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Handball : Vom Fußball lernen

Sehnsucht nach Fußball: Handball-Bundestrainer Heiner Brand Bild: REUTERS

Bundestrainer Heiner Brand kritisiert einmal mehr die Nachwuchsförderung der Bundesligavereine. Der Handball soll mehr auf den „großen Bruder“ Fußball schauen.

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          Heiner Brand gehört zu den Vielfahrern im Lande, jährlich legt er etwa 70.000 Kilometer mit dem Auto zurück. Das hat mit seinen Beobachtungen in der Bundesliga zu tun, aber nicht immer geht es dabei um Spiele. So hat der Handball-Bundestrainer nun einen Besuch in Wetzlar angekündigt, er wird sich dort über das Leistungszentrum informieren, das sich um Handball-Talente kümmert. Das liegt Brand ja sehr am Herzen, er betont das immer wieder, und häufig klagt der Gummersbacher auch über ein angeblich zu schwaches nationales Element in der Bundesliga. Das ist vor der in der nächsten Woche beginnenden neuen Saison nicht anders, dabei verweist Brand auch gerne auf den Fußball, der für ihn eine Art Vorbild darstellt.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Auch Brand hat mit Wohlwollen das Auftreten der jungen deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Südafrika verfolgt, und er wäre froh, würde sich der Handball daran ein Beispiel nehmen, aber Brand sieht keinerlei Anzeichen dafür. „Ich habe mal gewartet“, sagt er. Doch nichts sei geschehen, klagt er, „man scheint da resistent zu sein“.

          Seine Attacke zielt auf die Bundesliga, auf Klubs, die vorwiegend auf ausländische Kräfte setzen, zum Leidwesen des Bundestrainers. Das sei ein Problem der Philosophie in den Vereinen, sagt Brand. Und betont, dass es doch auch anders gehe, im Fußball macht dies nach Ansicht Brands etwa der FC Bayern München vor. Der wolle international ja auch weiterkommen, sagt Brand, wie im Handball beispielsweise der THW Kiel oder der HSV Hamburg - und doch erhalte in München der eigene Nachwuchs eine Chance, Brand nennt aufstrebende Profis wie Thomas Müller oder Holger Badstuber.

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          Ligamanager Thorsten Storm fordert mehr Professionalität im Handball : Bild: ap

          Wetzlar als gutes Beispiel

          Im Handball gibt es in dieser Hinsicht laut Brand eindeutig zu wenig Bewegung, obwohl es doch an geeigneten Spielern gar nicht mangele. So zählen die deutschen Junioren seit einiger Zeit zur Weltspitze; im vergangenen Jahr waren sie erstmals Weltmeister geworden, bei der Europameisterschaft unlängst in der Slowakei wurden sie Vierte. Aber was bringe das schon, sagt Brand, „wenn die Anschlussförderung nicht klappt“. Wenn diese Spieler also in der Bundesliga kaum zum Zuge kommen. In Wetzlar zumindest dürfte der Bundestrainer eine erfreuliche Entwicklung erkennen, die Mittelhessen selbst sind fest davon überzeugt.

          Gerade, erzählen sie zufrieden, habe der Jugend-Nationaltorhüter Ben Christian den Sprung in den erweiterten Kader des Bundesligateams geschafft. Und auf Spieler wie Lars Kaufmann oder Sven-Sören Christophersen, die einst bei der HSG Wetzlar unter Vertrag standen, greift längst auch Brand zurück. Das Leistungszentrum, sagt der Wetzlarer Sprecher Björn Seipp, sei zwar „keine günstige Geschichte“, allerdings trägt es - die Bundesliga betreffend - letztlich doch zur Kostendämpfung bei.

          Fußball ist professioneller

          Die Rhein-Neckar Löwen verfügen über ein deutlich höheres Budget als die HSG Wetzlar, und sie kauften auch vor der neuen Saison kräftig ein - beispielsweise den Kroaten Ivan Cupic, den Norweger Børge Lund oder den Schweizer Andy Schmid. Und für 2011 wurde bereits der Pole Krzysztof Lijewski vom HSV Hamburg verpflichtet, der dann angeblich 600000 Euro pro Jahr verdienen soll. Kritik von Brand mag Löwen-Geschäftsführer Thorsten Storm sich trotzdem nicht gefallen lassen, weil er ja auch die „nationale Garde“ nicht unberücksichtigt lasse - dafür stehen etwa Uwe Gensheimer und Patrick Groetzki, die inzwischen ebenfalls Nationalspieler sind.

          Storm findet ohnehin, dass viel zu viel gestritten werde im deutschen Handball, dass man nicht immer über die vermeintlich „böse Bundesliga“ herziehen solle, „das macht Joachim Löw auch nicht“. So landet plötzlich auch Storm beim Fußball, wie Brand schreibt er ihm eine Vorbildfunktion zu, allerdings interpretiert er das ein bisschen anders als der Bundestrainer. Storm findet, dass der Fußball seine Angelegenheiten intelligenter und professioneller anpacke als der Handball.

          Brand soll Feuer entfachen

          Brand, behauptet Storm, könne mit seiner Strahlkraft entscheidend zu einer Besserung im Handball beitragen, zu einem gedeihlicheren Miteinander zwischen der Handball-Bundesliga und dem Deutschen Handball-Bund - er versucht also just den Mann als Schlichter in die Pflicht zu nehmen, der unlängst noch über die Löwen gesagt hatte: „Für meine Begriffe sind bei denen einige Dinge schwer nachvollziehbar in der Personalplanung.“

          Man müsse Brand und dessen Reputation konsequenter nutzen zum Wohl des deutschen Handballs, fordert Storm dennoch, er spricht von „verschenkten Ressourcen“. Ob Brand, der mit der Liga immer wieder im Clinch liegt, da wohl mitspielen würde? Das scheint trotz einer aktuellen Nachricht aus Mannheim, die auch Brand gerne vernehmen dürfte, fraglich zu sein: Ein Sponsor der Rhein-Neckar Löwen, eine Bank, kündigte soeben an, künftig pro Tor 25 Euro zu spenden - für die Jugendarbeit.

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