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Handball-Kommentar : Sehnsucht nach ehrlichen Typen

Wohltuend normal: Spieler wie Patrick Wiencek prägen das positive Bild vom deutschen Handball. Bild: Reuters

Grenzenlos erscheint die Begeisterung über die neuen Handball-Helden, die zu Vorbildern für ein ganzes Land erhoben werden. Das Ideal des unverdorbenen Sportlers scheint sich abzuleiten aus einer wachsenden Enttäuschung anderswo – beim Fußball.

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          Die große deutsche Handball-Party war eine selbsterfüllende Prophezeiung. Dieser Sport hat etwas, was ihn hierzulande immer wieder zur Herzenssache macht. Man braucht im Januar nur ein Licht anzuknipsen, schon sind die Klatschpappen bei der Hand und die Hallen rappelvoll. Tempo und Tore, krachende Duelle auf dem Parkett, Typen, die weder auf ihre Frisuren noch auf ihre Gesundheit zu achten scheinen – das kommt an. Und für manchen ist der Handball vielleicht auch ein Stück Heimat und Heimeligkeit in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Aus Sicht des Deutschen Handballbundes (DHB) jedenfalls könnte wahrscheinlich jedes Jahr so ein Großturnier im eigenen Land stattfinden, bei dem die Arenen von Berlin, Köln, Hamburg oder anderswo wie Schnellkochtöpfe funktionieren, die schon mal ein Pfeifen in den Ohren zurücklassen. Auch das gehörte zu dieser WM: Dass sie vom ersten Tag an auf volle Pegelstärke ausgelegt war – falls man die Musik nur laut genug aufdreht, wird die Party schon richtig losgehen. Das muss man mögen.

          Handball-WM 2019

          Dass aber dieses Turnier zu einer solchen Erfolgsgeschichte wurde, nicht nur mit vollen Hallen sondern auch mit ständig steigenden Einschaltquoten, hatte vor allem mit dem Auftreten der deutschen Mannschaft zu tun. Sie vermittelte ebenfalls vom ersten Tag an, dass sie diese Heim-WM als „Once in a lifetime“-Chance begriff, wie ihr Kapitän Uwe Gensheimer das sagte. Und warf sich mit Lust und Leidenschaft in jede Herausforderung. Dass es am Ende nicht für einen Platz im Finale und auch nicht zum dritten Rang reichte, war eine Enttäuschung. Die aber, wenn man sie richtig einordnet, einer Zufriedenheit über das Erreichte weichen sollte. Das deutsche Team mag nach zwei desaströsen Turnieren mit dem jeweils neunten Platz zurück in der Weltspitze sein, wie Bob Hanning resümierte, der Vizepräsident des DHB. Aber für den Sprung nach ganz oben fehlte doch noch einiges. In dieser Hinsicht erinnerte diese WM mehr an das Fußball-Sommermärchen 2006 als an das Handball-Wintermärchen 2007: irgendwann war die Grenze dessen, was mit Herz und Leidenschaft möglich ist, erreicht.

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