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Deutsches WM-Aus : „Wir haben eine einmalige Chance verpasst“

  • -Aktualisiert am

Leere in den Gesichtern der deutschen Spieler: Uwe Gensheimer (links) und seine Kollegen verpassen das WM-Finale. Bild: dpa

Der WM-Traum endet im Halbfinale böse. Was vorher funktionierte, geht gegen Norwegen schief im deutschen Spiel. Emotional besonders schwer angeschlagen wirkt der Kapitän.

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          Die Ehrenrunde seiner Mannschaft nach dieser schmerzhaften Niederlage hatte Christian Prokop offenbar gleichermaßen gerührt und erfreut. Symbolisch steckte viel in diesem stilvollen wie traurigen Abschied von Hamburg, der allerdings kein Abschied von dieser Handball-WM ist, denn Deutschland spielt an diesem Sonntag (14.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und im ZDF) noch gegen Frankreich um die Bronzemedaille im dänischen Herning. 

          Handball-WM 2019

          Langsam, fast schleichend machten sich die Deutschen nach der am Ende bösen 25:31-Niederlage gegen Norwegen auf den Weg durch die proppevolle, zuvor tosend laute Arena im Hamburger Volkspark. Lieber hätten sie sich wohl in der Kabine unter ihren Handtüchern verkrochen. Doch der ersten Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) war es wichtig, sich „angemessen vom deutschen Publikum zu verabschieden, das uns so toll durch die WM getragen hat“, wie Kreisläufer Jannik Kohlbacher später sagte.

          Als Kerle mit Charakter und Stil hatte Prokop seine Spieler während der vergangenen gut zwei Wochen ohnehin wahrgenommen. Am sehr guten Zeugnis, das er seinen Profis ausstellte, sollte die verdiente Niederlage gegen den WM-Zweiten von 2017 nichts ändern – Prokop verließ gar das Handball-Spielfeld mit seinen Würfen und Zweikämpfen, Paraden und Fouls, um sein Team zu preisen: „Wir sind ja vor ein paar Wochen hier angetreten und wollten unsere Sportart populärer machen. Wir wollten viele tolle Gesichter einblenden, wir wollen nachhaltig gut sein, damit der Handball auch in den Schulen wieder mehr frequentiert wird. Da hat die Mannschaft einen Riesenjob gemacht. Unserer Reise ist noch nicht zu Ende. Wir wollen uns am Sonntag für ein tolles Turnier belohnen.“

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Doch wie schwer das werden dürfte, dafür stand zumindest noch am Freitagabend Kohlbacher. Es war eine schöne Szene in der Interviewzone, die zum im besten Sinne familiären Handball passte, als er seinen ehemaligen Wetzlarer Kollegen im norwegischen Trikot herzte, Kristian Björnsen, der mit seinem kleinen Sohn in die Katakomben der Arena gekommen war und nun Kohlbacher zeigte, wie groß der Kleine geworden war. Dass Spieler beider Mannschaften nach solch einer teils knüppelharten Partie die Mixed-Zone, in der Journalisten auf die Spieler treffen, auf diese Art gemeinsam nutzen, ist doch eher selten.

          Kohlbacher hatte Björnsen schon artig gratuliert, als er zu den Aussichten für Sonntag protokollierte: „Es ist voll schwer, sich zu motivieren. Irgendwie ist jetzt mit einem Knall alles vorbei. In allen Hallen war es tolle Werbung für den Handball, und heute vor dem Spiel sind wir noch am Hotel und davor am Flughafen gefeiert worden.“ Es ist an Prokop, die Sinne zu schärfen und aus dem kleinen Finale den lohnenden Ausgang eines alles in allem prachtvollen Turniers zu machen – und wer möchte diese Veranstaltung schon mit zwei Niederlagen beenden? Die Gefühlslage der Franzosen dürfte nach dem deutlichen 30:38 gegen Dänemark im ersten Halbfinale jedenfalls nicht sehr viel besser gewesen sein.

          Es gab eine Reihe von Spielen, in denen das, was der zuvor umstrittene Bundestrainer anfasste, zu Gold wurde. Das hielt bis zum wertlosen, aber schönen Sieg über Spanien im letzten Hauptrundenspiel an, als der für den verletzten Martin Strobel nachnominierte Tim Suton als Spielmacher und Torschütze überzeugte. Am Freitagabend passte wenig von Prokops Variationen. Weder die 6-0- noch die 5-1-Abwehr stach gegen die von Sander Sagosen intelligent gesteuerten norwegischen Angriffe. Einmal zu viel wechselte Prokop seine Torleute hin und her; weder Silvio Heinevetter noch Andreas Wolff waren diesmal ein Faktor. „Die Abwehr hat sie zu oft in Stich gelassen“, sagte Prokop, der überhaupt vor allem das deutsche Prunkstück kritisierte, die Defensive. 

