Bei einer Fußball-WM würde so etwas wahrscheinlich nie passieren. Fühlen Sie sich im Vergleich zum Fußball ein bisschen stiefmütterlich behandelt?

           Ja. Im Fußball wäre es zum Beispiel undenkbar, dass sich die Politik so zurückhält wie jetzt in unserem Fall. Wir sind da wie so eine Schwellensportart. Auf der einen Seite haben wir nicht das Standing wie der Fußball, andererseits sind 19 Millionen Fernsehzuschauer beim Handball nicht einfach wegzudiskutieren. Das führt immerhin dazu, dass im Moment sehr offen über das Thema Handball im Fernsehen gesprochen wird. Das ist auch schon ein Fortschritt.

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