https://www.faz.net/-gtl-9imri

Handballtrainer Sigurdsson : Der isländische Solitär

  • -Aktualisiert am

Dagur Sigurdsson: Er will Erfolg, aber auch seine Ruhe. Bild: EPA

Der Isländer Sigurdsson gilt als Macher mit festem Willen, der zumeist gewinnt. Nun soll der ehemalige Handball-Bundestrainer die kleinen Japaner ein bisschen größer machen.

          In der NDR-Dokumentation zum EM-Sieg der deutschen Handballmänner vor drei Jahren steht Dagur Sigurdsson auf dem kleinen Balkon einer Sporthalle in Reykjavik und schaut herunter aufs Feld. Er hat seine Eltern bei sich, die ihn charakterisieren sollen. Dagur, sagt seine Mutter, habe einen starken Willen und eigentlich immer bekommen, was er wollte. Alle drei lachen etwas beklommen. Wenn jemand aus der Handballszene diesen 45 Jahre alten Handball-Lehrer beschreiben sollte, fiele ihm oder ihr gewiss diese Eigenschaft ein: Wer sich mit Sigurdsson anlegt, zieht meist den Kürzeren.

          Doch bei dieser WM wird es anders sein. Wer sich mit Sigurdssons neuer Mannschaft anlegt, muss nichts befürchten. Gegen Mazedonien gab es zum Auftakt am Freitag eine 29:38-Niederlage. Gegen Kroatien setzte es am Sonntag ein 27:35. An diesem Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM) geht es gegen Spanien. Seit knapp zwei Jahren trainiert Sigurdsson Japan. Ein Team, das dank einer Freikarte des Welthandballverbandes (IHF) in Deutschland und Dänemark dabei sein darf – bei der Asienmeisterschaft 2018 in Südkorea wurde es nur Sechster.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Sigurdsson nimmt es leicht. Zum Lernen sei seine Mannschaft bei dieser WM. Drei Spieler aus dem Kader laufen für europäische Vereine auf, der große Rest der kleinen Ballwerfer spielt für Universitäten oder Werksklubs. „Uns fehlen 20 bis 30 Zentimeter gegenüber den Europäern“, sagt Sigurdsson. In der Münchner Gruppe B, zu der auch noch Bahrein und Island gehören, wird aller Voraussicht nach nicht viel zu holen sein. Aber noch ist ja etwas Zeit, bis Sigurdssons Arbeit bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio kritischer beäugt werden wird.

          Schon jetzt kommt es sehr gut an, dass Sigurdsson viel Japanisch spricht, die Auszeiten beispielsweise in der Landessprache abhält. Anfang des Jahrtausends spielte er drei Jahre für Wakunaga Hiroshima. Damals zog die J-League viele europäische Stars an. Die meisten kamen wegen des Geldes. Sigurdsson tauchte auch in die japanische Kultur ein, von der er noch heute schwärmt.

          Handball-WM 2019

          Dass er bei dieser WM verfolgen kann, ob und wie die Saat seiner Arbeit im deutschen Handball aufgeht, ist eine reizvolle Begleiterscheinung. Die Breite des deutschen Kaders hat er gerade wieder gewürdigt. Es war zum Start seiner Tätigkeit als Bundestrainer 2014 eine große Überraschung, dass er ältere Bundesligaspieler zu Nationalspielern machte, getreu seiner Devise: „Jeder Deutsche, der in der Bundesliga einen Stammplatz hat, kann in der Nationalmannschaft spielen.“ Solche Tabubrüche brachten den DHB auf Trab.

          Allerdings ist der selbstbewusste Sigurdsson kein ganz leichter Partner. Das erfuhr der Verband nach der WM 2017 leidvoll. Sigurdsson war als Europameister mit einer topfitten und erfahrenen Mannschaft nach Frankreich gereist, sauste durch die Vorrunde, ehe mit dem 20:21 gegen Qatar im Achtelfinale Schluss war. Seltsam abwesend, nicht mit voller Energie dabei wirkte Sigurdsson. Eine vertane Chance. Der DHB wollte mit ihm weitermachen, schließlich gab es eine Vertragsoption auf weitere drei Jahre der Kooperation. Doch Sigurdsson hatte sein traumhaft dotiertes Angebot aus Japan bekommen. Mit nahezu grenzenloser Freiheit sollte er die Japaner in Schuss bringen. Alles Betteln half nichts. Nach kaum zweieinhalb Jahren verließ der isländische Solitär den DHB. Es ging damals auch um ein Entgegenkommen des Verbandes, um mehr Heimflüge für Sigurdsson, mehr Einfluss, weniger Mitsprache des DHB. Als Sigurdsson merkte, dass sich beim Verband niemand darauf einlassen wollte, ihn zum „General Manager“ zu machen, zog er die Konsequenzen.

          Kompromisse sind nichts für Sigurdsson. In Berlin als Vereinstrainer der Füchse war es vielen ein Rätsel, wie es zwischen den Alpha-Männchen Sigurdsson und Bob Hanning klappte. Tat es aber, denn Hanning, Füchse-Geschäftsführer und DHB-Vizepräsident, ließ den Mann wirken, den er als Vereins- und Bundestrainer entdeckt hatte. In der Liga war Sigurdsson wegen seines aggressiven Coachings auf der Bank (auch in Richtung gegnerischer Trainer) nie beliebt, besonders wenig bei der erfahrenen deutschen Trainer-Fraktion, denen es ein Dorn im Auge war, dass die isländischen Trainer so „gehyped“ wurden. Sigurdsson schien das nichts auszumachen. Er ging voran, auf seine Art, egal, wie sein Image war. Der Erfolg gibt ihm recht. Diese Macker-Attitüde, hinter der sich seine Mannschaft formieren kann, und der Claim der „Bad Boys“ waren Puzzleteile des späteren Turniersieges.

          Den Medien geöffnet hat sich Sigurdsson selten, überhaupt ist er jemand, der isländische Ruhe braucht, Auszeiten. Jetzt bekommt er sie: „In Island kennen mich alle, aber keiner will etwas von mir. In Japan ist Handball eine Randsportart, ich arbeite weitgehend unbeobachtet. In Deutschland kennen mich alle, und alle wollen mit mir sprechen“, verriet er jüngst dem Magazin „Handball Inside“. Keine Frage, welche für ihn die attraktivere Variante ist.

          Weitere Themen

          Kiel verzweifel an Wolff

          Handball-Champions-League : Kiel verzweifel an Wolff

          Der deutsche Meister aus Flensburg gewinnt sein Auftaktspiel in der Champions League auswärts hauchdünn, dagegen verspielt Kiel zu Hause seinen Vorsprung gegen Kielce in den letzten Sekunden.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.