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Handball : Pascal Hens und die neue Schlichtheit

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Abschied vom Irokesen: Für Pascal Hens ist die Saison 2010/11 bislang eine einzige Enttäuschung Bild: dpa

Für den bekanntesten deutschen Handballspieler ist die laufende Saison bislang eine einzige Enttäuschung: Der junge Vater Pascal Hens erlebt die Spiele seines HSV zumeist von der Bank. Denn selbst schwächere Gegner haben sein Spiel längst durchschaut.

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          Manchmal wirkt er, als mache ihm das Draußensitzen inzwischen mehr Spaß als dabei zu sein. Dann springt er auf von der Bank, klatscht in die Hände, spornt die Kollegen an, gibt Tipps. Setzt sich wieder. Legt ein Handtuch auf die Beine. Und wartet auf seinen Einsatz. Pascal Hens ist in einer schwierigen Phase seiner langen Laufbahn angekommen. Zum ersten Mal seit Jahren hat er eine Vorbereitung beim HSV Handball weitgehend unverletzt abgeschlossen, er wirkt austrainiert wie lange nicht. Es gibt also keine Gründe, warum der bekannteste deutsche Handballspieler den Weg zurück zu alter Stärke verpassen sollte zu Beginn des vierten Lebensjahrzehnts und nach zwei Spielzeiten, in denen er seinem Arbeitgeber wenig anbieten konnte.

          Doch die Realität ist dieser Tage eine andere: Der andere halblinke Rückraumspieler der Hamburger befindet sich im Formhoch und wirft die wichtigen Tore, der Kroate Blanzenko Lackovic. Pascal Hens hingegen hat noch gar nicht in die Spielzeit gefunden: mal ein Tor, mal zwei, manchmal trifft er auch gar nicht, wie vor einer Woche in der Champions League in Veszprem.

          In Hamburg wissen sie ja, was sie an ihrem Fanliebling und Aushängeschild haben – Hens spielt seit 2003 für den HSV, er ist längst das Gesicht des Spitzenklubs. Die alten Verdienste mildern das aktuelle Urteil über ihn. Trainer Martin Schwalb sagt: „Gegen offensive Abwehrreihen sieht er nicht so gut aus.“ Wenn der Gegner nicht zu sechst am Kreis wartet, sondern attackiert, fehlt Hens der Platz. Er wird dann sofort „festgemacht“, noch bevor er den Ball fangen, abspringen und werfen kann. Jeder weiß ja, wie Hens spielt, und seit sich auch kleine Vereine wie Hannover-Burgdorf oder Balingen trauen, offensiv zu decken, gelingen ihm selbst gegen diese Klubs nur ein, zwei Tore. Auch deswegen war die Spielzeit 2010/2011 bislang eine einzige Enttäuschung für Pascal Hens.

          Es war einmal: Pascal Hens, Symbolfigur des deutschen handballs (Foto vom Länderspiel im März gegen die Schweiz)
          Es war einmal: Pascal Hens, Symbolfigur des deutschen handballs (Foto vom Länderspiel im März gegen die Schweiz) : Bild: APN

          Vielleicht gelingt ihm an diesem Samstag in der Champions League bei Kolding IF ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber für Hens’ Art, Handball zu spielen, gibt es keinen B-Plan: immer voll drauf, das ist seine Spielweise. Hochsteigen, werfen, hinfallen. Hens beklagt das nicht, er sagt: „Wir sind in einer Vollkontaktsportart. Da knallt es auch mal.“

          Lästern über den Rentenvertrag

          Noch im Sommer war Hens ein glücklicher Mann. Im Juni wurde Sohn Noah Ben geboren, wenige Wochen davor verlängerte er seinen Vertrag beim HSV bis 2015. Ein Rentenvertrag, lästerten einige. In jedem Fall ein ungewöhnlicher Kontrakt, denn HSV-Präsident Andreas Rudolph hatte gerade angekündigt, den teuren Kader verkleinern zu wollen. Da wurde plötzlich über jahrelange Spitzenkräfte wie die Gebrüder Gille diskutiert, deren Verträge zum Ende der Saison auslaufen. Bei Hens wurde der Wert für den ganzen Verein hervorgehoben. Es ist nicht so leicht als lebendes Denkmal.

          Hens fordert ja keine Sonderrechte im Verein, aber wenn die Spiele vorbei sind, bestürmen nun mal ihn die Kinder und wollen Autogramme, und wenn irgendwie für den Handball und den HSV geworben werden soll, kommt man an Hens schwer vorbei. Sein erfahrener Berater Wolfgang Gütschow hat aus Hens den einzigen deutschen Handballer gemacht, der von den Nebeneinkünften aus Werbung und Auftritten leben kann. Dass er in der letzten Saison kaum 100 Tore warf, ist da nebensächlich.

          Und doch ist so einer (noch) von großem Wert für Verein und Nationalmannschaft. Mit großer Professionalität hat er sich nach jeder Verletzung zurückgebissen. Er lebt die Begeisterung für seinen Sport vor und möchte natürlich bei den Olympischen Spielen 2012 dabei sein, nachdem Peking 2008 so schmerzlich für ihn endete und er sich so schwer am linken Schienbein verletzte, dass die ganze Saison hin war. Pascal Hens ist jetzt Deutschlands Kapitän; er ist der Lieblingsspieler von Bundestrainer Heiner Brand. Ende Oktober geht es in den EM-Qualifikationsspielen gegen Österreich und Lettland. Da will Hens unbedingt dabei sein. „Allein durch seine Anwesenheit gibt Pascal der Mannschaft Sicherheit und Stabilität, er ist enorm wichtig für uns“, sagt Brand.

          Mit 30 Jahren, als junger Vater, verheiratet, ausgestattet mit einem Rentenvertrag, scheint es auch optisch, als sei Hens erwachsen geworden. Denn das, was jugendlich, frech, unangepasst wirkte, ist weggeschnitten: mit seiner neuen Frisur erkennt man ihn kaum wieder. Millimeterkurze Stoppeln ersetzen den Irokesen. Große Symbolik wollte Hens der neuen Schlichtheit nicht beimessen. Man interpretiert aber wohl nicht zu viel, wenn man sagt, dass der bekannteste deutsche Handballer nur noch durch Leistung auffallen will.

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