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Handball-WM : Rätselhafter Einbruch

  • -Aktualisiert am

Der Spanier Julen Aguinagalde Akizu kurz vor dem Wurf Bild: dapd

Nach zwei leichten Siegen zum Auftakt gegen Ägypten und Bahrein führt die deutsche Nationalmannschaft bei der Handball-Weltmeisterschaft in Schweden auch gegen Spanien - und verliert spät.

          3 Min.

          An Emotionen mangelte es nicht, vor allem bei Heiner Brand. Mal fuchtelte er, wie von der Tarantel gestochen, mit den Armen. Mal versuchte er, beruhigend auf die deutsche Bank einzuwirken. Er hatte viel zu tun am Montagabend in Kristianstad bei der Auseinandersetzung mit Spanien, er war wie immer sehr engagiert. Es war ja auch der erste Härtetest für die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Schweden, und den Druck spürte auch der Bundestrainer. Die Last wurde für ihn keineswegs geringer an diesem eigenartigen Abend, an dem die Deutschen eine 24:26-Niederlage hinnehmen mussten - obwohl die Möglichkeit gegeben war, Spanien zu schlagen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          „Wir müssen versuchen, das aus den Köpfen rauszukriegen“

          Aber Deutschland erlebte noch einen Einbruch, nach fast 50 Minuten, und es war sich danach selbst ein Rätsel. „Ich weiß nicht, warum wir die Handbremse angezogen haben“, klagte der Kieler Dominik Klein nach der verpassten Gelegenheit. Brand sah in diesen letzten zehn Minuten „zu viele technische Fehler“, er sagte mit düsterer Miene: „Wir sind etwas traurig.“

          Michael Kraus (l.) kämpft mit Spaniens Roberto Garcia Parrondo um den Ball

          Die Deutschen können trotzdem noch die nächste Runde der WM erreichen, sie treffen am Mittwoch auf Frankreich und danach auf Tunesien. Vorerst aber geht es darum, zehn Minuten von Kristianstad möglichst zu vergessen. „Wir müssen versuchen“, sagte Kapitän Pascal Hens, „das aus den Köpfen rauszukriegen.“

          Natürlich hatten die Deutschen einigen Respekt vor ihren Widersachern, nicht zuletzt vor dem „serbischen Bär“, vor Arpad Sterbik also, dem aus Serbien stammenden Torhüter der Spanier. Ihm eilte ja ein Ruf wie ein Donnerhall voraus, er gilt trotz seines massigen Körpers als äußerst beweglich.

          Brand setzte auf Torhüter Bitter - es sollte sich lohnen

          Sterbik, der beim spanischen Spitzenklub Ciudad Real unter Vertrag steht, wird - zusammen mit dem Franzosen Thierry Omeyer - zu den besten Vertretern seiner Zunft gezählt. Aber eigentlich sollten die Deutschen sich dadurch nicht wirklich schrecken lassen, Brand hatte ja immer wieder auf das gewachsene Selbstvertrauen seiner Spieler hingewiesen.

          Und überhaupt: Deutschland verfügt ebenfalls über exzellente Torleute. Am Montag setzte der Bundestrainer auf den Hamburger Johannes Bitter, vermutlich wegen dessen großer Erfahrung - es sollte sich lohnen. Bitter und seine Mitstreiter wurden von einer kleinen Kolonie deutscher Fans in Kristianstad unterstützt, auf Transparenten war die Marschrichtung vorgegeben worden: „Es gibt nur ein Gas - Vollgas.“

          Die Schiedsrichter waren nicht kleinlich mit Zeitstrafen

          Aber das war natürlich so eine Sache. Die Deutschen erarbeiteten sich zwar bald eine Führung, doch dafür war ein hoher Einsatz notwendig - und wirklich distanzieren ließen sich die Spanier ebenfalls nicht. Im Gegenteil, sie kamen wieder auf, weil dem deutschen Team im Angriff manches missglückte und dadurch spanische Gegenstöße ermöglicht wurden.

          Da aber auch die Spanier Unzulänglichkeiten in der Offensive offenbarten und außerdem Torwart Bitter einige Male auf der Hut war, ergab sich im ersten Teil dieses Duells kein Vorteil für eines der beiden Teams - 13:13. Brand konnte auf alle Fälle mit dem Behauptungswillen seiner Gefolgsleute zufrieden sein, allerdings zahlten die Deutschen dafür schon früh einen hohen Preis.

          Die beiden dänischen Schiedsrichter waren mit Zeitstrafen nicht gerade kleinlich, und davon war just der deutsche Mittelblock in der Deckung stark betroffen. Der Göppinger Michael Haaß war bereits nach acht Minuten zweimal kurzfristig des Feldes verwiesen worden, auch Kreisläufer Sebastian Preiß und Lars Kaufmann mussten in den ersten 30 Minuten von Kristianstad zwei unfreiwillige Pausen hinnehmen. Das erhöhte den Schwierigkeitsgrad für die Deutschen in dem Schlagabtausch mit dem Weltmeister von 2005.

          Die Deutschen wurden dezimiert

          Brand schickte danach meist Oliver Roggisch ins Zentrum der Abwehr. Kaufmann kam dafür bald nicht mehr in Frage: Er sah nach dem dritten Ausschluss, offensichtlich wegen eines Wechselfehlers, die Rote Karte. Wenig später folgte ihm Preiß.

          Die Deutschen wurden dezimiert, trotz aller Handicaps, trotz einer Blessur von Rechtsaußen Christian Sprenger ließen sie in ihrem Eifer aber nicht nach, zumal Bitter mit gelungenen Paraden immer wieder aufbauend wirkte - er konnte mit Sterbik auf alle Fälle mithalten. Nach 48 Minuten hatten die Deutschen plötzlich sogar einen Vorsprung von drei Toren (21:18), sie hatten ihn sich mit vereinten Kräften erkämpft, mit Spielern wie Jacob Heinl, Sven-Sören Christphersen oder Adrian Pfahl, die noch nicht so viele Bewährungschancen erhalten hatten.

          Minutenlang jedoch - das war das andere, das triste Gesicht der Deutschen - trafen diese Spieler danach überhaupt nicht mehr. Das schien ihre Unerfahrenheit, ihre fehlende Cleverness zu belegen. Der deutsche Angriff stockte mit einem Mal, niemand gab ihm eine Struktur, auch der enttäuschende Michael Kraus nicht. Spanien nutzte diese Schwächephase prompt - und bescherte Handball-Deutschland einen ernüchternden Abend in Kristianstad.

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