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Handball-WM : Spezialist auf Abruf

  • -Aktualisiert am

Der Mann fürs Grobe: Oliver Roggisch Bild: dpa

Oliver Roggisch ist in der deutschen Abwehr der Fachmann fürs Rustikale. Der moderne Handball erfordert aber flexiblere Spieler - wie Preiß, Haaß oder Gensheimer. Diesen Montag (18.30 Uhr) gegen Spanien sind beide Facetten gefragt.

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          Oliver Roggisch ist ein Mann mit breiten Schultern, ihm können einige Lasten aufgebürdet werden. Das ist ja auch jahrelang so in der Handball-Nationalmannschaft gewesen, in der Roggisch eine Säule war - im Zentrum der Abwehr. Wuchtig warf er sich den Widersachern entgegen, für manche von ihnen war das ein sehr schmerzhaftes Erlebnis. Allerdings überschritt der Mann von den Rhein-Neckar Löwen dabei immer wieder auch Grenzen - er handelte sich für seine Handgreiflichkeiten oft Bußen ein. Bei der Weltmeisterschaft in Schweden war aber zunächst nicht viel von Roggisch zu sehen. Gegen Ägypten hatte Bundestrainer Heiner Brand ganz auf ihn verzichtet. Beim 38:18-Sieg am Sonntag gegen Bahrein mischte Roggisch erst nach 15 Minuten mit; zu diesem Zeitpunkt hatten die Deutschen bereits 12:6 gegen das Handball-Leichtgewicht geführt. Brand versuchte jedoch gleich deutlich zu machen, mit seiner Strategie keineswegs über Stamm und Reserve entschieden zu haben. „Wir brauchen jeden einzelnen Spieler.“

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Tatsächlich aber hatten Kreisläufer Sebastian Preiß und Spielgestalter Michael Haaß gegen Ägypten eine funktionierende Gemeinschaft in der Mitte der Abwehr gebildet, wo eigentlich Roggisch seinen Platz hat. Assistiert wurden sie auf der halblinken Verteidigungsposition von dem Aufsteiger Uwe Gensheimer, der zwar eher schmächtig ist, durch seine Wendigkeit aber auch ein belebendes Element in der Deckung darstellt. Dazu lässt sich mit dem Linksaußen von den Rhein-Neckar Löwen im Hochgeschwindigkeitssport Handball schnell auf Angriff umschalten; so war gegen Ägypten der Gegenstoß ein erfolgreiches Mittel der Deutschen. Das ist natürlich auch mit Dominik Klein möglich, der Gensheimer am Sonntag lange vertrat. Brand schickte dazu den Flensburger Kreisläufer Jacob Heinl, den Berliner Sven-Sören Christophersen oder Lars Kaufmann, der neun Tore warf, aufs Feld. Er konnte sich getrost einige Experimente erlauben vor der Bewährungsprobe an diesem Montag im Duell mit Spanien.

          Roggisch agiert nahezu ausschließlich als Zerstörer

          Auch mit dem Lemgoer Preiß und dem Göppinger Haaß verliert Brands Team keine Zeit, wenn es zur Attacke übergeht. Preiß ist schließlich darin in der Regel ebenso involviert wie Haaß - im Gegensatz zu Roggisch, der nahezu ausschließlich als Zerstörer agiert. Mit ihm ist somit immer eine Tauschaktion notwendig: Roggisch rennt, sobald die Deutschen wieder den Ball in den Händen haben, zur Bank, er wird dann im Eiltempo durch eine Offensivkraft ersetzt. Das kann den Spielfluss dennoch ein wenig hemmen, und Brand macht kein Hehl daraus, dass er im Grunde kein großer Freund dieses Systems ist. „So sehr liebe ich den Spezialistenwechsel nicht“, sagt der Gummersbacher. Er scheint zum modernen Handball nicht mehr so recht zu passen.

          Zupackend gegen Bahrain: Roggisch ist ausschließlich in der Abwehr aktiv
          Zupackend gegen Bahrain: Roggisch ist ausschließlich in der Abwehr aktiv : Bild: REUTERS

          Für Brand steht dennoch außer Frage, dass auch Roggisch in Schweden noch von Bedeutung für die Deutschen sein wird - womöglich an diesem Montag, wenn in Kristianstad im Duell mit Spanien (18.30 Uhr / Handball-WM im FAZ.NET-Liveticker) die erste große Bewährungsprobe ansteht. „Roggisch wird sehr wichtig bleiben“, behauptet der Bundestrainer, auch wenn er nicht unbedingt immer zur ersten Wahl gehöre. Roggischs Vorteil: Er kann im Fall des Falles seine Mitstreiter durch seine impulsive Art aufrütteln. „Der kommt und bringt Stimmung rein“, sagt Brand. Dagegen sind Preiß und Haaß eher ruhige Zeitgenossen, „das kann schon mal ein Problem sein“.

          Auf die Schnelle müssen Antworten gefunden werden

          Gegen Ägypten jedoch hatte kein Grund zur Klage bestanden, die deutsche Defensive verrichtete ihr Werk meist zufriedenstellend. Dabei stellte Brand auch mit Genugtuung fest, dass auf den WM-Debütanten Gensheimer Verlass ist. Mehr noch: Der Mannheimer gilt bereits jetzt als unverzichtbarer Bestandteil des Teams, nicht zuletzt wegen seiner Vielseitigkeit. Ob in der hinteren Reihe oder in vorderster Linie: Gensheimer, der Klubkollege von Roggisch, steht seinen Mann. Für den flinken und trickreichen Linksaußen erfordert die Aufgabe, die halblinke Seite abzusichern, jedoch ein beträchtliches Maß an Flexibilität. Immerhin, sagt Gensheimer, müsse man sich auf diesem Posten immer mit zwei Nebenleuten absprechen, „das macht es ein bisschen komplizierter“.

          So müssen, auf die Schnelle, Antworten auf mehrere Fragen gefunden werden. Wer stemmt sich dem Schützen entgegen? Wer achtet auf den Kreisläufer? Wer reagiert auf die Kreuzbewegungen des Gegners? Das ist nur mit ständiger Kommunikation zu schaffen. Viel, sagt Gensheimer, könne man aber auch durch Bewegung wettmachen. Er ist ja sehr geübt darin, er hatte sich in Lund somit gut ergänzt mit Preiß und Haaß. Das gefiel dem Bundestrainer, aber auch dem Beobachter Roggisch: „Die Jungs haben es gut gemacht.“ Vielleicht hatte er schon ein Zukunftsmodell gesehen. Mit Spielern, deren Einsatzgebiet sich über das ganze Feld erstreckt und nicht nur auf eine kleine Zone - mit Spezialisten, die den ganzheitlichen Handball verkörpern.

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