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Abschied nach WM 2017 : Wie Sigurdsson den deutschen Handball wachküsste

Der EM-Titel vor einem Jahr war der größte Triumph bisher unter Sigurdsson.

Sigurdsson mag sich nicht ablenken, nicht in ein Schema pressen lassen. Er beschränkt sich auf das, was ihm wesentlich erscheint. Und ist kurz angebunden bei Themen, die seiner Ansicht nach keine Relevanz besitzen. In Kamen ist Finn Lemke so ein Fall, ein 2,10 Meter langer Abwehrspieler.

Als jemand wissen will, warum Lemke nur in der Verteidigung eingesetzt werde und mit seinem Gardemaß nicht auch im Angriff eine Rolle spiele, entgegnet Sigurdsson kühl: „Die Frage passt heute nicht. Die Spieler kommen mit den Qualitäten, die sie haben.“ Also: Lemke ist und bleibt ein Gesicht der Defensive, Punkt. Obwohl der Handball-Lehrer Sigurdsson sich andererseits nicht unbedingt an ein System klammert, sondern seine Entscheidungen pragmatisch und flexibel den Herausforderungen anpasst, die ihm gestellt werden. Er sagt: „Es ist nicht so, dass man auf Autopilot drücken kann und alles läuft von alleine.“

„Ich probiere mich gerne selbst aus“

Ein Bastler, ein Verwandler, ein Segen für den DHB. Aber auch einer, bei dem sich nicht alles um Handball dreht. Sigurdsson hat zum Beispiel eine Affinität zum Fußball, war sogar isländischer U-17-Nationalspieler, ehe er sich entschloss, eine Handballkarriere einzuschlagen. Obwohl: „Meine Trainerlaufbahn war auch nicht großartig geplant.“ Aber er wurde dadurch zu einem Handlungsreisenden in Sachen Handball. Mit Stationen wie Wuppertal, Hiroshima oder Bregenz. „Die Sachen kommen, wie sie kommen“, sagt er. Ein umtriebiger, ein vielseitiger Mann, ein Tausendsassa fast. „Ich probiere mich gerne selbst aus.“

Sigurdsson mag das Angeln und das Reiten und das Motorradfahren. Brummte mit seiner Harley gelegentlich durch Berlin. Und betont: „Ich sehe das nicht als Hobby, sondern mehr, um von A nach B zu fahren. Das passt ganz gut zur Stadt.“ Er spielt Gitarre zum Hausgebrauch, bewegt Dame und König auf dem Schachbrett. Und er ist in besonderem Maße geschäftstüchtig. „Meine erste Kneipe“, sagt Sigurdsson, „habe ich mit 19 oder 20 eröffnet.“ Inzwischen fungiert er als Mitbesitzer eines Hotels auf Island, eines Gourmetrestaurants, einer Pizzeria, zu seinem Portfolio zählt sogar der Handel mit Autoteilen.

Außerdem entwickelte Sigurdsson eine App, die einen virtuellen Trophäenschrank darstellt. Unternehmungen, die sich für den Isländer lohnten. „Keine Pleite, die mich zurückgeworfen hätte.“ Und eine Menge Erfahrungen, die sich gewiss auch in seinem sportlichen Wirken bezahlt gemacht haben. „Er ist unheimlich wissbegierig“, sagt Bob Hanning, DHB-Vizepräsident, über Sigurdsson. „Und er hat keine Angst.“ So einen hatten sie gebraucht im Handball-Bund, einen mit frischen Gedanken, mit neuem Zugang zu Spielern und Verband.

Sigurdsson wurde mit einem Vertrag bis 2020 ausgestattet, und das große Ziel lautete: Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio. Davon rückt der DHB nicht ab, allerdings wird nun ein anderer dieses Projekt übernehmen müssen. Ein Deutscher wahrscheinlich, Christian Prokop vielleicht oder Markus Baur.

„Kein Typ, der solche Dinge groß dramatisiert“

Sie gelten derzeit als die aussichtsreichsten Kandidaten auf die Nachfolge von Sigurdsson. Wenige Wochen nur noch, dann wird er Geschichte sein im deutschen Handball. Einer, der tiefe Spuren hinterlässt, prägend, unverwechselbar. Und auch ein „Eismann“ wie Sigurdsson wird dann Emotionen offenbaren. „Es wird schmerzhaft, diese Mannschaft zu verlassen.“ Er bescheinigt ihr eine große Perspektive, „und es ist natürlich etwas bitter, dass man dann nicht dabei ist“.

Es gehört jedoch zum Wesen von Sigurdsson, sich in diesem Zusammenhang auch so zu äußern: „Ich bin kein Typ, der solche Dinge groß dramatisiert.“ Ist ja auch erst einmal noch was zu erledigen; das erfordert die ganze Aufmerksamkeit. Und der scheidende Sigurdsson sagt über die WM: „Ist cool, macht Spaß.“ Klingt angriffslustig. Wie in der Stunde, als die isländische Zeitrechnung im deutschen Handball begann.

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