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Startsieg bei Handball-WM : Auf Gensheimer ist für Deutschland Verlass

Kapitän Uwe Gensheimer war der überragende deutsche Spieler. Bild: dpa

Nach einem Geduldsspiel starten die deutschen Handballer erfolgreich in die WM. Beim Sieg über Ungarn bei der Ouvertüre ragen vor allem zwei Spieler beim DHB-Team heraus.

          Es war ein Geduldsspiel mitunter, ein zähes Ringen, aber letztlich war der Freitag für die deutschen Handballspieler doch ein Mutmacher. Und es war eine bewegende Stunde für sie und Bundestrainer Dagur Sigurdsson, nicht allein wegen des 27:23-Sieges über Ungarn zum Auftakt der Weltmeisterschaft in Frankreich, sondern auch wegen der außergewöhnlichen Darbietung ihres Kapitäns Uwe Gensheimer, der kürzlich einen schweren Schicksalsschlag hatte hinnehmen müssen, den Tod seines Vaters.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          „Er hätte es so gewollt“, sagte Gensheimer über seinen Einsatz am Freitag in Rouen, an dessen Ende dreizehn Tore von ihm standen. Und größter Respekt der Kollegen. „Da sieht man mal, was das für ein Leader ist“, sagte Kai Häfner. Auch der Gummersbacher Julius Kühn war ergriffen und behauptete: „Da bekommt man selbst Gänsehaut.“

          Die Deutschen, die auch in Torwart Silvio Heinevetter eine große Stütze hatten, waren nicht immer auf der Höhe am Freitag. Aber sie können nun zuversichtlich den nächsten Aufgaben in Frankreich entgegenblicken, wo sie ein treues deutsches Publikum hinter sich wissen. Für jene, die nicht Augenzeugen in Rouen waren, sondern sich in der Heimat ein Bild vom deutschen Handball machen wollten, wurde der Freitag teilweise allerdings zu einem Ärgernis. Die Live-Übertragung des Duells mit Ungarn im Internet war zu Beginn massiv gestört. Sowohl der Stream auf dem Portal der Deutschen Kreditbank (DKB) als auch jener bei YouTube fielen nach rund fünf Spielminuten beim Stand von 1:1 aus.

          Vor schwarzem Hintergrund war nur der Schriftzug „Dieses Video ist nicht verfügbar““ zu sehen. Der Blackout dauerte mehr als 15 Minuten. Wegen des „enormen Zuschauerandrangs“ gebe es „technische Schwierigkeiten“, sagte Kommentator Markus Götz. Ein DKB-Sprecher sagte später: „Nach unseren bisherigen Informationen waren die Gründe des temporären Ausfalls keine Serverprobleme oder der hohe Ansturm von mehr als 500.000 Fans, sondern eine Unterbrechung des Livestreams durch den Rechtevergeber. Wir gehen derzeit davon aus, dass alle weiteren Spiele störungsfrei übertragen werden.“ Im Free-TV wird die WM in Deutschland nicht live gezeigt.

          Nächste Bewährungsprobe am Sonntagnachmittag (14.45 Uhr / Live im Handball-WM-Ticker bei FAZ.NET): Die Deutschen treffen dann in der Arena von Rouen auf Chile, das am Freitag mit einem 32:28 gegen Weißrussland für Aufsehen sorgte. Ein Gegner, bei dem auch Deutsch gesprochen wird. Die Brüder Emil, Erwin und Harald Feuchtmann haben deutsche Wurzeln und einer von ihnen, Harald, kommt von weit unten im Handball: DJK Waldbüttelbrunn, Bayernliga. Und nun mit einem Mal die große Welt des Handballs und dazu ein Traumstart, der die Hoffnungen der Chilenen auf die Achtelfinalteilnahme befeuerte.

          Eine ganz andere Facette des Freitags: Ein Mann, der Schmerz, die Trauer – und der Versuch des Verdrängens. Am Donnerstag erst war Gensheimer zum deutschen Tross in Rouen gestoßen, am Freitagabend aber stand er wie angekündigt wieder auf dem Feld. „Ich hoffe“, sagte Sigurdsson, „dass er sich einigermaßen auf das Turnier konzentrieren kann. Wir werden ihn sofort brauchen.“ Gensheimer hatte zuletzt einige Tage bei seiner Familie in Mannheim verbracht. „Wir schauen, dass wir ihn gut empfangen“, sagte Sigurdsson über den Linksaußen, der sein Geld als Handballprofi inzwischen in Paris verdient.

          Hand drauf. Torwart Silvio Heinevetter (links) und Patrick Groetzki. Bilderstrecke

          Gensheimer präsentierte sich bei der WM-Ouvertüre der Deutschen trotz der leidvollen persönlichen Situation umgehend so, wie man ihn kennt: aufmerksam, wendig, trickreich und torgefährlich. Gensheimer übernahm wie gewohnt auch Verantwortung als Siebenmeterschütze, er warf nervenstark Tor um Tor, er gab seinem Team damit Halt und Sicherheit. Deutschland konnte sich an dem Mann aus Nordbaden aufrichten – und an Heinevetter, der den Ungarn mehrmals reaktionsschnell in die Parade fuhr und sich als stabile Größe in der Verteidigung erwies. Der Berliner Torhüter stand von der ersten Sekunde an auf dem Feld. Andreas Wolff, der bei der Europameisterschaft in Polen der große Aufsteiger im deutschen Team war, saß auf der Bank. Kein wirklicher Hinweis allerdings auf eine Rangordnung unter den deutschen Torhütern; Sigurdsson handelt auch in dieser Angelegenheit flexibel.

          Gensheimer und Heinevetter trieben das deutsche Team in jedem Fall an, das allerdings doch gewisse Schwankungen offenbarte. Die Angriffsaktionen waren gelegentlich nicht sehr präzise, so dass die Ungarn immer wieder die Möglichkeit zu Gegenstößen erhielten. So schmolz die 16:11-Führung nach den ersten 30 Minuten rapide, die Deutschen erlebten Minuten des Bangens, aber ihr Zusammenhalt war stark genug, um sich aus der Bredouille zu befreien. Und es kam so, dass Gensheimer den allerletzten Treffer erzielte, mit einem Wurf ins leere Tor. Gensheimer zog sich danach schweigend zurück. Er will vorerst nichts sagen über sich und seine Befindlichkeiten. Aber er geht weiter voran als Spieler. Das hatte er am Freitag eindrucksvoll demonstriert.

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