          Zu wurfstark: Der Norweger Magnus Jondal überwindet Andreas Wolff. Bilderstrecke

          Folgenschwer war aber vor allem die fehlende Linie in der Offensive. Dort ließ Prokop den guten Paul Drux zu kurz und den schwachen Tim Suton zu lange spielen. Es ging zudem nach hinten los, den wieder einmal nervenschwachen Steffen Fäth im zweiten Durchgang nochmal zu bringen. Außer vier Ballverlusten trug Fäth nichts zum Spiel bei. Und warum ließ Prokop den Halbrechten Fabian Wiede bis zur Erschöpfung spielen, wenn doch der Positionskollege Steffen Weinhold nach seiner Adduktorenverletzung fit gewesen sei? Gegen die kleine, harte, bewegliche norwegische Abwehr hätte eine Rückraum-Reihe mit Weinhold und Wiede eine Option sein müssen. Prokop begründete seine Entscheidungen mit den schlummernden Qualitäten in der Breite seines Kaders. Einzelkritik verkniff er sich. 

          Bei der Beurteilung der Deutschen kommt man eben doch wieder zur individuellen Klasse. Das Niveau der dänischen Rückraumachse Mikkel Hansen/Rasmus Lauge verfehlt der DHB-Rückraum noch weiter als das der Norweger Sagosen/O’Sullivan: Am Freitagabend war die deutsche Spielsteuerung einfach nur grausam, fahrig, ideenlos. Wenn ein internationaler Novize wie Fabian Böhm aus Burgdorf bester deutscher Spieler ist, sagt das einiges (Spielplan der Handball-EM 2020).

          Jeder hatte seinen Anteil an dieser Niederlage, auch die Schiedsrichter aus Tschechien. Mit ihrer kleinlichen Linie, die in sieben Zeitstrafen mündete, kam Prokops Team überhaupt nicht zurecht. Sie hätten gepfiffen wie im Basketball, hieß ein vielgehörter Kommentar, doch umgesetzt hatten sie weitgehend die Linie, die der Weltverband IHF vorgegeben hat: Präsident Hassan Moustafa mag kein „Wrestling“. Sieben, teils unberechtigte Zeitstrafen gegen Deutschland, drei gegen Norwegen – das brachte nicht nur das Publikum auf die Palme.

          Doch noch mehr emotionale Hitze brauchten die Deutschen gar nicht. Sie wirkten ohnehin schon übermotiviert. Auch Hendrik Pekeler, der Mitte der zweiten Halbzeit nach der dritten Zwei-Minuten-Strafe die Rote Karte sah und hinter der Bank wütete. Es war den Deutschen misslungen, sich auf die Spielleitung der Tschechen einzustellen. Wenig überraschend hatten die Norweger nichts an den Unparteiischen auszusetzen. „Die Deutschen verteidigen hart, und wenn sie es zu hart taten, haben die Schiedsrichter reagiert, das war richtig“, sagte Magnus Jöndal von der SG Flensburg-Handewitt.

          Emotional besonders schwer angeschlagen wirkte Kapitän Uwe Gensheimer. In nie gesehener Art aggressiv hatte sich der Linksaußen seinen Traum von der Weltmeisterschaft erfüllen wollen. Er riss beim Zurücklaufen Norwegens Trainer Christian Berge am Trikot, er räumte den Pariser Teamkollegen Sagosen rot-würdig ab: War das wirklich Gensheimer? Neben Böhm war er bester Deutscher – und nach dem Spiel traurigster. Er hatte sich aber auch schon wieder gefangen: „Die Norwegen waren besser, sie haben mit Röd und Sagosen richtig stark gespielt und waren clever. Für uns war es eine einmalige Chance, die wir verpasst haben.“ Wenig später fuhr der Bus mit der deutschen Delegation durch die Nacht nordwärts nach Herning. Die Stimmung drinnen nach diesem deprimierenden Aus konnte man sich vorstellen.

          Handball-WM 2019

          Noch ein Rekord: 11,91 Millionen sehen Handball-WM-Halbfinalspiel

          Der verpasste Finaleinzug der deutschen Handballer hat für einen weitere Rekord-Quote gesorgt. Bei der Live-Übertragung des WM-Halbfinales gegen Norwegen saßen 11,91 Menschen vor dem Fernseher und sorgten nach Angaben der ARD für einen Marktanteil von 35 Prozent. Das war im neunten Spiel der höchste Zuschauerzuspruch der laufenden Titelkämpfe und die erfolgreichste TV-Sendung des Freitags. Die bisher am meisten gesehene WM-Übertragung war der Sieg der DHB-Auswahl gegen Kroatien mit 10,02 Millionen. (dpa)

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