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Abschied nach WM 2017 : Wie Sigurdsson den deutschen Handball wachküsste

Ein letztes Hurra: Dagur Sigurdsson verlässt die deutschen Handballer nach der WM. Bild: dpa

Bundestrainer Dagur Sigurdsson hat den deutschen Handball wieder erfolgreich gemacht. Nach der WM macht der Isländer Schluss. Er hat tiefe Spuren hinterlassen – durch seine ganz eigene Art.

          Eine sportive, eine lässige Erscheinung. Jeans, rotes Poloshirt, blaue Turnschuhe. Aber auch jemand mit wachem Blick, voll konzentriert auf seine Aufgabe. Das ist eine ernste Angelegenheit, und so ist bei Dagur Sigurdsson kaum einmal ein Lächeln zu sehen. Ein Tag in Kamen, in einer Sportschule, wo Sigurdsson sein Team zusammengezogen hat. Feinschliff für die Handball-Weltmeisterschaft in Frankreich, bei der die Deutschen an diesem Freitag in Rouen mit dem Spiel gegen Ungarn starten (17.45 Uhr / Live im Handball-WM-Ticker bei FAZ.NET). Aufbruch und Ende, ganz dicht beieinander. Sigurdsson wird beim Deutschen Handball-Bund (DHB) nach diesem Turnier aufhören.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Für seine Familie, für seine Heimat Island, für eine neue Tätigkeit im japanischen Handball. Kein Neuland für ihn, Sigurdsson hat schon einmal in Japan gearbeitet, er hat sich dort wohl gefühlt. Und dass er bald zurückkehrt, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er dadurch mehr Freiraum erhält für das Private, für das Leben in Island. Er hat eine sehr enge Beziehung zu seinen Wurzeln, er liebt die Natur, das Wasser, das Feuer und das Eis. „Viel Platz“, sagt Sigurdsson, „viel Freiheit.“ Ein Rückzugsgebiet für ihn, ein paar Mal im Jahr wenigstens, so war es zuletzt. Künftig wird für ihn diese Welt wieder viel näher sein.

          Ein sonniger Tag in Kamen. Und nichts zu spüren von Abschiedsstimmung. Nicht beim Bundestrainer, nicht bei den Nationalspielern. „Dagur ist nach der Weltmeisterschaft weg?“, fragt Torhüter Andreas Wolff kokett. Vorläufig nebensächlich. „Die Zukunft kommt sowieso“, sagt Wolff. Der Kieler spricht aber auch voller Anerkennung über den 43 Jahre alten Isländer, über dessen kurze und doch sehr erfolgreiche Ära beim DHB.

          Sigurdsson hat den deutschen Handball sozusagen wieder wachgeküsst, er hat beträchtlichen Anteil daran, dass Deutschland wieder wer ist in diesem Sport, er hat dem Team ein Gesicht gegeben und eine Identität verliehen. Europameister, Olympia-Dritter, eine exzellente Bilanz. Da wäre es nicht schlecht, sagt Wolff, könnte das Nationalteam Sigurdsson nun noch ein spezielles Geschenk machen: den WM-Titel, exakt zehn Jahre nach dem WM-Triumph in Deutschland, mit Heiner Brand als Bundestrainer. „Hoffentlich können wir ihm damit den Weg gen Osten bereiten“, sagt Wolff, „wir haben ihm viel zu verdanken.“

          „Top sechs, das wäre mir sehr lieb“

          Bei Sigurdsson ist zumindest in der Öffentlichkeit nicht die Rede von dem Bestreben, den nächsten großen Coup zu landen. Er sagt nur: „Top sechs, das wäre mir sehr lieb.“ Heißt: Möglichst ein bisschen besser abschneiden als bei der vergangenen WM in Qatar, wo die Deutschen Siebte geworden waren. Sie sind zwar jetzt keine Art Wundertüte, allerdings ist Sigurdsson wieder einmal gezwungen zu tüfteln, weil Spieler wegen einer Verletzung fehlen, weil Spieler für Frankreich abgesagt haben, um sich ein wenig Ruhe zu gönnen angesichts der ewigen Hatz durch die Handballhallen. Sigurdsson bleibt dennoch unaufgeregt und unerschrocken, er kennt solche Situationen schließlich zur Genüge.

          Der Isländer hatte auch in der Vergangenheit immer wieder auf Stammkräfte verzichten müssen. Und trotzdem ein wehrhaftes Aufgebot zusammenstellen können. Wie bei der Europameisterschaft in Polen, wo die Deutschen als „Bad Boys“ ihr Glück gemacht hatten. „Im Kader ist Bewegung“, sagt Sigurdsson nun lapidar, „ich mache mir keine großen Sorgen, ich mache mir keinen Kopf.“ Wird schon wieder funktionieren, mit ihm als unbeirrbarem Anführer, der sein Team mit Akribie und mit Realismus auf die Prüfungen in Frankreich vorbereitet. „Manchmal ist man Favorit“, sagt Sigurdsson, „manchmal Underdog.“ Wenn aber das Spiel angepfiffen werde, „hat das keine Bedeutung“.

