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Sponsor zeigt WM im Netz : Viele Details von Handball-Übertragung noch ungeklärt

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Durchgezogen: Paul Drux im Freundschaftsspiel gegen Rumänien Bild: dpa

Über die Website eines Sponsors werden die WM-Spiele des deutschen Handballteams live übertragen. Wie genau das ablaufen soll, ist aber noch ungewiss. Unterdessen gibt es deutliche Kritik an dem Deal von Medien und Verbänden.

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          Fünf Tage vor Beginn der Handball-WM in Frankreich sind viele Details der Live-Übertragung über die Internetseite der Deutsche Kreditbank AG (DKB) noch nicht geklärt. Wer kommentiert? Reicht die Bandbreite deutschlandweit für den Empfang? Können die Fans ihren Stream auf einen klassischen Fernseher abspielen? Die DKB hatte am Freitag noch keine Antworten und will „in den nächsten Tagen weitere Details bekanntgeben“.

          Erst am Donnerstag hatte sich die Bank die Rechte für das am kommenden Mittwoch in Frankreich beginnende Turnier gesichert. Die Bank erwarb die exklusiven Live-Übertragungsrechte für mehr als 50 Spiele über deutsche Agenturen vom Rechteinhaber beIN Media Group. Der Livestream wird nach DKB-Angaben kostenlos sein und mit YouTube als technischem Partner umgesetzt. Im klassischen Fernsehen gibt es von dem am Mittwoch in Paris beginnenden Turnier keine WM-Bilder. Das deutsche Team spielt erstmals am kommenden Freitag gegen Ungarn (ab 17.45 Uhr auch live im Handball-WM-Ticker auf FAZ.NET)

          „Dieser Rechteinhaber ist wirklich ein Ärgernis“

          Unterdessen hat der Deutsche Handballbund (DHB) den qatarischen Rechteinhaber attackiert. „Dieser Rechteinhaber ist wirklich ein Ärgernis“, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Nationalspieler Tobias Reichmann monierte obendrein, dass sich der Weltverband IHF trotz der Probleme offenbar nicht eingeschaltet habe. „Vor zwei Jahren bekommen wir noch eine Wildcard für die WM, weil Deutschland angeblich so wichtig für den Handball ist. Jetzt kommt kein Wort vom IHF“, sagte der Rechtsaußen der Deutschen Presse-Agentur. Obwohl sich Deutschland sportlich nicht qualifiziert hatte, hatte der Weltverband das DHB-Team für die WM 2015 in Qatar per Wildcard eingeladen. Auf die schwierigen Verhandlungen mit beIN Sports hatte die IHF nun offenbar keinen Einfluss.

          Für künftige Verhandlungen bei Handball-Großereignissen fordert Michelmann: „Die Rechtevergabe darf nicht nur an das finanzielle Ergebnis gekoppelt werden, sondern auch daran, wie viele Menschen erreicht werden.“ Vor dem ungewöhnlichen Deal waren verschiedene Verhandlungen von TV-Sendern und Internetanbietern mit der beIN Media Group gescheitert. Von der Einigung zwischen DKB und beIN Sports wusste der DHB laut Michelmann schon seit Weihnachten. Aber die DKB habe vor einer offiziellen Mitteilung wohl erst einen unterschriebenen Vertrag in den Händen halten wollen, sagte der Präsident.

          Darüber hinaus kritisiert der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) die WM-Übertragung eines Sponsors. „Wehret den Anfängen. Wenn nicht Journalisten das Geschehen filtern, sondern PR-Leute, dann hat das nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun“, sagte VDS-Präsident Erich Laaser am Freitag der Deutschen Presse-Agentur: „Das ist ein Präzedenzfall.“ Gerade in der heutigen Zeit brauche man Journalisten zum Einordnen, sagte Laaser. Man müsse die WM-Berichterstattung durch die Bank „genau beobachten, ob sie tendenziös ist“. Der VDS-Präsident sieht die „schreibenden Journalisten“ in Frankreich als „Korrektiv“.

          Und auch die deutschen Fernsehsender sehen das exklusive Sponsoren-TV kritisch. Dass es überhaupt bewegte Bilder gebe sei für die Fans erfreulich, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky. Doch die Berichterstattung durch ein werbetreibendes Unternehmen werfe viele Fragen auf. Als „sehr missliche Situation“ bezeichnete das ZDF die Lösung.  „Interessant ist, dass hier ein Sponsor mit klaren Sponsoringinteressen offenbar als Rundfunkveranstalter mit einer Sendelizenz auftreten möchte.“ Balkausky hält Sponsoren-TV für „keine Alternative zum frei empfangbaren Fernsehen mit dessen journalistisch-qualitativer Herangehensweise, mit dessen Reichweite und dessen Zuschauerakzeptanz“.

          Die Gesellschaft in Deutschland müsse „entscheiden, welche Sportereignisse auch in Zukunft in frei empfangbaren, linearen Angeboten zu sehen und geschützt sein sollen. Denn die Erfahrung beim Thema Handball-WM zeigt ja eines sehr deutlich: Hier wurden konsequent alle deutschen Free-TV-Sender von der Teilnahme an Rechteverhandlungen ausgeschlossen, zum Schutz von Pay-Angeboten in anderen europäischen oder nordafrikanischen Ländern.“

          Den Deal mit dem Sponsor hat der Vermarkter Lagardère Sports eingefädelt. Das Unternehmen mit Sitz in Hamburg habe erfolgreich zwischen beIN media und der DKB vermittelt, sagte Stefan Felsing von Lagardère Sports am Freitag. „Das ist wirklich ein Novum, dass ein Sponsor die Spiele auf seiner Internetseite zeigen wird. Wir haben mit beIN media versucht, eine Lösung für Deutschland zu finden.“ Lagardère glaubt nicht, dass dadurch die journalistische Neutralität verloren geht. „Da fehlt mir die Fantasie. Wer auch immer die Spiele kommentieren wird, wird ja nicht sagen, dass der Siebenmeter deshalb verwandelt wurde, weil der Spieler einen Kreditvertrag bei der DKB hatte“, sagte Felsing.

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