          Der EM-Titel vor einem Jahr war der größte Triumph bisher unter Sigurdsson.

          Sigurdsson mag sich nicht ablenken, nicht in ein Schema pressen lassen. Er beschränkt sich auf das, was ihm wesentlich erscheint. Und ist kurz angebunden bei Themen, die seiner Ansicht nach keine Relevanz besitzen. In Kamen ist Finn Lemke so ein Fall, ein 2,10 Meter langer Abwehrspieler.

          Als jemand wissen will, warum Lemke nur in der Verteidigung eingesetzt werde und mit seinem Gardemaß nicht auch im Angriff eine Rolle spiele, entgegnet Sigurdsson kühl: „Die Frage passt heute nicht. Die Spieler kommen mit den Qualitäten, die sie haben.“ Also: Lemke ist und bleibt ein Gesicht der Defensive, Punkt. Obwohl der Handball-Lehrer Sigurdsson sich andererseits nicht unbedingt an ein System klammert, sondern seine Entscheidungen pragmatisch und flexibel den Herausforderungen anpasst, die ihm gestellt werden. Er sagt: „Es ist nicht so, dass man auf Autopilot drücken kann und alles läuft von alleine.“

          „Ich probiere mich gerne selbst aus“

          Ein Bastler, ein Verwandler, ein Segen für den DHB. Aber auch einer, bei dem sich nicht alles um Handball dreht. Sigurdsson hat zum Beispiel eine Affinität zum Fußball, war sogar isländischer U-17-Nationalspieler, ehe er sich entschloss, eine Handballkarriere einzuschlagen. Obwohl: „Meine Trainerlaufbahn war auch nicht großartig geplant.“ Aber er wurde dadurch zu einem Handlungsreisenden in Sachen Handball. Mit Stationen wie Wuppertal, Hiroshima oder Bregenz. „Die Sachen kommen, wie sie kommen“, sagt er. Ein umtriebiger, ein vielseitiger Mann, ein Tausendsassa fast. „Ich probiere mich gerne selbst aus.“

          Sigurdsson mag das Angeln und das Reiten und das Motorradfahren. Brummte mit seiner Harley gelegentlich durch Berlin. Und betont: „Ich sehe das nicht als Hobby, sondern mehr, um von A nach B zu fahren. Das passt ganz gut zur Stadt.“ Er spielt Gitarre zum Hausgebrauch, bewegt Dame und König auf dem Schachbrett. Und er ist in besonderem Maße geschäftstüchtig. „Meine erste Kneipe“, sagt Sigurdsson, „habe ich mit 19 oder 20 eröffnet.“ Inzwischen fungiert er als Mitbesitzer eines Hotels auf Island, eines Gourmetrestaurants, einer Pizzeria, zu seinem Portfolio zählt sogar der Handel mit Autoteilen.

          Außerdem entwickelte Sigurdsson eine App, die einen virtuellen Trophäenschrank darstellt. Unternehmungen, die sich für den Isländer lohnten. „Keine Pleite, die mich zurückgeworfen hätte.“ Und eine Menge Erfahrungen, die sich gewiss auch in seinem sportlichen Wirken bezahlt gemacht haben. „Er ist unheimlich wissbegierig“, sagt Bob Hanning, DHB-Vizepräsident, über Sigurdsson. „Und er hat keine Angst.“ So einen hatten sie gebraucht im Handball-Bund, einen mit frischen Gedanken, mit neuem Zugang zu Spielern und Verband.

          Sigurdsson wurde mit einem Vertrag bis 2020 ausgestattet, und das große Ziel lautete: Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio. Davon rückt der DHB nicht ab, allerdings wird nun ein anderer dieses Projekt übernehmen müssen. Ein Deutscher wahrscheinlich, Christian Prokop vielleicht oder Markus Baur.

          „Kein Typ, der solche Dinge groß dramatisiert“

          Sie gelten derzeit als die aussichtsreichsten Kandidaten auf die Nachfolge von Sigurdsson. Wenige Wochen nur noch, dann wird er Geschichte sein im deutschen Handball. Einer, der tiefe Spuren hinterlässt, prägend, unverwechselbar. Und auch ein „Eismann“ wie Sigurdsson wird dann Emotionen offenbaren. „Es wird schmerzhaft, diese Mannschaft zu verlassen.“ Er bescheinigt ihr eine große Perspektive, „und es ist natürlich etwas bitter, dass man dann nicht dabei ist“.

          Es gehört jedoch zum Wesen von Sigurdsson, sich in diesem Zusammenhang auch so zu äußern: „Ich bin kein Typ, der solche Dinge groß dramatisiert.“ Ist ja auch erst einmal noch was zu erledigen; das erfordert die ganze Aufmerksamkeit. Und der scheidende Sigurdsson sagt über die WM: „Ist cool, macht Spaß.“ Klingt angriffslustig. Wie in der Stunde, als die isländische Zeitrechnung im deutschen Handball begann.

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